Grade noch mit Ryan Gosling für Hollywood im Weltraum unterwegs und für die Hosenrolle in „Rose“ den Silbernen Bären abgeräumt, tritt Sandra Hüller nun als Ingeborg Bachmann auf. Und bringt der Ausnahme-Autorin ein Biopic-Ständchen zum 100. Geburtstag. Neben den Spielszenen in einer römischen Wohnung gibt es Archivmaterial über die Schriftstellerin, Briefe und Auszüge aus ihren Werken ergänzen das hybride Porträt wie ein Mosaik. Wer angestrengtes Streber-Kino oder eine bleischwere Pflichtübung für Deutsch-Leistungskurse befürchtet, sieht sich zum Glück enttäuscht: Dieses eigenwillige Biopic sprüht vor Ideen und findet einen sinnlichen Zugang zur sprachgewaltigen Schriftstellerin. Ein funkelndes Kaleidoskop, das Lust macht auf das (Wieder-)Entdecken der Werke dieser Literatur-Ikone.
Über den Film
Originaltitel
Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war
Deutscher Titel
Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war
Produktionsland
DEU,AUT
Filmdauer
95 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Regina Schilling
Verleih
Weltkino Filmverleih GmbH
Starttermin
25.06.2026
Wie nähert man sich filmisch einer außergewöhnlichen Künstlerin? Am besten mit einer nicht minder außergewöhnlichen Schauspielerin. Sandra Hüller schlüpft in die Rolle der Ingeborg Bachmann, einen Tag lang verbringt sie dazu in einer Wohnung in Rom, in der die Schriftstellerin einst gelebt haben könnte. Gleich zum Auftakt legt Regisseurin Regina Schilling die Karten auf den Tisch. Sie erzählt, wie es zur Zusammenarbeit mit dem Schauspiel-Star kam. Sie zeigt, wie die Hüller in der Maske zur Bachmann wird. Später wird die Regisseurin einen Monolog kritisieren, der von der lächelnden Schauspielerin erneut in anderer, jetzt selbstbewussterer Tonalität gesprochen wird. Eine Wiederholung, die den Schlüsselsatz „Ich existiere nur, wenn ich schreibe!“ mit unaufdringlicher Raffinesse verstärkt. Work in progress, und das Publikum ist mittendrin. Ein Handy auf dem römischen Balkon gerät gleichfalls noch zum verspielten Verfremdungsmittel.
„Das harte Klatschen einer harten Hand ins Gesicht. Die erste Erkenntnis des Schmerzes“, werden bittere Jugenderfahrungen aus dem Roman „Malina“ zitiert. Das literarische Mosaik entsteht aus Originaltönen der Autorin, aus Audio- und TV-Aufnahmen aus dem Archiv. Die genreüblich üppige Verwendung von Zeitzeugen als Talking-Heads wird hier zum Glück sparsam dosiert. Eine Mitschülerin erzählt, dass die Autorin in der Schülerzeitung „Eule“ genannt wurde. Ein Radioredakteur aus Wien berichtet über seine damalige Kollegin, dass es „die Inge“ wegen ihrer Klagenfurter Herkunft in der Hauptstadt nicht leicht gehabt habe.
Nicht leicht gehabt hatte es die Schriftstellerin auch in der Liebe. „Es ist kompliziert!“, ist der Status ihrer Beziehungen mit Kollegen wie Paul Celan oder Max Frisch. Tragisch erlebt sie die unerfüllte Liebe zum schwulen Komponisten Hans Werner Henze: „Jeder Bauernjunge hat mehr Reiz für ihn als ich“, zieht sie Bilanz. „Ich kann nur unter Männern atmen!“, betont Bachmann später einmal und formuliert ihre Zweifel: „Bin ich nicht ganz eine Frau? Was bin ich überhaupt? Ich bin ein Irrtum.“
Erfolgreich verläuft die Karriere der Künstlerin. Bachmann gewinnt den Preis der „Gruppe 47“ und kommt auf den Titel vom SPIEGEL. Geschwärmt wird von der „hämmernden Eindringlichkeit“ ihrer Arbeiten. Als glühender Fan präsentiert sich Rhetorik-Professor Walter Jens, der in seiner TV-Sendung die Gedicht-Interpretation an großen Tafeln vornimmt. Die Archivaufnahmen jener Zeit haben einen nostalgischen Charme, der bisweilen schrullig wirkt. Etwa wenn Kritiker-Papst Marcel Reich-Ranicki es als ganz selbstverständlich sieht, dass nur wenige Frauen als Autorinnen erfolgreich sind. Komponistinnen oder Dirigentinnen gäbe es schließlich auch keine, betont er mit schnarrender Stimme und schon damals bereits selbstgefälliger Überheblichkeit.
Für ihre kluge Showmaster-Doku „Kulenkampffs Schuhe“ bekam Regisseurin Regina Schilling beste Kritiken sowie den Grimme- und den Deutschen Fernsehpreis. Ähnliche Würdigungen dürfte es für dieses essayistische Porträt über die Ausnahme-Schriftstellerin geben. Kein betulicher Wikipedia-Eintrag. Kein angestrengtes Streber-Kino oder eine bleischwere Pflichtübung für Deutsch-Leistungskurse. Stattdessen eine poetische Spurensuche, ein kreatives Wimmelbild über eine sprachgewaltige Künstlerin.
Und la Hüller? Famos wie in „Rose“ und „Der Astronaut – Project Hail Mary“ – mindestens! Ein rigoroseres Geburtstagsgeschenk hätte Ingeborg Bachmann sich wohl kaum wünschen können.
Dieter Oßwald







