Hiddensee

Hiddensee ist Rückzugsraum und Sehnsuchtsort – bei Annekatrin Hendel wird aus dem Blick auf dieses Refugium für (unter anderem) Strandräuber, Rebellen und Kreative ein Kaleidoskop, in dem sich nicht nur der Zustand einer Region, sondern auch das heutige Deutschland im Kleinen spiegelt.
Gemeinsam mit vielen Einheimischen geht es durch 100 Jahre Inselgeschichte, zwischen 1920er-Jahre-Künstleridyll, DDR-Nischenfreiheit und den Verwerfungen der Gegenwart: ein wunderschöner Film, der – auch dank der Schwarzweiß-Technik – ganz ohne Ostsee-Nostalgie und Postkartenromantik auskommt.

 

Über den Film

Originaltitel

Hiddensee

Deutscher Titel

Hiddensee

Produktionsland

DEU

Filmdauer

123 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Hendel, Annekatrin

Verleih

Weltkino Filmverleih GmbH

Starttermin

20.08.2026

 

Nur 17 Kilometer lang ist die Insel, lang und schmal wie Sylt, die Promi-Insel in der Nordsee, die oft mit Hiddensee verglichen wird – und nebenbei auch den Vergleich mit der großen Inselschwester nicht scheuen muss. Das kleine, windumtoste Hiddensee ist allerdings komplett autofrei, was Sylt noch immer nicht geschafft hat, und seit jeher attraktiv für Menschen, die das Besondere suchen, entweder weil sie selbst so besonders sind oder es sein möchten. Vor 100 Jahren kamen Künstler und Intellektuelle wie Asta Nielsen und Gerhart Hauptmann, während der Nazizeit verschwanden die meisten Nonkonformisten – oder sie wurden vertrieben und verfolgt, so wie die malenden Frauen aus der „Blauen Scheune“. Später suchten DDR-Aussteiger und Punks hier eine Freiheit, die auf dem Festland knapper bemessen war. Annekatrin Hendel gehörte selbst zu den jungen Leuten aus Ost-Berlin, die Hiddensee in den 1980er-Jahren für sich entdeckten. Diese persönliche Nähe ist spürbar, ohne dass der Film zum privaten Erinnerungsalbum wird.

Statt chronologisch Geschichten und Geschichte abzuhaken, arbeitet die renommierte Dokumentarfilmerin und Autorin Annekatrin Hendel („Familie Brasch“) hier oft mit Überblendungen, Erinnerungen und mit zahllosen visuellen wie gedanklichen Verknüpfungen – und ausschließlich in harten, herben, manchmal schroffen Schwarzweißbildern. Das alles zusammen gibt dem Film etwas Essayhaftes mit gelegentlichen poetischen Anflügen, was hin und wieder etwas übertrieben wirkt. Die nicht lineare Erzählweise ist prinzipiell schon eindeutig genug, um Assoziationen zu wecken. Historische Fotografien treffen auf die Gegenwart, die berühmten Inselgäste kehren als Figuren des Puppenspielers Karl Huck zurück – sie werden zu Marionetten am Roten Faden der Geschichte. Eine Fotosession am Strand mit der Fotografin Beate Nelken lässt die Avantgarde der Zwanzigerjahre wieder auferstehen. Doch das Heute wird dabei immer wichtiger. Ein Auftritt von Jürgen Drews mit Störern aus dem Publikum und passenden Plakaten: „Hauptmann oder Ballermann? Quo vadis Hiddensee?“ Vielleicht als Gegenpart dazu ein Auftritt von Uwe Steimle, wo gleich zu Beginn im Off die DDR-Hymne gesungen wird … Dazu kommen Bilder von Punkbands, darunter Feeling B, wo seinerzeit Christian Lorenz alias Flake spielte. Er ist Keyboarder bei „Rammstein“ und hat den Soundtrack für die Dokumentation komponiert. Viele kleine und großen Geschichten werden erzählt, von alten und neuen Insulanern. Schließlich erweist sich ein kommunalpolitischer Konflikt als Störfaktor, der die vermeintliche Idylle in ein Szenario verwandelt, das an Don Camillo und Peppone erinnert, allerdings ohne jede Komik.

Martin Farkas und Annekatrin Hendel fotografieren die Insel in betörendem Schwarz-Weiß und in großzügigen Cinemascope-Bildern. Meer, Himmel, Strand und Menschen wirken dadurch zeitlos und gewinnen eine merkwürdig fremdartige und doch vertraute Schönheit, als würde man so lange gegen die Sonne blinzeln, bis alle Farben verschwunden sind. Die optisch so reizvolle Gestaltung erweist sich dabei als kluger Gegenpol zum Inhalt: Hinter den Bildern warten die Brüche, Geschichten von Anpassung, Widerstand und politischen Gegensätzen. Annekatrin Hendel erzählt manchmal in Sprüngen, sie interessiert sich offenbar nicht für die Namen von Menschen und weniger für Jahreszahlen als dafür, was über 100 Jahre in einem Ort passiert ist – und was dieser Ort mit den Menschen macht, die ihn als Heimat oder Fluchtpunkt gewählt haben.

Gelegentlich gerät die beinahe essayistische Konstruktion sozusagen ins Schwimmen. Nicht jede Person (keine Namensnennungen!) wird nachvollziehbar eingeführt, manche historische Spur verschwindet, kaum dass sie interessant wird. Besonders der aktuelle Konflikt um den Bürgermeister hätte mehr Kontext vertragen. Hier verlässt sich der Film etwas zu sehr darauf, dass Bilder und Andeutungen und für sich sprechen.

Doch weil Annekatrin Hendel dieses kleine, schmale Eiland Hiddensee, das so viele Sehnsüchte und Begehrlichkeiten weckt, weder verklärt noch entzaubert, bleibt ihr Inselporträt spannend. Die Freiheit am Meer, die hier seit Generationen und vielleicht schon seit Jahrhunderten gesucht wird, war nie selbstverständlich, und sie unterscheidet sich auch stark – je nach dem Status der jeweiligen Gesellschaft. So wird aus der Liebeserklärung an einen besonderen Ort so ganz nebenbei eine deutsche Zustandsbeschreibung – mit viel Wind, weitem Horizont, ein paar großen Wellen und einigen dunklen Wolken.

 

 

Gaby Sikorski

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