„Männer“-Frau Doris Dörrie zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Filmfrauen der Republik, künstlerisch gilt sie gleichfalls als verlässlicher Leuchtturm. Leicht macht die Münchnerin es sich selten, heikle Themen sind kein Tabu: Tod und Trauer in einer Beziehung. Fukushima und die Folgen. Alltäglicher Rassismus im Freibad. Harter Tobak, der stets mit umwerfender Leichtigkeit und zarter Komik serviert wird. So auch diesmal: Pflegenotstand und Sterbehilfe. Das klingt deprimierend, schreit nach Verdrängen. Aber irgendwann erwischt es eben fast jeden! Ist dann Schluss mit lustig? In dieser klugen Tragikomödie wird die bittere Pille mit süßem Zuckerguss geliefert. In naher Zukunft kümmert sich ein unendlich netter Pflegeroboter um die titelgebende störrische alte Dame. Ob daraus der Beginn einer ziemlich besten Freundschaft wird? Ein philosophisches Drama zum Lachen, zum Heulen, zum Wiedererkennen. Ein echter Dörrie eben: Erleuchtung garantiert!
Über den Film
Originaltitel
Frau Winkler verlässt das Haus
Deutscher Titel
Frau Winkler verlässt das Haus
Produktionsland
DEU
Filmdauer
108 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Till Derenbach, Michael Souvignier, Daniel Mann
Regisseur
Doris Dörrie
Verleih
Wild Bunch Germany GmbH
Starttermin
01.10.2026
„Wer bin ich denn, wenn keiner zuschaut? Was soll das denn alles noch?“, klagt Frau Winkler (Angela Winkler in einer Paraderolle). Als wäre sie nicht schon gebrechlich genug, kommt nun obendrein ein Sturz dazu, der die ehemalige Schauspielerin ans Bett fesselt. Die Pflege übernimmt zunächst Tochter Emi (Laura Tonke), ebenfalls Schauspielerin. Aber ihr wächst die Betreuung der störrischen Patientin über den Kopf. Zumal sie ausgerechnet jetzt ein unerwartetes Rollenangebot bekommt, das sie unbedingt annehmen möchte. Hat sie ihre Karriere nicht schon lange genug für die Mutter geopfert, die den Tod des Ehemanns nie überwunden hat? Als einziger Ausweg bleibt ein Roboter. Wir schreiben das Jahr 2030, da sorgen nette Androiden nicht nur für die perfekte Betreuung, sondern bei schwachen Vitalitätswerten ihrer Patienten auch diskret für den EOL, den „End-of-Life-Modus“, einen euphemistischen Euthanasiebegriff. Ein bisschen ungelenk wirken die Bewegungen, fast wie beim guten alten R2-D2. Doch jeder Griff sitzt, bis hin zum Anlegen der Stützstrümpfe. Mehr noch: KI sei Dank weiß der Roboter absolut alles über seine Patienten. So legt sich die Skepsis der alten Dame schnell, als der Android ihr Lieblingslied „Blaue Augen“ von Ideal trällert. Noch beeindruckender fällt sein vollendetes Wissen über Tschechow aus, den Lieblingsdichter von Frau Winkler, die ihren Androiden fortan nur noch „Pawlowitsch“ nennt.
Schon der Auftakt setzt den Ton: Möwenschreie über dem Meer, dann die Heldin im roten Bademantel. Rot ist ohnehin ihre Farbe: roter Rock, roter Vorhang, von dem sie stürzt. Eine Geburtstagskerze für den lange verstorbenen Gatten flackert im Hintergrund.
Derweil spitzt sich das Drama zwischen Mutter und Tochter zu. Die alleinerziehende Emi probt am Theater ein Stück, das sie emotional mehr fordert, als ihr lieb ist, während sie zwischen eigener Karriere und der Sorge um die Mutter aufgerieben wird. „Wie ein Dämon sitzt meine Mutter auf meinem Rücken“, fasst sie ihre Situation zusammen. „Pawlowitsch“ bleibt dabei der ruhende Gegenpol, stets sachlich, stets erklärend, während um ihn herum die Emotionen hochkochen. Selbst er hat allerdings Grenzen: Die Zusammenarbeit mit dem hauseigenen Saugroboter verweigert er rundheraus. Dafür bietet er Frau Winkler großzügig die „Bitch Hour“ an, eine Stunde am Tag, in der sie sich ungestört auslassen darf.
Die eigentliche Tragik liegt im Verschweigen: „Ihr wollt so tun, als ginge alles so weiter. Niemand will mit mir über das Sterben reden“, bricht es aus Frau Winkler heraus. Zwischen Altersstarrsinn und Komik pendelt die Figur ständig, mal zickig („Hör auf zu denken, du kannst nicht denken“), mal hinreißend komisch. Angela Winkler, seit jeher eine Ikone des deutschen Films, füllt diese Rolle mit einer Präsenz, die dem Film seine Würde gibt, ganz ohne falsche Rührseligkeit.
Auf der Theaterbühne findet das häusliche Pflegedrama sein philosophisches Echo. Mit dem Tschechow-Zitat „Es dauert nicht mehr lang, bis wir erfahren. Warum wir leben. Warum wir leiden. Wenn wir’s nur wüssten. Wenn wir’s doch wüssten, wenn wir es wüssten!“ liefert die Inszenierung den passenden Kommentar zum Geschehen. Da wird sogar der Roboter zum Melancholiker: „Die Welt macht mich traurig, ich möchte mich abschalten“, gesteht er einmal, und der Satz sitzt gerade deshalb, weil er von der Maschine kommt. Gespielt wird der Android von Josef Ellers, in bester „Metropolis“-Tradition, wo schon Brigitte Helm dem Maschinenmenschen ein menschliches Gesicht gab. Was am Schluss zwischen verschneiten Berggipfeln und den „Blauen Augen“ von Ideal geschieht, hat Klassikerqualitäten und hallt noch lange nach.
Dieter Oßwald







