Als ausgewiesener Spezialist für Literaturverfilmung hat sich Volker Schlöndorff nun an die Adaption eines weiteren Bestseller gemacht: „Heimsuchung“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck, der Jahrzehnte deutscher Geschichte anhand eines Grundstücks an einem See im märkischen Land erzählt. Ein Stoff wie gemacht für Schlöndorff, der gediegen und auch ein wenig konventionell wie eh und je erzählt.
Über den Film
Originaltitel
Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte
Deutscher Titel
Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte
Produktionsland
DEU
Filmdauer
90 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Ziegler, Regina / Schlöndorff, Volker
Regisseur
Schlöndorff, Volker
Verleih
STUDIOCANAL GmbH
Starttermin
15.10.2026
Noch ist das malerische Grundstück am See unbebaut: Der Blick reicht über die glatte Fläche ans andere Ufer, das Schilf wirkt unberührt, die Bäume stehen einsam. Friedlich wirkt es hier, doch das wird nicht so bleiben, nicht am See, nicht in Deutschland. In den 30er Jahren beginnt die Geschichte, allzu direkt ist der Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft nicht zu spüren, allein der Architekt (Lars Eidinger) grüßt oft mit einem „Heil“, wird später auch Baracken für die Konzentrationslager entwerfen, aber zu seinem Glück von Albert Speer in seiner beruflichen Entwicklung gebremst werden: Ein entsprechender Brief des Reichsbauministers erweist sich in der Nachkriegszeit als Lebensrettung.
Doch soweit ist es noch nicht, zunächst baut der Architekt – einen Eigennamen trägt diese Figur ebenso wie viele andere, die weniger Individuen als exemplarische Vertreter ihrer Zeit darstellen sollen, nicht – für sich und seine Frau (Susanne Wolff) ein schmuckes Haus auf einem Teil des Grundstücks. Weit weniger mächtig wirkt dagegen das kleine Badehaus auf dem Nachbargrundstück, das der jüdischen Familie Engels gehört.
Mit Verschärfung der Rassegesetze muss die Familie Engels ihren Besitz an den Nazi verkaufen, nicht zum ersten Mal wird der die Grundstücke trennende Zaun abgerissen, später wird ein neuer Zaun gebaut, nach dem Krieg, als eine Schriftstellerin (Martina Gedeck) hier mit ihrer Familie einzieht, eigentlich eine Stimme des Volkes, die aber keinen Moment zögert, ihre Kontakte einzusetzen, um zu verhindern, dass Grundstück teilen zu müssen.
Wie der Roman läuft auch die Verfilmung episodisch ab, eine Form, die im schriftlichen Medium besser funktioniert als im visuellen. Bei Schlöndorff bleibt vieles Stückwerk, müssen immer wieder ausführliche Voice Over-Kommentar inhaltliche Lücken schließen, tauchen Figuren mal für eine Szene auf, um dann schnell wieder zu verschwinden. Einige Male greift Schlöndorff sogar auf Archivmaterial zurück, das auch den inszenierten Bildern Authentizität verleihen soll.
Von den 30er bis in die 90er reicht der Bogen, von der Nazizeit, über den Krieg, einen kurzen Moment russischer Besatzung, bis zum Wiederaufbau, der Wende und ihrer Folgen. Bei dieser Fülle an historischem Material bleibt es nicht aus, dass nur kursorisch erzählt wird, dass die Figuren nur Typen bleiben, auch wenn dem Ensemble aus deutschen Starschauspielern immer wieder große Momente gelingen.
Nur selten bricht Schlöndorff aus seinem zurückhaltenden, klassischen Stil aus, mit dem er in ruhigen Bildern, unterlegt von elegischer Musik, den Fortgang der Zeit beobachtet. Was möglich gewesen wäre, wenn er es gewagt hätte häufiger in mystische Dimensionen vorzustoßen, zeigen die Anfangs- und Schlussszene, wenn sich sämtliche Bewohner und Besucher von Haus und Grundstück zusammenfinden, vom wabernden Nebel umhüllt, der die Unterschiede der Epochen verschwinden lässt.
Vor allem aber in der immer wieder auftauchenden Nebenfigur eines Gärtners, der schon in den 30ern als eine Art Faktotum am Rand des Grundstücks lebt und den Bewohnern zur Hand geht. Schon hier wirkt der von Wigand Witting (selbst Mitte 80 und schon bei der „Blechtrommel“ dabei) gespielte Mann mit weißen Haaren und dichtem Bart wie ein alter Mann, der er auch bleibt, egal ob er während des Krieges mit russischen Soldaten trinkt oder nach dem Fall der Mauer ein letztes Mal die Blumen gießt. Losgelöst vom Fortgang der Zeit scheint dieser Mann zu existieren, so als hätte sich trotz aller Ereignisse der deutschen Geschichte am Ende wenig geändert, so als wären die Menschen im Kern dieselben geblieben. Ob man das bedauern soll oder es positiv betrachtet, lässt Schlöndorff am Ende offen.
Michael Meyns







