Departed – Unter Feinden

2002 machte die verglichen mit Korea und Japan etwas ins Hintertreffen geratene Hong Konger Filmindustrie mit dem Action-Thriller Infernal Affairs nach längerer Zeit auch international wieder auf sich aufmerksam. Die Geschichte um zwei Männer, die auf jeweils unterschiedlichen Seiten des Gesetzes undercover ermitteln, hätte mit seinen bleihaltigen Shoot-Outs und raffinierten Plot-Wendungen auch einem Altmeister wie John Woo zur Ehre gereicht. Kein Wunder, dass Hollywood auf den Stoff aufmerksam wurde. Niemand Geringeres als Martin Scorsese nahm sich der diffizilen Aufgabe an, ein Remake zu drehen, das neben dem fesselnden, rasanten Original bestehen kann. Nach Ansicht von Departed – Unter Feinden lässt sich eigentlich nur eines konstatieren: Scorsese hat die wenigen Schwächen der Vorlage eliminiert ohne deren Stärken zu vernachlässigen. Seine Version ist vitaler, rauer, atmosphärischer – kurzum (noch) besser.

Webseite: www.departed.de

OT: The Departed
USA 2006
Regie: Martin Scorsese
Buch: William Monahan nach der Vorlage Infernal Affairs von Siu Fai Mak
Kamera: Michael Ballhaus
Musik: Howard Shore
Schnitt: Thelma Schoonmaker
Darsteller: Leonardo DiCaprio,. Matt Damon, Jack Nicholson, Vera Farmiga, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Alec Baldwin, Ray Winstone
Kinostart: 7.12.2006
Verleih: Warner

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Prämisse ist simpel, und doch trägt sie bereits alle folgenschweren Konsequenzen in sich. Der junge Undercover-Cop Billy Costigan (Leonardo DiCaprio) wird im Auftrag der Bostoner Polizei in das Reich der Unterweltgröße Frank Costello (Jack Nicholson) eingeschleust. Es gelingt ihm, dessen Vertrauen zu gewinnen. So zählt er nach kurzer Zeit zu Costellos innerem Zirkel, zu den Männern, auf die der selbsternannte Pate von South-Boston für die Abwicklung seiner Deals und die tägliche Drecksarbeit zurückgreift. Währenddessen macht einer von Costellos Jungs, der ehrgeizige Kriminelle Colin Sullivan (Matt Damon), bei der Polizei Karriere. Er wird Mitglied einer Spezialeinheit, die sich die Zerschlagung der Mafia zum Ziel gesetzt hat. Das ermöglicht ihm, Costello vorab über jeden Schritt der Ermittler zu informieren, was jedoch nicht folgenlos bleibt. Schon bald geht bei den Cops das Gerücht über einen Maulwurf um und auch die Gangster ahnen, dass einer in ihren Reihen ist, dem man besser nicht vertrauen sollte. Für Costigan und Sullivan beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel auf Leben auf Tod.

 

Mit Departed – Unter Feinden kehrt Martin Scorsese nach zwei epischen Ausflügen in Amerikas Vergangenheit zurück zu seiner filmischen Heimat und dem Genre des Mob-Thrillers, das er einst mit Werken wie Mean Streets, Taxi Driver und Goodfellas maßgeblich prägte und populär machte. Scorseses Ruhm als einer der einflussreichsten Regisseure unserer Zeit ist untrennbar mit den Geschichten und Anekdoten rund um die New Yorker Unterwelt verbunden, mit Gangstern wie Henry Hill, Tommy DeVito, John ‘Johnny Boy’ Civello und Charlie Cappa. Für das Remake von Infernal Affairs verlegte Drehbuchautor William Monahan den Schauplatz von Hong Kong nach Boston und tauschte die chinesischen Triaden gegen die irische Mafia aus.

Auch wenn die Story in Massachusetts und nicht in New York situiert ist, merkt man sofort, dass Scorsese hier ganz in seinem Element ist. Es wird gelitten, gemordet, gestorben, grausam und ohne Unterlass. Die im Vergleich zur Hong Konger-Version ausführlichere Exposition vermittelt bis ins Detail ein Gespür für die raue, unbarmherzige Realität in den Straßen von South-Boston. Dort, wo das Gesetz des Stärkeren gilt, muss sich Costigan den physischen wie psychischen Herausforderungen seines lebensgefährlichen Auftrags stellen. Die energetische, ruhelose Kamera von Michael Ballhaus folgt den Protagonisten bei jeder ihrer Aktionen. Sie ist immer mittendrin im Geschehen, so dass einem als Zuschauer die Kugeln förmlich um die Ohren zu fliegen scheinen.

Passend zu dieser Dramaturgie der Gewalt schießen die Dialoge MG-Salven-gleich aus jeder Ecke. Der typische verrohte Slang des Milieus – gefühlte Tausend Mal findet das von amerikanischen Jugendschützern nicht gern gehörte F-Wort Verwendung – spiegelt konsequent die von Machismen durchzogenen Welten der Gangs und der Polizei wider. Scorsese, der Männerfilmer, hat nur selten das Interesse für starke Frauenfiguren aufbringen können. Vermutlich lassen sich diese an einer Hand abzählen. In Departed durchbricht lediglich Vera Farmiga in der Rolle der Polizeipsychologin und Geliebten zwischen zwei Männern die uneinnehmbare Festung aus Testosteron. Darin haben sich DiCaprio und Damon eingemauert. Ersterer entwickelt sich zunehmend zu einem zweiten DeNiro, ohne den Scorsese wohl keinen Film mehr drehen will. DiCaprio war selten präsenter und überzeugender in der kompromisslosen Härte und Verlorenheit, die er als Billy Costigan ausstrahlt. Wie Matt Damon porträtiert er einen Mann, der seinen Wurzeln beraubt und für eine höhere Sache instrumentalisiert wurde. Zurück bleibt ein Wrack, ein Getriebener. Allen die Show stiehlt jedoch Jack Nicholson. Der egozentrische Unterweltboss ist für ihn ein später Glücksfall einer an Höhepunkten nicht gerade armen Schauspielkarriere. Die Mitglieder der Academy werden es zu würdigen wissen.

Der unweigerliche Vergleich mit Infernal Affairs braucht Scorsese nicht zu scheuen. Seine Version legt deutlich mehr Gewicht auf eine atmosphärisch dichte Schilderung der unterschiedlichen Milieus, auf die Ängste und Konflikte, die vor allem Costigan plagen. Während sich die Handlung nah an die Vorlage hält, fällt die Action noch eine Spur kompromissloser und härter aus. Die beiden Hong Konger-Regisseure Wai Keung Lau und Siu Fai Mak konzipierten dagegen einen geradlinigeren Thriller, der in seiner zuweilen gelackten Optik ganz nebenbei die Schwäche vieler neuerer HK-Produktionen offenlegt, denen es an einer eigenständigen Handschrift mangelt. In dieser Hinsicht stellt Scorseses Film auch ein Novum dar. Es ist das erste Hollywood-Remake, das sich nicht nach einer Kopie sondern dem Original anfühlt.

Marcus Wessel