Über vierzig Jahre lang dokumentierte der Brite Martin Parr das gesellschaftliche Leben und die Eigenheiten der „einfachen Leute“ in seiner Heimat. Sein besonderes Händchen für die Absurditäten des Alltags und die deutliche Kritik an unserer Wegwerfgesellschaft machten ihn bekannt. „I Am Martin Parr“ porträtiert diesen außergewöhnlichen, mutigen Fotokünstler, der mit humorvoll-satirischem Blick seinen Landsleuten den Spiegel vorhielt.
Über den Film
Originaltitel
I Am Martin Parr
Deutscher Titel
I Am Martin Parr
Produktionsland
FR, GB
Filmdauer
70 min
Produktionsjahr
2024
Produzent
Emmanuelle Lepers
Regisseur
Lee Shulman
Verleih
Real Fiction
Starttermin
26.11.2026
Martin Parr (1952 – 2025) gehört zu den wichtigsten Fotojournalisten der letzten Jahrzehnte. Als aufmerksamer Beobachter der britischen Gesellschaft und durch seine provokativen Bilder wurde er zu einem Star der internationalen Fotografie, dem politische Botschaften wichtig waren. Er beschäftigte sich vor allem mit dem Leben der Arbeiterklasse und stellte in seinen Bildern die Widersprüche der Konsumgesellschaft dar.
Parr, der gleichsam passionierter Sammler von Fotobüchern und Kunst war, arbeitete für die renommiertesten Medien und Modehäuser der Welt. Seine Auftraggeber waren u.a. das Time Magazine, The Guardian und die Vogue. Edel-Modehäuser wie Gucci und Prada zählten ebenso zu seinen Abnehmern. In „I Am Martin Parr“ widmet sich Regisseur Lee Shulman dem Werdegang und Werk dieses einflussreichen Künstlers.
Es hätte sich vermutlich kaum ein besserer Regisseur finden können als der 53-jährige, in Paris lebende Shulman. Der aus London stammende Filmemacher ist – wie Parr – gelernter Fotograf und besitzt die weltweit größte Sammlung analoger Amateurfotografie. Mittlerweile hat er fast eine Million private Farbdias der letzten 70 Jahre zusammengetragen. Er ist also ein Sammler und Chronist – ebenso wie der Porträtierte.
Die gemeinsame Leidenschaft für das Dokumentieren und die Fotografie ist deshalb entscheidend, da Shulman damit nicht nur unbeteiligter, distanzierter Beobachter ist. Er begegnet Parr auf Augenhöhe und besitzt dasselbe Verständnis von der Flüchtigkeit des Moments. Außerdem wissen beide nur zu genau, welche Wirkmacht Bilder entfalten können. Das ermöglicht einen einfühlsamen, von Respekt und Wertschätzung geprägten Zugang zu Parr und seiner Arbeit.
Parrs besaß eine regelrechte Obsession für die Kuriositäten des Alltags und das Festhalten (scheinbar) banaler Freizeitbegebenheiten. Seine Auffassungsgabe, das Auge fürs Detail und nicht zuletzt sein trockener Humor offenbaren sich in den Fotos und Bilderserien, die Shulman präsentiert. Sie entstammen allen Karrierephasen Parrs, der von 1994 an Mitglied und von 2013 bis 2017 Präsident von Magnum Photos war. Das 1947 gegründete Unternehmen gehört seit jeher zu den angesehensten, einflussreichsten Fotoagenturen der Welt.
Weltbekannt ist auch Paars mehrfach prämierter Bildband „The Last Resort“. Darin hielt der Fotograf Alltagsszenen und –zwischenmenschliche – Entgleisungen am heruntergekommenen Badeort New Brighton fest. Auf den Punkt gebrachte, bewusst voyeuristische und hemmungslos ehrliche Momentaufnahmen von Familien, Senioren, Kindern, Paaren, Einzelgängern, Sonnenanbetern und Paradiesvögeln. Man sieht sie an wahlweise zugemüllten oder überfüllten Stränden, in Spielhallen, beim Sonnenbaden oder dicht gedrängt an Fast-Food-Ständen. Die Bilder besitzen grelle, leuchtende Farben – typisch für den auffälligen visuellen Stil Parrs.
Besonders interessant ist es, Parr bei seiner Arbeit über die Schulter zu schauen. Er ist ein hellwacher, stets konzentrierter Betrachter mit geschärftem Blick für das Verborgene. Er wartet geduldig auf den „perfekten Moment“, auf den es jeder Fotograf abgesehen hat. Man versuche jeden Tag, dieses eine vollkommene Bild zu bekommen, sagt der immer etwas schelmisch grinsende, sehr sympathische ältere Herr. Er hat sich bis ins hohe Alter die Lebensfreude und Neugier bewahrt.
Shulman hat mit vielen Wegbegleitern und engen Vertrauten Parrs gesprochen, die dessen Kunst einordnen und Interessantes zur Person zum Besten geben. Dazu zählen der Farbfotografie-Pionier Harry Gruyaert, Fotoreporter Bruce Gilden sowie der italienische Dokumentarfotograf Mimi Mollica. Näher kommt man Parr aber vor allem aufgrund der Äußerungen seiner Frau, der Shulman die ein oder andere persönliche Anekdote und viele besondere Erinnerungen entlockt.
Björn Schneider







