Woodstock in Timbuktu – die Kunst des Widerstands

Über das sagenumwobene „Festival au Désert“ in Mali und den Touareg-Musikern, die mit E-Gitarren die Wüste beleben, konnten man in den letzten zwei Jahren immer wieder auch in der hiesigen Musikpresse lesen. Filmemacherin Désirée von Trotha, die sechs Monate im Jahr in der Sahara verbringt, reiste 2012 dorthin und porträtierte die kreativen Protagonisten der Nomadenbevölkerung Kel Tamaschek.

Webseite: www.woodstockintimbuktu.de

Deutschland 2012
Regie: Désirée von Trotha
Länge: 95 Minuten
Verleih: Cindigofilm
Start: 16.5.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es ist wohl das ungewöhnlichste Musik-Festival der Welt: Vor den Toren von Timbuktu wird für drei Tage ein spektakuläres Zelt-Dorf errichtet. Mitten in der Wüste. Mitten zwischen den Dünen. Die Organisatoren müssen für das Happening provisorische Wasserleitungen verlegen und Strecken für Kamelrennen in ihre Pläne einzeichnen. Kinder tollen durch den Sand, während Touareg in üppigen Gewändern in den vielen Zelten sitzen oder vor der großen Bühne stehen und den Bands lauschen. Diese heißen „Bombino“ oder „Amanar“, die viele Dank YouTube und Facebook auch hierzulande schon mal zu Gesicht und Ohren bekommen hat.

Doch auch wenn der Filmtitel vielleicht etwas in die Irre führt: Das dreitägige Festival, das im vergangenen Jahr zum ersten Mal auch internationale Journalisten einlud, dient hier nur für die Rahmenhandlung. Regisseurin Désirée von Trotha geht es primär um das Porträt der Kel Tamaschek, einer Nomadengruppe, die das Festival vor allem deshalb ins Leben gerufen hat, um ihre jahrhundertealte Kultur vor dem Untergang zu bewahren. „Bombino hat die Kalaschnikow gegen die E-Gitarre eingetauscht!“, ruft der Ansager einem jubelnden Festival-Publikum zu. Den Star auf der Bühne nennt man wegen seiner flinken Finger den „Jimi Hendrix der Wüste“.

Die Kel Tamaschek, die den Islam als weltoffene und tolerante Religion interpretieren, welche Gewalt untersagt und die Frau an die Spitze der Gesellschaft stellen, werden in Mali seit Jahren von militanten Salafisten bedroht und verfolgt, die bekanntermaßen eine extremere Auslegung ihrer Glaubensrichtung pflegen. Aktuell sind 150 000 Nomaden auf der Flucht. So zeigt die Dokumentation viele Protagonisten und Intellektuelle der Kel Tamaschek, die beschreiben, wie sie die Musik und vor allem die Gitarre, als Alternative zur Waffengewalt begreifen. Gesalbte Worte wie „Kultur hat keine Beine, der Mensch muss sie tragen“ oder „unsere Musik kann stärker als eine Atombombe sein“, unterstreichen die Dringlichkeit eines vergessenen Volks, das an die Welt appelliert.

Die Filmemacherin taucht dabei selbst als Erzählerin auf und ist während der Interviews oft im Bild zu sehen. Wir sehen eine neugierige und warmherzige Frau, die mit größter Geduld ihren Gesprächspartnern zuhört und vor allem das Gespür besitzt, die Wüste von seiner lebhaftesten Seite zu zeigen: Pittoreske Sonnenuntergänge, Lastwagen, die beinahe ob der Last zerbersten und eine Fülle von Nomaden, die trotz der kargen Bedingungen in denen sie leben, die gleiche Wärme ausstrahlen, wie ihr Gegenüber.
So ist „Woodstock in Timbuktu“ weniger als klassischer Musik- und Festivalfilm, sondern mehr als kulturpolitisches Porträt einer bedrohten Volks zu sehen. Im Abspann kann man lesen, dass die Festivalmacher aktuell in alle Winde zerstreut sind und sich auf der Flucht befinden.

David Siems