Wim Wenders’ wunderbare Wow-Welten in 3-D bekommen ein weiteres wuchtiges Meisterstück. Nach Tanz mit „Pina“ Bausch und Kunst mit Anselm Kiefer folgt nun die Architektur mit Peter Zumthor. Der Schweizer Star-Baumeister und Pritzker-Preisträger sorgte vor drei Jahrzehnten mit seinem alpinen Badetempel „Therme Vals“ für Furore. Zu seinen weiteren avantgardistischen Entwürfen zählen das Kunstmuseum Bregenz, das Kolumba Köln, das Hexenmahnmal in Vardø oder die David Geffen Galleries des Los Angeles County Museum of Art. Über 14 Jahre hat Wenders in das Projekt investiert. Sein Roadtrip in architektonische Räume lässt Bauklötze staunen und wird zu einem cineastischen Denkmal für ein bescheidenes Genie. Während Brad Pitt lediglich als „presents“-Schriftzug im Vorspann vorkommt, ist Werner Herzog leibhaftig mit Gattin Lena in einem Gastauftritt zu erleben.
Über den Film
Originaltitel
From Inside Out – The Architecture of Peter Zumthor
Deutscher Titel
From Inside Out – Die Architektur von Peter Zumthor
Produktionsland
DEU,CHE
Filmdauer
114 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Léa Germain, Karsten Brünig, Marc Schmidheiny, Christoph Daniel
Regisseur
Wim Wenders
Verleih
DCM Film Distribution GmbH
Starttermin
26.11.2026
„Eine meiner sehr guten Arbeiten!“, kommentiert Peter Zumthor seinen radikalen Entwurf zur Berliner NS-Gedenkstätte „Topografie des Terrors“. Ausgerechnet dieses Projekt jedoch wird nie verwirklicht. Die geplanten Kosten laufen aus dem Ruder, der finanzklamme Senat zieht 2004 die Reißleine und lässt die begonnene Baustelle abreißen. Nur noch Modelle und Zeichnungen künden vom großen Wurf des Schweizer Architekten. Gegen dessen visionäre Vorstellungen wirken jene Spar-Phrasen des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit in Archivaufnahmen umso kleinlicher: Von wegen Wenders wolle sich lieber aus der Politik heraushalten!
Den Star-Baumeister trifft an anderer Stelle herbe Kritik: „In dieser Küche kann kochen, wer will. Ich nicht!“, beschwert sich die Dame des Hauses über die Raumaufteilung eines pompösen Holzhauses. „Es muss groß sein und wir wollen viel Licht!“, lautete die Bestellung der Familie für ihr Domizil. Die Begeisterung ist groß, für die Kinder entsteht ein kleines Labyrinth aus Gängen. Nur die Hausfrau beklagt ihre einsame Küche. Auch Genies erweisen sich freilich als lernfähig, am Ende besteht das Gebäude den kulinarischen Praxistest.
Wie an einer Perlenschnur reiht der Film die bahnbrechenden Bauten von Peter Zumthor auf und zeigt mit dem titelgebenden Blick von innen nach außen dessen einzigartige Handschrift aus der Perspektive von Besuchern, Bewohnern und Handwerkern. Mittendrin statt nur dabei ist dank 3-D das Publikum bei der Besichtigung des imposanten Badetempels in den Alpen, der gleich nach seiner Fertigstellung vor 30 Jahren unter Denkmalschutz gestellt wurde. Völlig anders präsentiert sich das Kunstmuseum Bregenz, wo die pure Kunst regiert, übliche Verwaltungsbüros müssen hier draußen bleiben. Fremde Welten erschließen sich in einem Zinkminenmuseum in Norwegen oder im Hexenmahnmal in Vardø. In dem kleinen Ort im hohen Norden Norwegens wurde ein Denkmal zum Gedenken an 91 Opfer errichtet, die im 17. Jahrhundert der Hexerei bezichtigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. „Für jede ermordete Frau ein Licht“, erläutert der Architekt seine Installation. Auch die Bestseller-Autorin Siri Hustvedt erzählt hier. In ihrem eigenen Biopic „Siri Hustvedt – Dance Around the Self“ von Sabine Lidl kommt dieser Ort gleichfalls vor: In einer Szene dort plaudert die Autorin mit Wenders an der Bar über Hexenverfolgung. Da passt der rote Schriftzug an einer Hauswand ganz gut: „Everything is a story.“
„In meiner Jugend war keine Geborgenheit und kein Schutz“, erzählt Zumthor einmal. Das wolle er jetzt mit seinen Entwürfen nachholen. Das Eigenheim in den Bergen habe er für seine Frau gemacht. Auch ganz einfache Leute können in den Genuss eines Zumthor kommen. Im handgeschriebenen Brief will ein Bauer den Bau einer Kapelle auf seiner Wiese bestellen. Weil Bruder Klaus der Lieblingsheilige seiner Mutter gewesen ist, bekommt der Landwirt tatsächlich eine Antwort und seine Kapelle. Die sieht dann freilich etwas anders aus, als er vermutlich dachte.
Wie schon bei Pina Bausch und Anselm Kiefer hält Wenders sich bei seinem Porträt nicht mit den kleinen Karos der Kunstgeschichte auf. Er will die wilde Vision mit Wucht und Wow-Effekt. Sein rigoroser 3D-Roadtrip durch das Lebenswerk Peter Zumthors gerät zu einer atemberaubenden Reise auf der Leinwand. Entschleunigungskino auf poetische Art à la „Perfect Days“. Fast erstaunlich eigentlich, dass Zumthor noch nie Toiletten für Tokio gebaut hat…
Dieter Oßwald







