In ihrem sehr persönlichen Dokumentarfilm „Eine Krankheit wie ein Gedicht“ beschäftigt sich Jelena Ilić mit ihrem Vater, der an Psychosen leidet und in einer forensischen Klinik lebt. Kein Vater wie jeder andere, was Ilić einerseits Zeit ihres Lebens belastet hat, ihr allerdings auch den Stoff zu ihrem ersten Film geliefert hat, zumal ihr Vater eine künstlerische Ader hat, die er seiner Tochter vererbte.
Über den Film
Originaltitel
Eine Krankheit wie ein Gedicht
Deutscher Titel
Eine Krankheit wie ein Gedicht
Produktionsland
DE
Filmdauer
81 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Jelena Ilić
Verleih
mindjazz pictures UG
Starttermin
08.10.2026
„Drogeninduzierte, chronifizierte schizoaffektive Psychose des manischen Formenkreises, Typ polytox, kein Morphintyp”, so lautet die Diagnose von Detlef Kissel, dem Vater der Filmemacherin Jelena Ilić, die aus Köln stammt und an der dortigen Kunsthochschule für Medien studierte. Keine Überraschung, wenn man sich ihren essayistischen Dokumentarfilm „Eine Krankheit wie ein Gedicht“ anschaut, der einerseits ganz zeitgemäß um das unmittelbare Leben der Anfang 30 jährigen Regisseurin kreist, fast könnte man es narzisstisch nennen, der es aber schafft, das extrem persönliche Sujet mit bemerkenswerten stilistischen Mitteln auf eine universelle Ebene zu heben, die einiges über eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung, aber auch über das Wesen von künstlerischer Begabung erzählt.
Es war die große Liebe, erzählt Sladjana Ilić, Jelenas Mutter, einmal, doch bei der Heirat wusste sie nicht, dass ihr Mann Detlef psychisch krank war. Sie hatte ihn als coolen Typen kennengelernt, als Punk, als angenehm durchgedreht – doch diese positiven Aspekte hatten auch eine dunkle Seite, wie sich bald zeigte.
Immer wieder drehte Detlef durch, bedrohte Frau und bald auch das Kind, abgewechselt von Momenten des Bedürfnisses großer Nähe. Auszuhalten war das nicht mehr, wie schwer der Trennungsprozess gewesen sein muss kann man nur ahnen, in ihrem Film über sich und ihren Vater, konzentriert sich Jelena Ilić auf die Gegenwart.
Jahrelang hatte sie keinen Kontakt zum Vater, vielleicht auch durch seine Inhaftierung wegen schwerer Körperverletzung wurde es wieder möglich, mit ihm zu schreiben, sich langsam anzunähern. Wichtigstes Mittel war ein breites Buch mit weißen Seiten, das sich Tochter und Vater hin und herschickten, der eine bemalte die linke Seite, der andere vervollständigte auf der rechten.
Was vermutlich als zufälliges Symbol einer ungewöhnlichen Beziehung begonnen haben dürfte, erweist sich als treffende Metapher für das Verhältnis von zwei Menschen, die mehr miteinander zu tun haben, als gerade die Tochter lange Zeit dachte.
Denn auch ihr Vater war künstlerisch aktiv, verarbeitete die Dämonen, die in seinem Kopf rumorten und immer wieder ausbrachen, in ruhigeren Momenten auf unterschiedliche künstlerische Weise, in Skulpturen und Gemälden, fotografischen Experimenten und Zeichnungen. Von einiger Wucht ist diese Kunst, was die Frage aufwirft, was wohl passiert wäre, wenn Detlef Kissel früher einen Arzt gefunden hätte, der ihm mittels richtig eingestellter Medikamente zu einem relativ stabilen Leben verholfen hätte, vielleicht gar zu einem Leben als Künstler, schließlich galt zumindest früher einmal ein gewisser Wahnsinn durchaus als Hinweis auf künstlerisches Talent.
Bei Detlef war der Wahnsinn allerdings zu stark, er lebte jahrelang in einer Forensischen Klinik, später in einer Einrichtung für betreutes Wohnen. Als Vermächtnis könnte sich seine Tochter erweisen, die in ihrem ersten Dokumentarfilmfilm (ein erster Spielfilm ist schon in Arbeit) einerseits klassisch subjektiv arbeitet, immer wieder sich selbst bei Telefonaten mit dem Vater ins Bild setzt, in animierten Sequenzen aber auch ein hohes Maß an stilistischer Experimentierfreude beweist.
Sehr persönlich ist „Eine Krankheit wie ein Gedicht“, jedoch keine jener oft etwas unangenehmen Nabelschauen, wie sie manche junge Filmemacher drehen, wenn sie den Rat, über das Filme zu machen, was sie kennen, beim Wort nehmen. Im Gegensatz zu diesen versäumt es Jelena Ilić nicht, ihre persönliche Geschichte für universelle Wahrheiten zu öffnen, wodurch „Eine Krankheit wie ein Gedicht“ zu einem formal interessanten, inhaltlich vielschichtigen Dokumentarfilm wird.
Michael Meyns







