83. Mostra del Cinema Venedig 2026 – Ein Festivalbericht von Kalle Somnitz, Anne Wotschke und Nathan di Battista

Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Nachdem die großen Hollywood-Studios weder in Berlin, noch in Cannes und nur sehr begrenzt in Venedig ihre Filme vorgestellt hatten, triumphierte Venedig-Festival-Chef Alberto Barbera, der ein erstaunlich starkes Festivalprogramm präsentierte, mit der süffisanten Bemerkung: “Die großen Studios werden schon im nächsten Jahr zurückkehren!” und machte mangelnde Qualität als Ursache aus. Dass sich die Studios bei einem Werbeetat von 100 Millionen Dollar eine Million für einen Auftritt in Venedig sparen, konnte er sich dagegen nicht vorstellen: “Die Majors kommen zurück, Sie werden sehen!”
Während man in Berlin und Cannes noch den Eindruck hatte, dass das Fehlen der großen Studioproduktionen ein Loch in das Wettbewerbsprogramm riss, konnte Barbera den Eindruck umkehren. Sein Line Up war so stark, dass es für jedes Studio eine verpasste Gelegenheit war, in diesem Wettbewerb nicht dabei gewesen zu sein.

Als einziger Major ergriff die Walt Disney Company diese Chance und legte mit WILD HORSE NINE (Disney) gleich zu Beginn des Festivals einen Knaller vor, der die kommende Oscar-Saison eröffnete. Mit einem sensationellen Drehbuch, abgedrehten Bildeinfällen und zwei Schauspielern in Höchstform, sorgt der irische Regisseur Martin McDonagh (BANSHEES OF THE INISHERIN, THREE BILLBOARDS und BRÜGGE SEHEN… UND STERBEN) hier nicht nur für beste Unterhaltung, sondern stellt auch Fragen in dieser rabenschwarzen Komödie, deren Antwort wir lieber gar nicht wissen wollen.

Wir schreiben das Jahr 1973, befinden uns in Chile, und der Militärputsch gegen Allende steht bevor. John Malkovich spielt Chris, einen CIA-Agenten, der diesen Putsch mit geplant hat. Er ist an Krebs erkrankt und sein Kumpel Lee (Sam Rockwell) erfüllt ihm seinen letzten Wunsch, die Osterinseln zu besuchen, um die legendären Stoneheads zu sehen. Er verspricht ihm auch, ihn dort zu erschießen, weil er nicht im Krankenhaus sterben will.
Doch die Reise wird zu einem ziemlichen Desaster, denn Chris faselt ständig davon, seine Memoiren schreiben zu wollen, und als er am Flughafen zwei junge Linksaktivistinnen überreden will, nicht nach Chile zurückzukehren und geheimdienstliche Geheimnisse ausplaudert, steht seinem Kollegen die Panik ins Gesicht geschrieben. Dessen Tagesbericht ruft dann auch noch seinen Chef (Steve Buscemi) auf den Plan, was das Chaos perfekt macht.
Chris erklärt den beiden jungen Frauen, dass Demonstrationen und Protestaktionen sinnlos seien: „Wenn du die Welt verändern willst, dann musst du jemanden erschießen.” So lautet jedenfalls die Lebensweisheit eines Geheimagenten, der bei den größten Komplotts in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts dabei war.
John Malkovich zeigt hier noch einmal sein ganzes Können. Er wurde mit dem Preis für den Besten Schauspieler ausgezeichnet und eröffnete die Diskussion, dass er mit diesem Film auch eine Oscar-Nominierung einheimsen könnte. Es wäre die dritte und vielleicht klappt es ja sogar.

Nicht ganz so makaber, dafür aber umso spritziger hat Danny Boyle mit INK (Studiocanal) das Festival eröffnet. Er erzählt von dem australischen Zeitungsmacher Rupert Murdoch, der in den 1960er Jahren in London auftauchte, um das Zeitungswesen der Stadt auf den Kopf zu stellen. Guy Pearce spielt Rupert Murdoch, der das Boulevardblatt “The Sun” gekauft hat und nun einen Chefredakteur sucht, der seine Vorstellungen einer modernen Zeitung umzusetzen vermag. Er findet Larry Lamb (Jack O’Connell), der auch nicht vor skrupellosen Methoden zurückschreckt, um das angeschlagene Blatt wieder auf Vordermann zu bringen. Die Idee der beiden ist es, die Zeitung von den Eliten abzukoppeln und volksnaher zu machen. Die neuen Schwerpunkte sind Sport, Fernsehen, Klatsch bis hin zu Horoskopen und Sex. Lamb erfindet sogar das Pin-Up-Mädchen auf Seite drei. Ganz zum Ärger von Murdoch, der als Konservativer die Methoden seines Kompagnons gar nicht gut findet und nur mit der ständig steigenden Auflage beruhigt werden kann.
Was sich zunächst nicht unbedingt wie ein Thriller anhört und die Vorlage von James Grahams gleichnamigem Theaterstück aus dem Jahr 2017 auch nicht erwarten lässt, wird von Danny Boyle dennoch genauso inszeniert. Der Film hat ein Tempo, wie seine TRAINSPOTTING-Filme, macht keine Gefangenen und treibt die Geschichte mit immer mehr Drive voran. Das lässt INK weit über das Porträt einer Zeitung hinausschießen und läutet das Zeitalter des Populismus in der Presse ein.

Nicht der größte Favorit, sondern eher eine kleine Überraschung, war der Gewinnerfilm WOMAN UNKNOWN (Weltkino) der Dänin May el-Toukhi. Sie arbeitete zuvor für die Serie THE CROWN und machte 2019 mit ihrem Film KÖNIGINNEN auf sich aufmerksam. Zum ersten Mal auf einem großen A-Festival, war sie auch noch die einzige Frau im diesjährigen Wettbewerb. Ein Notstand, den auch Jury-Präsidentin Maggie Gyllenhaal auf der Eröffnungspressekonferenz beklagte: “Frauen haben es einfach viel schwerer, eine Finanzierung für ihre Filme zu finden“, konstatierte sie und die Vergabe des Goldenen Löwen war sicher auch als solidarische Unterstützung für eine engagierte Regisseurin gedacht, die ihr Thema überzeugend aus der weiblichen Perspektive erzählt.
Es geht um das dänische Haus- und Kindermädchen Marie (Mathilde Arcel), das in Kopenhagen kurz nach dem 2. Weltkrieg vor der Hochzeit mit ihrem Arbeitgeber, einem reichen verwitweten Handschuhfabrikanten, steht. Doch ein dunkles Geheimnis in ihrer Vergangenheit – sie hatte ein gemeinsames Kind mit einem deutschen Soldaten – bedroht ihren gesellschaftlichen Aufstieg und nicht nur das. Fortan lebt sie mit der ständigen Angst, als Kollaborateurin entlarvt und an den Pranger gestellt zu werden – und das wortwörtlich. Den Frauen, denen eine Beziehung mit deutschen Soldaten nachgewiesen werden konnte, wurden gesellschaftlich geächtet. In Anspielung auf die Hexenverbrennungen im Mittelalter wurden diese Frauen in aller Öffentlichkeit nackt ausgezogen, ihnen die Haare abgeschnitten und ihre Körper mit einem roten Hakenkreuz beschmiert. Mit diesem Schicksal vor Augen erhöht sich die Fallhöhe der Geschichte, und als sie dann noch einem ehemaligen Schulfreund begegnet, der von ihrer Vergangenheit weiß, und am Haus ihres zukünftigen Mannes plötzlich ein rotes aufgemaltes Nazisymbol auftaucht, spitzt sich ihre Lage dramatisch zu.
Mit seinen strengen, in matten kühlen Farben gehaltenen Bildern spiegelt WOMAN UNKNOWN atmosphärisch sehr gut die Nachkriegszeit in Dänemark wider. Hauptdarstellerin Mathilde Arcel trägt den Film quasi alleine und wir leiden mit ihr, obwohl sie nicht gerade als sympathischer Charakter gezeichnet wird. Sie ist das Opfer und wird gleichzeitig zur Täterin, als sie den Fortbestand der Fabrik als Grundlage ihres Wohlstandes und ihres gesellschaftlichen Ansehens über ihr Gewissen stellt. Für ihre beachtliche Performance wurde sie mit der Coppa Volpi als beste Darstellerin ausgezeichnet. Dass dieser Preis immer noch den Namen des italienischen Mussolini-Vertrauten und Mitbegründers der Filmfestspiele trägt, hat hier ein besonderes Geschmäckle.

Manche behaupten ja, dass der beste Film eines Festivals nicht unbedingt mit dem Hauptpreis, sondern eher mit dem Grand Jury Preis ausgezeichnet wird. Er ging in diesem Jahr an POSSIBLE LOVE (Netflix), der gleich zu Beginn neben WILD HORSE NINE ganz oben auf der Favoritenliste für den Goldenen Löwen stand. Zurecht: Mit Anklängen an PARASITE, aber zarter und subtiler inszeniert, stellt der südkoreanische Regisseur Lee Chang-dong die Frage, ob Mitglieder unterschiedlicher sozialer Gesellschaftsschichten miteinander befreundet sein können. Ja, wenn beide sich mit gegenseitigem Respekt begegnen, so die Antwort, doch diesen Zustand zu erreichen, ist alles andere als leicht. Zu viele Missverständnisse und Vorurteile stehen dem entgegen, auch wenn beide Seiten guten Willens sind.
Mit WOMAN UNKNOWN und POSSIBLE LOVE präsentierte Festivalleiter Barbera zwei Oscar-Contender, die nicht von einem großen Hollywood-Studio produziert wurden und seine These unterstützen, dass das Fehlen der Majors eher damit zu tun hatte, dass sie nicht genügend starke Filme am Start hatten.

Der vielleicht politisch wichtigste Film war NAZA (Immer Gute Fime) von den israelischen Regisseur*innen Yuval Abraham und Rachel Szor, die bereits 2024 mit NO OTHER LAND großen Wirbel entfachten. Deswegen hat ihn Barbera auch ans Ende des Festivals gesetzt, damit die zu erwartenden Diskussion nicht die anderen Filme überlagerten.
Mit ihrem investigativen Dokumentarfilm stechen die beiden Filmemacher*innen erneut in ein Wespennest. Kaum in Venedig unter 25-minütiger Standing Ovation uraufgeführt und mit dem Special Prize der Jury ausgezeichnet, ließ die israelische Regierung Sodom und Gomorrha über das Regie-Duo hereinbrechen. Grund: NAZA legt Kalkül und Methodik hinter der genozidalen Kriegsführung der IDF in Gaza offen.

… und das tut der Film nicht nur irgendwie: Seit Ende 2023 führten Yuval Abraham und Rachel Szor über den Dächern Tel Avivs im Geheimen Interviews mit 24 anonymisierten IDF-Funktionären, die an der Konstruktion teils KI-gesteuerter Waffensysteme oder deren Bedienung beteiligt waren. NAZA ist hierbei das Akronym für die erwartete Zahl an zivilen Todesopfern bei einer Luftattacke – sogenannter „Kollateralschaden“. Der Film konzentriert sich fast vollständig auf die bei Nacht gefilmten Interviews mit den Insidern, gelegentlich gegengeschnitten mit Nachrichtenbildern und Aussagen israelischer Politiker, die die Doppelmoral der vermeintlich moralischsten Armee der Welt offenlegt. Die Schilderungen lassen kalte Schauer über den Rücken laufen. Der hoch unangenehm anzusehende, aber leider unverzichtbare Dokumentarfilm macht nicht nur die Grausamkeit des Vorgehens in Gaza sichtbar. Er führt auch – ähnlich wie THE ACT OF KILLING – erschreckend deutlich vor Augen, wie Menschen ideologiegetrieben zu Rädchen im Getriebe großer Tötungsmaschinerien werden können.

Den Silbernen Löwen für die Beste Regie gewann DAU. Er markiert den krönenden Abschluss eines multidisziplinären Projekts von Ilya Khrzhanovsky über den sowjetischen Physiker Lev Landau. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, vierzehn Spielfilme, zahllose Installationen, Bücher und Performances rund um ein berüchtigtes, gewaltiges Filmset, bis Khrzhanovskiys gigantomanische Vision endlich ihren Weg auf die Leinwand fand. Das Ergebnis dieser Anstrengungen ist genauso maßlos – und bahnbrechend!
Eins steht fest: Nolans OPPENHEIMER kann einpacken angesichts dieses ungezügelten Exzesses, der sich über drei Stunden erstreckt und jede Sehgewohnheit eines Normalsterblichen maximal herausfordern dürfte. Von 1928 bis 1968 folgt DAU dem gleichnamigen Physiker (Teodor Currentzis) durch seine Lebensstationen: sein wildes Eheleben, die Arbeit im abgeschotteten Forschungsinstitut, Foltersequenzen, als das Sowjetsystem ihn zur Entwicklung der Atombombe zwingen will – fast rücken die großen moralphilosophischen Fragen, die der Film stellt, angesichts der visuell überwältigenden Sets und Kostüme in den Hintergrund. Hätten Terry Gilliam, Lars von Trier und Sergej Eisenstein einen gemeinsamen Sohn großgezogen: Es könnte Ilya Khrzhanovsky sein. Mit welcher Virtuosität er die Schwerkraft aushebelt, Montagen aneinanderreiht und expressionistische Wahnwelten erschafft, verschlägt einem den Atem. DAU ist extrem, explizit, brutal und gleichermaßen platt wie intelligent. Ein völlig irres cineastisches Kunstwerk, das herausfordert und ja, auch überfordert – aber in Gänze demonstriert, wie schädelsprengend Kino sein kann.

Das pointiert-satirische Drama A GOOD LITTLE SOLDIER gewann den Preis für das Beste Drehbuch. Stéphane Brizé knöpft sich hier die toxischen Zwangsmechanismen in der White-Collar-Unternehmenskultur vor. In der Hauptrolle brilliert Alba Rohrwacher als unter Druck stehende HR-Managerin, der die Balance zwischen Arbeitsauftrag und Privatleben entgleitet. Trockene Situationskomik und existenzielle Bitterkeit reichen sich hier im Fahrstuhl zum Burnout die Hand. Hektische Bilder begleiten Carla (Alba Rohrwacher), eine jüngst beförderte HR-Managerin, auf ihrem morgendlichen Weg ins Büro. Sie findet sich ein im Konferenzraum, in dem die obersten Köpfe des Versicherungsunternehmens zusammensitzen, um einen frisch produzierten Werbeclip zur Anheuerung neuer Talente freizugeben. Das Virtue-Signaling des Clips verfehlt allerdings seine intendierte Wirkung und bringt den CEO (Vincent Lindon) zum Schäumen. Später hadert Carla beim Zoom-Gespräch mit einer Freundin selbst mit ihrer vermeintlichen Inkompetenz und ihrer Rückgratlosigkeit, weil sie sich den speichelleckenden Kolleg*innen im vorauseilenden Duckmäusertum angeschlossen hat, anstatt ihre Einwände gegen den Clip vorzubringen. Fortan will sie es besser machen! Zunehmend misslingt es ihr jedoch, menschlich zu handeln in einem sozial kalten System, das zwar nach außen Freundlichkeit und Nächstenliebe vortäuscht, sein Humankapital allerdings erbarmungslos aussortiert, wenn dieses nicht oder nicht mehr „high performt“. A GOOD LITTLE SOLDIER beginnt als Satire, entwickelt sich jedoch zur bitteren Studie über eine entseelte Ökonomie, die ihre Subjekte fest im Würgegriff hält.

Bleibt noch der Marcello Mastroianni Award, der in diesem Jahr an Malou Khebizi, als beste Nachwuchsschauspielerin ging. Sie spielt in Cedric Kahns 15/18 – A PLACE TO HEAL die 17-jährige Lucia, die von der Polizei aufgegriffen und erneut in die Jugendpsychiatrie eingewiesen wird. Dort trifft sie auf alte Bekannte und Leidensgenossen, aber auch auf eine Welt, aus der sie immer wieder ausbrechen will.
Der Film beginnt wie einer jenes Typs französischer Filme, die den Alltag von Menschen in Institutionen wie Polizei, Krankenhäuser und Schulen beschreiben, so, wie wir sie in der Vergangenheit oft gesehen haben (z.B. POLIEZEI, DIE WÜTENDEN, DIE KLASSE). Dieser Anfang hat einen stark dokumentarischen Charakter, beschreibt das Verhältnis von Ärzten, Pflegern, Patienten und deren Angehörigen, wechselt dann sein Hauptaugenmerk auf die beiden Protagonistinnen, die sich hier im Heim anfreunden, obwohl sie so unterschiedlich sind. Die exaltierte und laute Lucia ist plötzlich die beste Freundin von Eloïs, die leise und in sich gekehrt an einem Trauma aus ihrer Kindheit leidet. Ihr eintöniges Leben nach den Vorgaben des Klinikalltags kommt mit der Ankunft eines geheimnisvollen neuen Patienten namens Enzo ins Wanken. Mit seiner Impulsivität und Kreativität bringt er das fragile Gleichgewicht der Station ins Wanken und zwingt auch Eloïse, sich ihrem Trauma zu stellen.

Einer der meisterwarteten Filme am Lido ging leer aus. Lance Oppenheimer wagte sich mit PRIMETIME (Leonine) erstmals aus dem Bereich des Dokumentarischen hinaus, zumindest teilweise, denn sein manisches Spielfilmdebüt basiert auf den wahren Begebenheiten rund um die legendäre Reality-Show „To Catch a Predator“ (2004-2007). Es reiht sich kongenial ein in die Tradition sardonischer Mediensatiren wie Sidney Lumets NETWORK oder Dan Gilroys NIGHTCRAWLER. Robert Pattinson läuft als hoch umstrittener Investigativjournalist Chris Hansen zur Höchstform auf, doch die heimliche Sensation ist seine Leinwand-Partnerin Merritt Wever als durchtrieben-ehrgeizige Producerin.
Zwar liegen die Geschehnisse, die PRIMETIME aufgreift, zwei Jahrzehnte zurück, doch man kommt nicht umhin, die Zeitlosigkeit des Themas festzustellen: eine sensationslüsterne Aufmerksamkeitsökonomie, betrieben durch heldenhafte Figuren, die unter dem Deckmantel höherer Moral sich selbst ins Rampenlicht rücken und Profit daraus schlagen. Chris Hansen jedenfalls landet mit seinem Reality-Format „To catch a Predator“ einen Quotenhit: Vor laufender Kamera lockt er Pädophile mit Lockvögeln in die Falle und demaskiert sie vor den Augen der Welt. Mit der wachsenden Popularität wächst auch der Druck. Als Hansen und sein Team einen ziemlich dicken Fisch an der Angel haben, überschlagen sich Ereignisse, die die TV-Landschaft für immer verändern werden. Oppenheims PRIMETIME stellt fast schon diabolische Fragen danach, wann ein Zweck was für Mittel heiligt. Sehr viel Style, aber auch Substance!

Ebenfalls aus Amerika und ebenfalls leer ausgegangen ist Werner Herzogs BUCKING FASTARDS. Was Herzogs Filme so außergewöhnlich macht, sind oft die einzigartigen Geschichten, die sie erzählen. So auch hier, wo er von dem Geschwisterpaar Jean and Joan Holbrooke erzählt, das von den Geschwistern Kate und Rooney Mara gespielt wird. Die beiden stehen einander so nahe, dass sie nicht nur dieselben Vorlieben haben, dieselben Männer lieben und die gleichen Träume träumen, sie sprechen auch gleichzeitig und meistens dieselben Worte. Auch wenn wir nicht soviel darüber erfahren, wie sie die Welt sehen, zeigt uns der Film, wie die Welt auf sie schaut. So zum Beispiel vor Gericht, in der Presse und durch die Augen jener, die ihnen helfen oder sie ausnutzen wollen.
Wie so oft bei Herzog ist die Idee aber nicht abendfüllend, sie nutzt sich schnell ab, was dem Ausnahme-Regisseur durchaus bewusst ist, weshalb er seine Idee immer weiterführt und dann, wenn sie langweilig wird, gerne ins Absurde oder Okkulte abdriftet. Das gibt dem Film den speziellen Herzog-Touch, der im Ausland gefeiert wird, hierzulande aber eher auf ein verwirrtes Publikum trifft. Herzog hatte bereits eine Einladung für Cannes, lehnte diese aber ab, als er erfuhr, dass sein Film dort nicht im Wettbewerb laufen sollte.

Ähnlich wie Werner Herzog ist auch Paul Schrader ein Venedig-Regular, der hier alle paar Jahre seinen neuen Film vorstellt. 2017 war es sein Comeback FIRST REFORMED, 2021
THE CARD COUNTER, worauf 2022 MASTER GARDENER folgte und in diesem Jahr war es THE BASICS OF PHILOSOPHY, der in Venedig seine Weltpremiere feierte.
Das Spätwerk von Paul Schrader öffnet sich mehr und mehr für die verschiedensten Themen. Diesmal geht es um Kindesmissbrauch und wie Opfer und Täter ein Leben lang darunter leiden. John hat seinen Musikschüler Miguel unsittlich berührt und sein Vater hat alles mit Geld unter den Teppich gekehrt, dass es für beide keinen Nachteil hat.
Als der Vater stirbt treffen sich die beiden auf dessen Beerdigung wieder und es wird klar, dass der Vorfall aus der Vergangenheit Spuren hinterlassen hat. John, der eigentlich immer noch nicht in der Lage ist, eine normale Beziehung zu einer Frau aufzubauen, will heiraten und Miguel wird skeptisch, als er davon erfährt, dass seine Braut einen heranwachsenden Sohn hat. Miguel berichtet ihr von dem damaligen Vorfall, weil er nicht will, dass ihr Sohn das gleiche erlebt wie er seinerzeit.
Kann sich der Mensch ändern? John sucht Rat bei den Philosophen. Seine Braut in der Psychologie. Schrader versucht das Problem einzukreisen, beleuchtet es von allen Seiten und flechtet noch ein unnötiges Date von John in einer Schwulenbar ein und setzt so Padophilie mit Homosexualität gleich, was Schrader harsche Kritik einbrachte.

Aus Japan kam der neue Film von Hirokazu Kore-eda, der mit LOOK BACK eine Live-Action-Realverfilmung des gleichnamigen Erfolgsmangas von Tatsuki Fujimoto inszeniert, geschrieben und geschnitten hat. Koreeda beobachtet hier über einen Zeitraum von 13 Jahren zwei aufwachsende Mädchen, die sehr verschieden sind. Fujino ist sehr offen und kontaktfreudig, während Kyomoto sehr in sich gekehrt und zu keinen sozialen Kontakten fähig ist. Die beiden Mädchen verbindet ein gemeinsames Hobby, das Zeichnen von Mangas. Gemeinsam sind sie ein unschlagbares Team, das diverse Wettbewerbe gewinnt und bald von der Manga-Industrie umworben wird. Als sie einen großen Auftrag für eine Serie an Land ziehen, trennen sich ihre Wege, denn Kyomoto hat durch den Erfolg an Selbstbewusstsein gewonnen und will eigene Wege gehen und Kunst studieren. Für Fujino bedeutet das, die Mehrarbeit alleine schultern zu müssen.
Im letzten Drittel ändert der Film seine Stimmung: Kyomoto kommt bei einem Hochschul-Massaker zu Tode, was Fujino dazu bewegt, der alten Zeiten zu gedenken. Die Traurigkeit des Ereignisses zieht dem Zuschauer quasi den Boden unter den Füßen weg und Kore-eda lässt sich Fujino in einem verschlüsselten imaginären Ende fragen, ob sie die Freundin nicht hätte ziehen lassen und weiter auf sie aufpassen sollen, oder ob es sie vielleicht gar nicht gegeben hat? War sie nur eine Einbildung, weil sie sich die bevorstehenden Aufgaben alleine nicht zutraute?
Kore-edas Inszenierung ist sehr harmonisch und in die Natur eingebunden. Die Jahreszeiten gehen ihren Lauf und die Musik ist um Harmonie bemüht. Seine Verfilmung eines sehr erfolgreichen Anime als Realfilm setzt deutliche Unterschiede, wagt mehr Menschlichkeit und emotionale Tiefe.

Von den vielen europäischen Filmen konnte Nanni Moretti überraschen. In seinen letzten Filmen hat er vornehmlich ernste, schwermütig anmutende Stoffe verarbeitet und schien seinen Humor der frühen Jahre verloren zu haben. Mit IT WILL HAPPEN TONIGHT hat er ihn wohl wiedergefunden, er legte eine leichtfüßige Geschichte voller komischer Elemente vor, ohne dabei an Tiefe und Relevanz einzubüßen. Sie basiert lose auf der Kurzgeschichtensammlung ‘Hungry Heart’ des israelischen Autors Eshkol Nevo. Gemeinsam mit den Drehbuchautorinnen Federica Pontremoli und Valia Santella suchte Moretti sich die Geschichten heraus, die das Trio am meisten bewegt hatten. Sie kombinieren deren Elemente zu einer einzigen großen Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich stets im falschen Moment begegnen und doch ihren Traum nicht aufgeben, dass ein gemeinsames Glück für sie in der Zukunft möglich sein könnte.
Matteo und Greta heißen die beiden, mit Charme und Charisma gespielt von Louis Garrel und Jasmine Trinca. Der Buchhändler und die Theaterschauspielerin begegnen sich zum ersten Mal auf einem Tennisplatz und allein diese Szene ist es schon wert, den Film zu sehen. Es ist Gretas Hochzeitstag, doch nachdem sie Matteos Match eine Weile beobachtet hat, fackelt sie nicht lange, zieht ihre Schuhe aus und springt im Brautkleid auf den Platz, um mitzuspielen. Hier schon fliegen neben den Bällen auch die ersten Funken zwischen den Protagonisten. Doch bald entschwindet die Braut mit ihrem zukünftigen Ehemann und auch Matteo ist bereits vergeben.
Parallel können die Zuschauer dann die Lebensgeschichten der beiden Hauptfiguren mit allen Irrungen und Wirrungen verfolgen, nicht linear, sondern in zahlreichen Zeitsprüngen, die Aufmerksamkeit erfordern, aber nie langweilen. Im Gegenteil: Immer wieder schafft Nanni Moretti emotionale Höhepunkte, etwa wenn Matteo seinen herzkranken, aber noch sehr lebenslustigen Vater aus dem Krankenhaus zu einem Konzert mit dessen Lieblingssänger Bruce Springsteen entführt.
Insgesamt ein sehr schöner, berührender Film über verpasste Chancen und sich immer wieder neu ergebenden Möglichkeiten, ein Juwel für jedes Filmkunstkino.

Nach seinem Welterfolg THE FATHER, in dem uns Anthony Hopkins in das Innere eines Demenzkranken schauen ließ, folgte THE SON, den Regisseur Florian Zeller 2022 in Venedig vorstellte. Sein neuester Film heißt zwar nicht The MOTHER, sondern BUNKER (X-Verleih), ist aber wieder ein Kammerspiel, das tief in die komplexen Verhältnisse einer dreiköpfigen Familie eintaucht.
Penelope Cruz und Javier Bardem spielen Sofia und Miguel, ein Ehepaar, das sie gar nicht spielen müssen, weil sie ja genau wie im Film auch im Leben seit 17 Jahren verheiratet sind. Ein großer Vorteil für den Regisseur, der sich um diese Figuren-Konstellation nicht weiter kümmern muss, sondern sich ganz auf seine Geschichte konzentrieren kann.
Miguel ist ein spanischer Architekt, der mit Sofia und seinen Töchtern der Karriere wegen nach London gezogen ist. Ein Plan, der für ihn aufgegangen ist; er hat Preise gewonnen und bekommt Aufträge aus der ganzen Welt. An einem neuen Millionenauftrag entzündet sich nun ein Streit mit seiner Frau, die Karriere im Buchhandel gemacht hat, die Londoner Filiale aber nicht übernehmen kann, weil sie für die Besitzerin immer noch eine Ausländerin ist.
Diesen Eindruck gibt den beiden auch ihr Nachbar. Der hat in die Wand, die ihre beiden Grundstücke voneinander trennt, ein Loch geschlagen, um dort ein Fenster einzubauen. Für Miguel ist dies ein Eingriff in seine Privatsphäre, während der Nachbar seine Garage in einen Wohnraum umbauen will und dafür Tageslicht braucht. Der Konflikt eskaliert, als sich der Nachbar nicht um seine Einwände schert, droht Miguel mit seinem Anwalt. “Das war hier mal ein Stadtteil, wo man aufeinander aufgepasst und sich gegenseitig geholfen hat.” schimpft der Nachbar und zieht von dannen.
Für Miguel ein Erlebnis, das ihn bestärkt, seinen Besitz und seine Errungenschaften besser abzusichern. Das merkt man auch an den immer neuen Sicherheitsvorkehrungen, die er in seinem Haus einbauen lässt. Für seine Frau ist das alles ein Dorn im Auge und Ausdruck dessen, dass er sie, seine Kinder und alles, was sie besitzen, zunehmend als sein Eigentum begreift und behandelt mit der Konsequenz, dass sich niemand von ihnen hier Zuhause fühlt. Miguel spürt zwar diese Unzufriedenheit in seiner Familie, ist aber in einer Paranoia gefangen, die sich um Besitzstandswahrung,Verlustängsten und Sicherheitsgarantien dreht und den Fortbestand seiner Familie gefährdet.

In Barthélémy Grossmanns FATHER JOE (Capelight Pictures) spielt Kiefer Sutherland eine ganz andere Vaterfigur. Mitten in Manhattan, in Little Italy, wo die italienische Mafia herrscht, führt Father Joe (Kiefer Sutherland) seine Gemeinde ähnlich wie es die Syndikate tun. Er ist Vietnam-Veteran und kann sich mit ein paar kampferprobten Freunden Respekt verschaffen und sogar die hier ansässigen Mafiabanden in ihre Schranken verweisen. Dabei arbeitet er mit ihren Methoden und macht die jeweiligen Bosse mit Gewalt, Einschüchterung und Erpressung gefügig. Dazu infiziert er sie mit einem Serum und versorgt sie gleichzeitig mit einem Gegenmittel, das er ihnen jeden Sonntag zur heiligen Kommunion reicht. So ist nicht nur die Kirche, sondern auch der Klingelbeutel immer gut gefüllt und Father Joe kann viel Gutes für die Armen und Notleidenden tun. Als der Bischof hinter diese unlauteren Methoden kommt, drückt er angesichts des fürstlichen Profits beide Augen zu, was den Boss aller Mafiabosse (Al Pacino) auf den Plan ruft. Der hat nicht vor, sich austricksen zu lassen, womit er ein Blutbad ohnegleichen anzettelt.
Dem frantösischen Regisseur Regisseur Barthélémy Grossmann gelingt es, das ausgesprochen klare und stringente Drehbuch von Luc Besson als Actioner mit philosophischem Hintergrund umzusetzen und dabei seine Stars glänzen zu lassen. Den verbissenen Kontrahenten setzt er eine absolut geerdete, emotionale Performance von Ever Anderson entgegen. Die Tochter von P.W.S. Anderson und Milla Jovovich ist zumindest ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Zudem greift Grossmann auf allerlei Zitate aus der Filmgeschichte, Metaphern aus der Bibel und Lebensweisheiten zurück, die so filigran und liebevoll inszeniert sind, dass sein Film trotz manch ausufernder Actionszene berührt und emotional mitnimmt.

Mehr als 30 Jahre nach seinem in Venedig preisgekröntem Werk LAMERICA präsentierte Regisseur Gianni Amelio mit NO PAIN (NESSUM DOLORE) erneut ein zu Herzen gehendes Sozialdrama, das sich mit dem Thema Flucht und Einwanderung beschäftigt.
Es nimmt seinen Anfang, als dem 30-jährigen Buchverkäufer Davide überraschend auf der Straße in Rom gegen seinen Willen ein nordafrikanisches Flüchtlingskind anvertraut wird. Als der Junge einen Unfall hat, an dem Davide nicht ganz unschuldig ist, und schließlich im Krankenhaus stirbt, setzt er nach der vergeblichen Suche nach dessen Angehörigen alles daran, ihm eine würdige Beerdigung zu ermöglichen. Doch etliche behördliche Vorschriften stehen dem entgegen, und es kommt noch schlimmer. Davide lernt im Krankenhaus ein schwangeres Flüchtlingsmädchen aus Algerien kennen und bietet ihr für eine Nacht Unterschlupf in seiner Wohnung. Schnell spricht sich das herum und schon nachmittags ist sein großzügiges Loft gefüllt mit Schutz suchenden Flüchtlingen und Obdachlosen. Ein Nachbar zeigt ihn umgehend wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung an und Davide landet in Untersuchungshaft. Die einzigen, die ihm zur Seite stehen, sind ein verständnisvoller Krankenhausmitarbeiter und die Hochschulprofessorin Elsa, eine treue Kundin, die ihn emotional und moralisch unterstützt.
Mit seinem bis in die Nebenfiguren (unter anderem Alessandro Borghi und Valeria Golina) hervorragend besetzten Werk gelingt es Amelio überzeugend, seinem Ziel nahezukommen: die Zuschauer aufzurütteln und für die immer weiter abnehmende Empathie und zunehmende Aggressionsbereitschaft in der Gesellschaft zu sensibilisieren. An der Einstellung zu Flüchtlingen lässt sich dies besonders gut aufzeigen. „Wenn Schmerz, bevor er zu Gleichgültigkeit wird, in Angst umschlägt, macht er uns lebensunfähig. Aber dieser Moment kann auch ein neuer Anfang sein“, so Amelio auf der Pressekonferenz. „Ich habe das Gefühl, meine Generation hinterlässt der Jugend eine falsche, verschlechterte Welt. Das trieb mich an, mit diesem Film Hoffnung zu machen, aber auch an die Eigeninitiative zu appellieren, diese Welt ein wenig besser zu machen, auch wenn die Hindernisse zunächst unüberwindlich scheinen.

Prominent besetzt mit französischen Stars wie Melvil Poupaud, Chiara Farahani, Anaïs Demoustier und Golshifteh Farahani kommt Nicolas Parisers Wettbewerbsbeitrag ONE MINUTE TO MIDNIGHT dagegen als allzu dialoglastiges Kopfkino daher, das den Zuschauern kaum Pausen gönnt, um das Gehörte zu reflektieren. Hinzu kommt, dass auch der Charakter der Hauptfigur Léo, ein kurz vor der Trennung mit seiner Frau stehender Mittfünfziger aus Nancy, nicht unbedingt ein Sympathieträger ist. Auf dem Weg nach Rom zu einem Treffen mit seiner Halbschwester zur Nachlassregelung seines gerade verstorbenen Vaters, dem er nie persönlich begegnet ist, macht er einen Zwischenstopp in Paris. Dort trifft er seine Tochter, eine politische Aktivistin, und alte Bekannte und Liebschaften. Im Gespräch mit diesen verschiedenen Personen muss er ernüchtert erkennen, dass zwischen seinem etwas selbstgefälligen Selbstbild als moderner Intellektueller und dem Bild, das seine Gesprächspartner offenbar von ihm haben, eine große Lücke klafft. Als Kontrast zu Léos persönlichen Reflexionen und Begegnungen in der Stadt der Liebe streut der Regisseur ein paar Bilder von einem Paris ein, das von Unruhen und Polizeieinsätzen geprägt ist – leider zu wenig, um dem Film eine interessante politische Dimension zu verleihen.

Von hohen Erwartungen geprägt war auch Andrea Pallaoros THE ECHO CHAMBER. Das Besondere an diesem Werk ist seine Entstehungsgeschichte. Das Drehbuch basiert auf einem Skript des 2018 überraschend verstorbenen Regisseurs Bernardo Bertolucci, der noch an der ersten Fassung gemeinsam mit den Co-Autorinnen Ludovica Rampoldi und Ilaria Bernardini mitschrieb. Nach Bertoluccis Tod erwarb die italienische Produktionsfirma Indigo Film das unvollendete Projekt. Als Hommage an den Verstorbenen führten Rampoldi und Bernardini die Arbeit am Drehbuch fort und stellten das englischsprachige Skript fertig. Pallaoro übernahm die Regie.
Luca Marinelli und Alicia Vikander spielen darin die beiden Protagonist*innen Leo und Anne. Leo ist ein erfolgreicher Musikproduzent, der an chronischen Rückenschmerzen leidet, Anne seine Physiotherapeutin und Exfreundin, die ihn sehr großzügig mit Schmerzmitteln versorgt. Beide sind in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis miteinander verbunden, sie ziehen sich an und stoßen sich ab, und obwohl sie voneinander loskommen wollen, schaffen sie es einfach nicht. Als dritte Protagonistin fungiert die Sängerin Ava (Susan Sarandon), einst ein berühmter Star, die alle Hoffnungen auf ein Comeback und dabei auf die Hilfe von Leo setzt: Sie besucht ihn regelmäßig, um mit ihm an einem neuen Album zu arbeiten. Im Gegensatz zu Leo und Anne selbst scheint sie einen klareren Blick für die symbiotische Beziehung der beiden zu haben.
Leider enttäuscht das überambitionierte Werk. Seine verschachtelte, beständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und her springende Erzählweise vermag auf Dauer nicht zu fesseln, sondern ermüdet derart, dass wir schließlich, trotz einiger guter Ansätze, das Ende herbei sehnten. Schade, denn am Stoff, der exquisiten Ausstattung und an den Schauspieler*innen, allen voran Susan Sarandon, liegt es nicht, obwohl Pallaoro ein wenig zu oft zum Mittel der Close-ups greift und damit die Enge dieses fast nur in einem Raum spielenden Kammerspiels noch verstärkt.

Eine wunderbare Altersrolle hat auch der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó der bereits 93 jährigen Ellen Burstyn in PLACE TO BE beschert. Hier spielt sie Brooke, die ihr Leben lang nur für ihren Mann und ihren Sohn da war. Jetzt, wo ihr Mann tot ist, will ihr Sohn sie in ein Altenheim abschieben. Das gefällt Brooke gar nicht. Und sie lässt sich von einem ungebetenen Gast mit auf ihre letzte Abenteuerreise nehmen. Der ungebetene Gast ist eine Brieftaube, die nicht mehr nach Hause fliegen will. Brooke kann ihren Besitzer ermitteln und macht sich auf die Reise nach New York, wo dieser in einem Taubenzüchterverein arbeitet. Auf ihrer Reise lernt sie Nelson (Waika Tatiti) kennen, einen geschiedenen Immobilienmakler, der ein schlechtes Jahr hinter sich hat. Zufällig hat sie vorher den Streit mit seiner Tochter belauscht, die er in eine Ferienfreizeit abgeschoben hat. Die beiden sind ein ungleiches Paar, das sich gegenseitig viel geben kann. Sie sieht in ihm den Sohn, den sie gern hätte, und er bewundert ihre Konsequenz, mit der sie eine Sache durchzieht, die sie sich in den Kopf gesetzt hat. So bestreiten sie Brookes letztes Abenteuer gemeinsam.
Der Film ist ausgesprochen metaphorisch, die Taube steht für Freiheit und die Umsetzung des eigenen Willens. Das Verhältnis von Nelson und seiner Tochter weist Ähnlichkeiten zu dem von Brooke und ihrem Sohn auf. Insgesamt ist PLACE TO BE ein Plädoyer für Freiheit und Selbstbestimmung, auch im Alter. Ellen Burstyn und Waika Tatiti geben ein ungleiches Paar, bei dem die Chemie stimmt, und Pamela Anderson spielt die Schwiegertochter, die nicht viel reden muss, weil sich ihre Meinung stets in ihrem Gesichtsausdruck spiegelt. Nicht die erste sehenswerte Performance der oft unter Wert gehandelten Schauspielerin.

Wim Wenders neuer Film FROM INSIDE OUT – THE ARCHITECTURE OF PETER ZUMTHOR (DCM) über den Schweizer Architekten Peter Zumthor war in der Reihe Venice Open zu sehen. In chronologischer Reihenfolge ihres Entstehens sucht Wenders in diesem immersiven Dokumentarfilm die Gebäude auf, mit denen der Schweizer Architekt und Pritzker-Preisträger Peter Zumthor bekannt geworden ist. Er zeigt die Gebäude nicht nur, sondern geht auch ihrer Wechselwirkung mit der sie umgebenden Landschaft und den Menschen, die sie bewohnen, in ihnen arbeiten oder sie mit erbaut haben, nach. Egal ob intimes Zuhause, moderner Workspace, sacrale Kapelle oder monumentale Galerie, wie das LACMA in Los Angeles, die Kamera führt uns in sie hinein, so dass wir den Geist des Hauses erspüren können. Dazu gibt es eine Erklärung von Zumthor selbst, der uns einen erhellenden Einblick in seine Philosophie des Bauens gibt.
Wenders zeigt auch Fehlschläge, wie das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin, das kostenmäßig derart aus dem Ruder lief, so dass am Ende Wowereit als Bürgermeister die Reißleine ziehen musste.
Wenders möchte mit diesem Film unser Raumgefühl schärfen und unsere Wahrnehmung von Häusern oder unserem Zuhause erweitern, damit wir uns bewusster werden, wie Architektur uns beeinflusst und die Gesellschaft prägt. Er bietet dem Zuschauer ein sinnliches Erlebnis an, das ihm auf einfache Weise grundlegende Aspekte der Architektur näherbringt.

Die Nebenreihe Orrizonti wurde von einer deutsch-italienischen Koproduktion eröffnet. In DAS MÄDCHEN MIT DER LEICA (Port au Prince) erzählt die Regisseurin Alina Marazzi von der Links-Aktivistin Gerda Taro (Emilia Schüle), die, nachdem sie in Leipzig gegen die Nazis kämpfte, nach Paris fliehen musste, wo sie etwas zu idyllisch in eine Künstler-Enklave so eine Art ‘Leben der Bohème’ führt. Wie viele gleichgesinnte Künstler verbringt sie lebensfrohe Nächte, wechselt ihre Partner, entdeckt ihr Herz für die Fotografie und engagiert sich im Spanischen Bürgerkrieg. Der Film spielt am 14. Juli 1937 in Paris, wo Gerda ihren letzten Tag vor der erneuten Abreise an die spanische Front mit Robert Capa und engen Freunden verbringt. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen zu einer Erinnerung an Flucht, Liebe und den Kampf gegen den Faschismus. Als Gerda am nächsten Tag alleine nach Spanien reist, ist das ein Abschied für immer. Sie gilt als die erste Fotojournalistin, die im Krieg ihr Leben verlor.
Regisseurin Alina Marazzi zeichnet das Bild einer klugen, lebensfrohen Frau, die schnell zu Everybody’s Darling wird. Klar wird auch, dass ihr Engagement als Kriegsreporterin nicht objektiv ist. Im Gegenteil, sie steht auf der Seite der Rebellen und will diesen mit ihrer Arbeit helfen. Die Objektivität der Bilder war wohl schon damals eine Mär.
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Ein weiterer deutscher Film in dieser Sektion war OASE (Mindjazz) von Jannis Lenz. Der stellt unbequeme Fragen nach den Ursprüngen, Wechselwirkungen und der Einhegung von Gewalt. Sein Drama rückt eine Dreierkonstellation jugendlicher Außenseiter*innen in den Fokus, die im Wald körperliche Grenzen austesten und nach Ventilen für ihre angestaute Wut suchen.
Sonderling Andrew alias Andi (Anton Petzold) ist neu an der Schule und hat direkt einen schweren Stand. Seine Emotionen kann er nur schwer regulieren, immer wieder bricht unbändige Wut aus ihm heraus. Für Bullys ist er ein gefundenes Fressen. Bald kursieren mehrere bloßstellende Videos von ihm. In Lukas (Florian Geißelmann) und Maja (Mathilda Smidt) findet Andi jedoch Verbündete. Mit Paintball-Pistolen und sadomasochistisch angehauchten Experimenten am eigenen Körper finden die drei eine Möglichkeit, ihre Verletzungen und Wut zu kanalisieren.
Jannis Lenz nähert sich dieser vulnerablen Phase des Heranwachsens mit ausdrucksstarken Bildern und Empathie. Er kann sich dabei insbesondere auf das furchtlose Trio seiner Jungdarsteller*innen verlassen, das die schwierige Balance zwischen Ohnmacht, Zorn, sexueller Irritation und existenzieller Orientierungslosigkeit sehr gut transportiert. Zusätzlich gelingt es ihm, die Geschichten der Jugendlichen mit der Welt der Erwachsenen – Lehrkräften und Eltern – zu verweben und so ein größeres intergenerationelles Perspektivpanorama zu eröffnen.

Bleibt noch vom Preisträger des Labels Europa Cinema in der Sektion Giornate degli Autori zu berichten, der in diesem Jahr an Regisseur Robert Guédiguian (MARIUS AND JEANNETTE) ging. Mit A WOMAN TODAY kehrt er zurück zu seinem Lieblingsschauplatz, der Hafenstadt Marseille und ihren Arbeitervierteln. Auch arbeitete er wieder mit Mitgliedern seines Stammschauspieler-Teams zusammen, wie Jean-Pierre Darroussin oder Arkiane Ascaride.
Im Mittelpunkt steht Juliette (Marilou Aussiloux), eine erfolgreiche 35-jährige Finanzexpertin. Schick gekleidet, düst sie morgens auf dem Elektroroller zur Arbeit. Ihr Leben ist vollends darauf ausgerichtet, dem Prototyp einer modernen unabhängigen Frau von heute zu entsprechen. Sehr zum Unbehagen ihrer Eltern, die aus dem Arbeitermilieu stammen, sie immer unterstützt haben und eigentlich stolz auf ihre Tochter sind. Doch der Kontakt zu ihr ist spärlich. Einen lang vereinbarten Besuch verschiebt Juliette wieder einmal – zugunsten einer Geschäftsreise nach Japan, von wo sie ihnen als Geschenk einen Kimono mitbringt, der im Milieu ihrer Eltern ebenso deplatziert wirkt wie Juliette selbst.
Juliettes aus ihrer Sicht perfektes Leben gerät aus den Fugen, als sie auf einer Firmenfeier vergewaltigt wird. Nur durch den beherzten Einsatz eines Glases, das sie ihrem Peiniger über den Kopf schlägt, kann sie ihn nach der Tat abschütteln. Traumatisiert von diesem Ereignis verliert sie auf dem Heimweg die Kontrolle über ihr Auto und landet an der Wand eines Hauses, das sich später als Heim für obdachlose Mütter erweist.
Ihr Vergewaltiger leugnet die Tat, dreht sogar den Spieß um und zeigt sie seinerseits wegen Körperverletzung an. Auch ihre Arbeitgeberin will die Sache schnell und geräuschlos aus dem Weg schaffen und bietet ihr eine Entschädigungssumme an, wenn sie die Angelegenheit auf sich beruhen lässt und ihre Anzeige zurückzieht. Juliette ist entsetzt und zieht einen Schlussstrich. Sie nimmt das Angebot zwar an, aber kündigt umgehend und beschließt, ihr Leben zu ändern.
Wieder einmal gelingt Guédiguian ein von tiefem Humanismus geprägtes, um Vielfalt, Akzeptanz und Respekt werbendes Werk, das zwar vor einigen Klischées nicht Halt macht, aber dennoch durch seine Wärme und die sympathischen Hauptdarsteller zu überzeugen vermag. Herrlich auch Jean-Pierre Darroussin in einer wichtigen Nebenrolle als Jeanettes sie heimlich beobachtender rechtskonservativer Nachbar.

Den Armani Beauty Audience Award gewann die deutsche Koproduktion
I MATTER von Alina Șerban, die in der Nebenreihe Spotlight zu sehen war. Etwas fernsehhaft, aber sehr warmherzig erzählt der Film über Romni, ein Roma-Mädchen, das im Waisenhaus aufwächst, weil ihr alleinerziehender Vater im Gefängnis ist. Unter staatlicher Obhut entwickelt sie sich und schafft es, an der Schauspielschule angenommen zu werden. Als ihr Vater entlassen wird, scheint einen Moment ihr Traum von einem gemeinsamen Familienleben in Erfüllung zu gehen, doch der Alltag holt die beiden allzu schnell wieder ein und sie sehen sich wieder einmal mit Armut, Ausgrenzung und Diskriminierung konfrontiert. Noch dazu droht auch die staatliche Fürsorge wegzufallen, was die Katastrophe perfekt machen würde.
Regisseurin Alina Șerban nutzt ihre eigene Lebensgeschichte, um Themen wie Identität, Zugehörigkeit und das Leben als Minderheit zu beschreiben. Durch ihre Arbeit in Theater und Film schafft sie seit 15 Jahren Raum für Geschichten von Roma aus der Sicht von Roma. In I MATTER eröffnet sie durch die Augen der Hauptfigur eine intersektionale Perspektive und lädt das Publikum dazu ein, darüber nachzudenken, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, in der „normal“ oft als weiß und als Teil einer Familie definiert wird.

Insgesamt hatte das diesjährige Festival in Venedig eine beruhigende Wirkung auf uns. Nach dem schwachen Programm in Berlin und Cannes waren hier Filme zu sehen, die nicht nur mit Qualität überzeugten, sondern auch Publikumswirksamkeit versprachen. Der Befürchtung, dass das Arthaus-Kino in Zukunft ohne die Unterstützung des Festivals auskommen muss, wurde in Venedig jedenfalls energisch widersprochen.

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