Identitti

Die Regisseurin Randa Chahoud hat für ihren zweiten Kinofilm nach „Nur ein Augenblick“ (2020) einen Stoff gewählt, der teilweise spielerisch mit feministischen Reizwörtern, aktuell verhandelten Widersprüchen und identitätspolitischen Fragen jongliert. 

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Mithu Sanyal ist eine freche, bewusst überdrehte Dramödie über die Bedeutung der Herkunft und die Frage, wer eigentlich über die Zugehörigkeit zu welcher Gruppe bestimmen darf. Nicht jeder Einfall sitzt, manches wirkt sehr modisch – doch die streitbare Satire um eine verunsicherte Studentin liefert zumindest die Basis für interessante Diskurse.

 

Über den Film

Originaltitel

Identitti

Deutscher Titel

Identitti

Produktionsland

DE

Filmdauer

103 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Solveig Cornelisen, Roman Paul

Regisseur

Randa Chahoud

Verleih

Alamode Filmdistribution oHG

Starttermin

12.11.2026

 

An der Uni Düsseldorf ist Professorin Saraswati (Stephanie Eidt) ein Star der postkolonialen Theorie, die schon mal alle Studierenden aus dem Hörsaal wirft, die sich nicht als „person of colour“ begreifen. Für die Studentin Nivedita Anand (Amanda Babaei Vieira), Tochter einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters, ist sie das große Vorbild und die wichtigste Orientierungshilfe. Unter dem Namen „Identitti“ beschäftigt sich Nivedita via Podcast mit den Themen Herkunft und Zugehörigkeit. 

Durch Zufall entdeckt sie eines Tages ein altes Foto, das Saraswatis Biografie und damit auch Niveditas Weltbild zum Einsturz bringt: Die Professorin, die als Inderin auftritt, ist eigentlich weiß und hat lediglich in Indien studiert. Das Bild landet – ohne Niveditas Zutun und gegen ihren Willen – in den sozialen Medien, der Shitstorm explodiert: Ausgerechnet die größte Gegnerin von Kolonialismus und „white supremacy“ (weiße Vorherrschaft) wird des Blackfacings an der Uni überführt! Ein Skandal! Eigentlich müsste sich Nivedita nun von ihrer Mentorin lossagen, so wie es ihre Freundinnen verlangen. Stattdessen will sie verstehen, warum Saraswati diese Identität angenommen hat. 

Nach Mithu Sanyals Roman und einem Drehbuch von Friederike Jehn macht Randa Chahoud aus dieser Geschichte eine Art innovative Campuskomödie. Die Figuren reden, streiten, provozieren und verheddern sich, und im Mittelpunkt steht Amanda Babaei Vieira als Nivedita: eine verunsicherte junge Frau, nicht nur, was ihre eigene Identität betrifft, sondern auch hinsichtlich ihrer eigenen Ziele und Wünsche. Nicht umsonst drückt sie sich vor der Abgabe ihrer Masterarbeit und würde gern noch ein Semester dranhängen. Stephanie Eidt hingegen spielt die Professorin Saraswati mit intellektueller Brillanz, extrem lässiger Selbstherrlichkeit und einer unerschütterlichen Lust am Widerspruch. Man versteht, warum Nivedita von ihr fasziniert ist – und weshalb ihre Zuneigung trotz des Betrugs zwar erschüttert wird, aber nicht einfach verschwindet. Nivedita ist keine moralische Schiedsrichterin, sondern vor allem eine mitfühlende Seele, deren Gewissheiten gründlich durcheinandergeraten sind und die nun nach neuen Wegen für sich sucht.

Chahoud übersetzt diese Verunsicherung in eine Inszenierung, die immer wieder den Realismus verlässt und in surreale Szenen mündet, in denen sich knallbunte Fantasien mit kreativen Schwurbeleien und ironischem Splatter treffen. Dazu gehören auch choreografierte Gruppenbilder, besonders in den Hörsaal-Szenen, deren Sinn sich nicht immer erschließt, die irgendwie an Übungen für junge Schauspieler erinnern und ebenso rätselhaft wie übertrieben wirken. Zusätzlich gibt es Tänze – manchmal mit Bollywood-Anklängen, groteske Zuspitzungen und einige Auftritte der hinduistischen Göttin Kaali, dargestellt von Sabrina Setlur, die als streitlustiges Alter Ego von Nivedita fungiert und sie gerne begleitet – vielleicht, um ihr Sicherheit zu geben, vielleicht aber auch, um sie noch mehr zu verunsichern. 

All das passt zu einer Geschichte, die sich der eindeutigen Kategorisierung veweigert. Einige Einfälle geraten dabei zum Selbstzweck; und nicht nur wenn Nebenhandlungen und Stilwechsel gleichzeitig um Aufmerksamkeit kämpfen, verliert der Film an Konzentration. Am stärksten ist er dort, wo aus dem theoretischen Streit eine persönliche Verletzung wird, oder wenn er die scheinbar sicheren Komödiengefilde verlässt. Da dringen urplötzlich die Attentate von Hanau ins Leben der Studierenden und in Niveditas Auseinandersetzungen mit sich selbst ein und schaffen neue, bestürzende Realitäten.

Bemerkenswert bleibt, dass „Identitti“ niemals eine bequeme Position anbietet, aber dennoch keinen Appellcharakter hat. Saraswatis Täuschung wird nicht verharmlost, die Empörung darüber wird aber weder lächerlich gemacht noch verurteilt. Der Film interessiert sich vielmehr für die Grauzonen hinter den Schlagworten, wobei die persönliche Betroffenheit der Romanautorin und der Regisseurin sowie vieler Darstellerinnen lediglich mitgedacht, aber niemals ausgespielt wird. Manches wirkt gelegentlich überladen, dabei aber auch ganz oft lustvoll bis spielerisch überdreht, und diese Lust am Widerspruch macht Randa Chahouds Film zu einem sehenswerten Kinoerlebnis – eine temperamentvolle und einigermaßen respektlose Literaturverfilmung mit einer sehr frischen, jungen und ziemlich ungewöhnlichen Atmosphäre.

 

Gaby Sikorski

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