Auf zwei Rädern

Kaum etwas dürfte für Eltern schwerer zu ertragen sein als der Tod eines Kindes, noch dazu, wenn dieser durch Suizid erfolgte. Der französische Schauspieler Mathias Mlekuz versuchte diesen Schicksalsschlag auf ganz eigene Weise zu verarbeiten: Durch das erstaunlich beschwingte Roadmovie „Auf zwei Rädern“, Trauerbewältigung auf dem Fahrrad – und mit einigem Alkohol.

 

Über den Film

Originaltitel

À bicyclette !

Deutscher Titel

Auf zwei Rädern

Produktionsland

FRA

Filmdauer

89 min

Produktionsjahr

2025

Produzent

Jean-Louis Livi, Marc-Etienne Schwartz

Regisseur

Mathias Mlekuz

Verleih

Weltkino Filmverleih GmbH

Starttermin

09.07.2026

 

Seit Ende der 90er Jahre steht der fast 60jährige Mathias Mlekuz vor der Kamera, ist meist in Nebenrollen zu sehen, oft in Komödien, in Filmen, die nur in den seltensten Fällen den Weg in die deutschen Kinos fanden. Vor einigen Jahren drehte Mlekuz dann seinen ersten eigenen Film, dem nun mit „Auf zwei Rädern“ ein zweiter folgte.

Anlass war ein schreckliches Ereignis, der Tod seines Sohnes Youri, der im September 2022 starb, der sich im Alter von 28 Jahren das Leben nahm. Einige Jahre zuvor hatte sich Youri auf eine große Fahrradtour begeben, die ihn von der französischen Atlantikküste bei La Rochelle über Deutschland, Ungarn und Rumänien bis in die Türkei, zum Zielort Istanbul führte. Dort hatte er eine Freundin, die nun, nach Youris Tod, Ziel einer Wiederholung der Reise ist.

Die Reiseroute bilden Fotos, die Youri auf seinem Weg gemacht hat und in einem kleinen Bildband abdruckte. Dieses Buch haben Mathias Mlekuz und sein Freund Philippe Rebbot – ebenfalls ein französischer Schauspieler, geboren in Marokko – im Gepäck, als sie sich auf den Weg machen. Besonders fit sind die beiden Herren im nur scheinbar besten Alter zwar nicht, unter dem Hemd wölbt sich gerade bei Mlekuz ein gut genährter Bauch, auch auf einem Rad haben sie lange nicht gesessen, schon gar nicht stunden- tagelang. Und dass die Nächte in einem Zelt verbracht werden, sorgt erst recht für ächzende Knochen.

Aber es soll ja auch nicht um Spaß gehen, sondern um ein Nachspüren der Wege Youris, um eine lange Reise, ja, eine Art Pilgerfahrt, bei der man im besten Fall kleine Antworten auf Fragen bekommen wird, vor allem natürlich auf die Frage des „Warum?“

Denn Youri hat keinen Brief, keine Nachricht hinterlassen, er ist gegangen und hat seinen Freunden und Eltern Rätsel hinterlassen, bzw. vor allem seinem Vater, denn eine Mutter taucht nicht auf, vielleicht wollte sie nicht in der filmischen Trauerbewältigung von Mathias Mlekuz auftauchen, man erfährt es nicht. Ohnehin bleiben Antworten rar, sehr wenig erfährt man über Youri und sein Leben, stattdessen konzentriert sich Mlekuz darauf zu zeigen, was er selber und seinen Freu Phillippe Rebbot auf der langen Fahrt erleben.

Immer wieder kürzen sie die Strecke ab, fahren mal per Anhalter, mal per Bus weiter, auch im Zelt wird nicht immer konsequent übernachtet, wer will es den nicht mehr ganz jungen Herren verdenken? Immerhin führt dies auch zu einer besonders amüsanten Episode, bei der das Duo in Wien in einem Airbnb einer extrem pingeligen Frau übernachten, die ihnen umständlich per Handy-Übersetzungen die ausufernden Regeln erklärt, die in ihrer Wohnung gelten.

Eine der deutlicher inszenierten Szenen in einem Film, der oft bewusst die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation verschwimmen lässt. Mit mobiler, meist leicht wackeliger Kamera gefilmt, bemüht sich Mlekuz um einen authentischen Look, so als hätte das Duo seine Reise tatsächlich so unternommen. Auch wenn dieser Ansatz meist eher etwas vorgetäuscht wirkt, passt er doch zu einer losen, durch die Form vorgegebenen anekdotischen Form, die eher langsam dahinplätschert, als von dramatischen Höhepunkten geleitet zu sein.

So lebt „Auf zwei Rädern“ weniger von bemerkenswerten Erkenntnissen oder Einblicken, als vom Charme seiner beiden unkonventionellen Hauptfiguren, die auf dem Weg nach Istanbul lachen und streiten, interessanten Menschen begegnen und im Zweifelsfall lieber ein Glas zu viel als zu wenig trinken. Am Ende haben sie dann vor allem Antworten über sich selbst gefunden, aber das ist ja auch nicht das Schlechteste.

 

Michael Meyns

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