Wer ist der Mann, der Biermann heißt? Angehimmelt. Angefeindet. Ausgewiesen. Von der Stasi verfolgt. Als Bob Dylan der DDR gefeiert. Unlängst von der CDU gar für den Nobelpreis vorgeschlagen. Passend zum 90sten Geburtstag dieser Ausnahmefigur der deutsch-deutschen Geschichte begibt sich dieses Biopic auf Spurensuche. Zum Glück wird daraus eine vergnüglich nachdenkliche Künstlerreise jenseits verstaubter Denkmalpflege oder des brav bebilderten Wikipedia-Eintrags.
Über den Film
Originaltitel
Biermann
Deutscher Titel
Biermann
Produktionsland
DEU
Filmdauer
120 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Meurer, Jens
Verleih
Majestic Filmverleih GmbH
Starttermin
29.10.2026
Im roten, was sonst!, Bademantel sitzt der 90-Jährige im Garten und lässt sich von seiner Frau die Haare schneiden. „Hier erholen wir uns von den Menschen“, sagt sie. „Ich erhole mich bei den vielen Menschen von dieser Idylle“, kommentiert er lakonisch. Schon gleich zum Auftakt lässt Regisseur Jens Meurer das Objekt seiner dokumentarischen Begierde erzählen. Die großen Stationen, die kleinen Geschichten. Sprache ist schließlich das Kapital des Ausnahmekünstlers.
Der Vater Kommunist und Jude, Schlosser auf der Werft. Der kleine Wölflein besucht ihn im Zuchthaus und soll etwas vorsingen. Ausgerechnet „Bomben auf Engeland“. Als „Mischling ersten Grades“ hätte Biermann auf einer Todesliste gestanden, erzählt er. Die britischen Bomben auf Hamburg haben ihn gerettet. Mit 16 geht der Teenager den Osten. „Ich dachte, die DDR ist das bessere Deutschland.“ Schließlich sei er „Kommunist schon im Bauch meiner lieben Mutter“ gewesen. Er will Theaterregisseur werden. Lieder und Gedichte sind zunächst Nebensache. Sein Stück über die Berliner Mauer wird verboten. „Als sie mir diese Theaterkanone weggenommen haben, war ich gezwungen, mich auf leichte Handfeuerwaffen umzustellen. Lieder und Gedichte.“ erinnert sich der Künstler. Mit diesen „leichten Handfeuerwaffen“ legt er sich mit der Partei an. Die Bonzen haben wenig Verständnis für den Idealisten. Die Staatsmacht antwortet mit einem „Maßnahmeplan zur Zersetzung der Person“, Mordversuche inklusive. Bei einem Konzert in Köln folgt 1976 schließlich die überraschende Ausbürgerung. Ein Stasi-Coup. Doch Solidarität lässt nicht lange auf sich warten, Romy Schneider und Michel Piccoli stehen Biermann spontan zur Seite. Andere Künstler werden folgen. „Bap“-Mann Wolfgang Niedecken nennt ihn einen seiner großen Helden. Udo Lindenberg und Allen Ginsberg gehören zu den Besuchern, Campino spielt ein Cover. „Seine Frechheit kam uns gerade recht“, erinnert sich Joachim Gauck
Wie in einem Kaleidoskop dreht das Biopic an den Lebensstationen, vermischt Erzählungen und teilweise unveröffentlichte Archivbilder. Mutter Emma 1982, frühe Konzertaufnahmen, die alte Wohnung in der Chausseestraße 131. Eine „Geisterbahnfahrt durch mein Leben“ sagt Biermann einmal. In Hamburg erzählt er, wie er an Liedzeilen feilt. Morgens gehe er mit „nacktem Hintern an den Schreibtisch an den Computer. Und schreibe das neu hinein.“
Was für Wenders die Brille ist für Biermann der Bart. Wie der „singende Schnauzbart“ zu seinem markanten Markenzeichen kam, wird amüsant enthüllt. Weitaus tragischer dann jene Geschichte, was es mit der gestohlenen Bahnschwelle in seinem Garten auf sich hat. Für Philosophisches bleibt durchaus Platz. „Man geht nicht kaputt an den Schlägen, die man kriegt“, sagt er. Nach kurzer Pause: „Unter uns: Man geht doch kaputt. Vor allen Dingen an den Schlägen, die man nicht austeilt im Streit der Welt. Weil man sich nicht wehrt. Weil man sich verpisst, in die Idylle.“
Ein bisschen „Mehr Dialektik wagen“ hätte bisweilen vielleicht nicht geschadet. Wo zweifelte der Jahrhundertkünstler? Wo lag er falsch? Zehn Kinder werden erwähnt. Über Biermann als Vater hätte man gern mehr erfahren. Und darüber, was der dauernde politische und öffentliche Kampf für seine Familie bedeutete. Gleichwohl kommt das Biopic der Person immer wieder sehr nahe und bietet intime Momente. So geraten zwei Stunden Biermann zum spannenden Porträt eines Künstlerrebellen. Zum nächsten runden Geburtstag vielleicht dann die Serie: Der Hundertjährige, der über die Mauer stieg und weitererzählte.
Dieter Oßwald







