Computer Chess

Bekannt als präziser Chronist seiner Generation, wagt sich Andrew Bujalski („Funny Ha Ha“, „Beeswax“) mit seinem neuen Film zurück in die Vergangenheit. Und das nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch, denn „Computer Chess“ ist bewusst so gefilmt, dass er wie eine Dokumentation über Computerschach-Programmierer Anfang der 80er Jahre wirkt. Und das ist definitiv sehr merkwürdig anzusehen.

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USA 2013
Regie, Buch: Andrew Bujalski
Darsteller: Patrick Riester, Myles Paige, James Curry, Robin Schwartz, Gerald Peary, Wiley Wiggins
Länge: 92 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 14. November 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Anfang der 80er Jahre, das Heimcomputer-Zeitalter steckte noch in den Kinderschuhen, waren Computer klobige Geräte, die dennoch weniger Rechenleistung aufzuweisen hatten als moderne Digitaluhren. Dass es mit diesen Geräten möglich sein sollte Menschen im Schach, einer der komplexesten geistigen Beschäftigungen zu besiegen, schien ferne Zukunftsmusik. Besonders der Gedanke der A.I. oder auf Deutsch K.I. wie Künstliche Intelligenz, schwirrte damals durch die Computer-, aber auch die Kunstszene. Filme wie „Blade Runner“, „Terminator“ oder „Tron“ spielten mit dem Gedanken intelligenter Computer bzw. Roboter, die bald den Menschen verdrängen könnten.
Inzwischen sind Computer im Schach längst unbesiegbar, allerdings nicht wegen ihrer Intelligenz, sondern ihrer schieren Rechenleistung. Die sind in den altmodischen Computern, die einer der Hauptdarsteller von Andrew Bujalskis „Computer Chess“ sind, noch alles andere als clever. Im Gegenteil: So unverständliche Züge schlagen sie bisweilen vor, dass ihre menschlichen Begleiter sich nur den Kopf kratzen können und ihre Chancen auf den Turniersieg dahin schmelzen sehen.

Etliche Teams, bestehend aus den typischen Nerd-Figuren, mit merkwürdigen Frisuren und dicken Brillen, haben sich in einem amerikanischen Provinznest zusammengefunden, um ein Turnier auszutragen, dessen Sieger dann gegen einen bislang von Computern unbesiegten Menschen antreten darf. Dass zumindest ist der Ansatz von „Computer Chess“, der eine ganze Weile so tut, als wäre er eine Dokumentation aus den frühen 80er Jahren. Mit altmodischen Videokameras hat Bujalski gedreht, die gleichermaßen verwaschene, aber auch merkwürdig ästhetische Bilder erzeugen.

Eine Geschichte im eigentlichen Sinn wird lange Zeit nicht erzählt. Figuren treten auf, viel Schach wird gespielt, bisweilen Satzfetzen von Verschwörungstheorien und ähnlichem aufgenommen, das Leben der Nerds in liebevoller Weise nachgezeichnet. So nett das auch anzusehen ist, abendfüllend wäre das nicht. Zum Glück findet Bujalski gerade noch die Kurve und beginnt im letzten Drittel seines Films, von der pseudodokumentarischen Objektivität zu einer zunehmend subjektiven Wahrnehmung zu wechseln.

Die scheinbare Rationalität der Computerwelt kollidiert zunehmend mit der Esoterik einer Therapiegruppe eines afrikanischen Gurus, die sich im selben Hotel aufhalten. Und so wie sich Rationalität und Emotionalität vermischen, beginnen manche der Programmierer zunehmend Wunderliches zu erleben: Computer, die scheinbar mit ihnen kommunizieren, merkwürdige Farbspiele, die schließlich auch die Schwarz-weiß-Ästhetik von „Computer Chess“ aufbrechen, und Anzeichen tatsächlicher Künstlicher Intelligenz. Was lange Zeit bloß wie eine zwar amüsante, aber auf Dauer doch recht eintönige Stilübung wirkte, wird zum Ende schließlich doch noch zu einem Film, der sich zumindest zu einer rudimentären Handlung mit angedeuteten Charakteren entwickelt. Und das macht „Computer Chess“ zu einer sehenswerten Hommage an die Anfangszeiten des Heimcomputer-Zeitalters.

Michael Meyns