Bagger Drama

Der Schweizer Regisseur Piet Baumgartner erzählt in seinem dringlichen, zurückgenommen inszenierten Drama von einer Familie, die nach einem tragischen Ereignis zerbricht. Das großartig gespielte Spielfilmdebüt zeigt, wie sich unausgesprochene Gefühle und Missverständnisse in Wut entladen und schwere Konflikte verursachen können. Ein feinfühliger, auch formal überzeugender Film über Verlust, Neuanfänge und den Wunsch nach Versöhnung.

 

Über den Film

Originaltitel

Bagger Drama

Deutscher Titel

Bagger Drama

Produktionsland

CH

Filmdauer

94 min

Produktionsjahr

2025

Produzent

Karin Koch

Regisseur

Piet Baumgartner

Verleih

missingFILMs – Acrivulis & Severin GbR

Starttermin

17.09.2026

 

In der Familie von Daniel (Vincent Furrer) dreht sich alles um Bagger. Sie werden im familieneigenen Betrieb vermietet, verkauft und gewartet. Das Geschäft läuft, aber jeder muss mit anpacken. Als Tochter Nadine bei einem Kajakunglück stirbt, gerät das fragile Gleichgewicht ins Wanken. Daniel fühlt sich unverstanden. Er möchte die Firma nicht übernehmen und plant ein Management-Studium in den USA. Vater Paul (Phil Hayes) findet Ablenkung bei der neuen Chorleiterin. Und Mutter Conny (Bettina Stucky) ist plötzlich auf sich allein gestellt. Hinzu kommt, dass ihr Schmerz über den Tod von Nadine einfach nicht verschwindet.

Piet Baumgartner thematisiert in seinem ersten Spielfilm vor allem den (individuellen) Umgang mit Trauer. Alle Familienmitglieder gehen anders mit ihr um. Während Daniel trotz allem positiv in die Zukunft blickt und seinen Traum vom Studium realisieren will, stürzt sich Paul in die Arbeit. Er sucht nach neuen Geschäftsfeldern für die Firma und geht seiner Familie aus dem Weg. Conny droht an der Einsamkeit sowie den Umwälzungen zu zerbrechen. Ihr schlechter mentaler Zustand entlädt sich in einem Suizidversuch.

„Bagger Dream“ widmet sich intensiv den jeweiligen Konflikten und inneren Kämpfen der drei gleichberechtigten Hauptfiguren. Im ersten Kapitel steht Daniel im Zentrum, im zweiten der Familienvater und im letzten Akt geht es um Connys Perspektive. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren zeichnet der Film den von unausgesprochenen Wünschen und unterdrückten Emotionen geprägten Wandel innerhalb des familiären Gefüges nach. Es ist das innige, bewegende Porträt zwischenmenschlicher Beziehungen, die dynamisch und unbeständig sind. Es kommt zu Phasen der Annäherung, Distanzierung – und zu nachhaltigen Reifeprozessen.

Baumgartner kann sich auf seinen großartigen Cast verlassen. In der Performance aller drei Hauptdarsteller spiegelt sich eine emotionale Tiefe und Verletzlichkeit, die lange nachhallt. Die Trauer führt zu innerer Isolation, Sprachlosigkeit und Differenzen, die schwer überwindbar erscheinen. In einigen Szenen zeigen sich diese Aspekte besonders nachdrücklich. Einmal nimmt Paul seinen Sohn in seinem neuen PKW mit, um ihm die modernen Features des Autos vorzuführen. Während Paul stolz den Einparkassistenten zeigt, ist Daniel einfach nur genervt und gelangweilt. Lieber wäre ihm, sein Vater würde das Gespräch über das suchen, was ihn wirklich beschäftigt. Dazu gehört seine Sexualität.

Die Eltern wissen, dass Daniel schwul ist. Doch statt zu ihrem Sohn zu stehen rät ihm Paul dazu, das Thema im Dorf „nicht so herum zu posaunen“. Eine weitere, besonders schmerzhafte Szene bringt die gegensätzlichen Erwartungshaltungen noch deutlicher auf den Punkt. Connys Bedauern, wegen Danieles Homosexualität (und nach Nadines Tod) nun keine Enkelkinder zu bekommen, offenbart einen tiefsitzenden Egoismus, der Daniels Bedürfnisse und Gefühle aufs heftigste torpediert. In „Bagger Drama“ finden sich vieler solcher niederschmetternder, aber eben auch menschlicher Momente.

Darüber hinaus besitzt „Bagger Drama“ hohe Symbolkraft. Baumgartner nutzt das Bild des Baggers, um weitere Gegensätze zu beschreiben. Die tonnenschweren, stählernen Baumaschinen sind widerstandsfähig, mächtig und funktional. Ganz anders der Mensch mit seinen impulsiven Verhaltensweisen und seiner Verletzlichkeit. Das Ausheben der Erde durch die Baumaschinen lässt sich metaphorisch zudem als das Vordringen ins Unbewusste lesen. Ein Bagger deckt durch das Graben lange Verschüttetes und „Verborgenes“ auf. Passend dazu kommen in diesem sehenswerten Drama, das von wunderbaren Folk- und Indie-Pop-Klängen durchzogenen ist, allmählich vergessene Erinnerungen und verdrängte Konflikte zum Vorschein.

 

Björn Schneider

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