Mit Übertragungen von einem Medium in ein anderes hat sowohl der Filmkritiker zu tun, aber auch ein Dokumentarfilmer, gerade wenn er einen Film über so etwas ephemeres wie orchestrale Musik dreht. Jan Schmidt-Garre versucht in „Junkies of Dreaming“, die Arbeit des griechischen Dirigenten Teodor Currentzis in filmische Bilder zu fassen, verliert sich dabei bisweilen in Kitsch, doch wenn er sich auf die Worte und Gesten seines Subjekts konzentriert, entstehen faszinierende Momente.
Über den Film
Originaltitel
Junkies of Dreaming
Deutscher Titel
Junkies Of Dreaming – Mahler 3 Currentzis
Produktionsland
DEU
Filmdauer
90 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Schroeder, Marieke / Schmidt-Garre, Jan
Regisseur
Schmidt-Garre, Jan
Verleih
barnsteiner-film
Starttermin
15.10.2026
Er wirkt eher wie ein finnischer Goth-Rocker, mit seinem schlabbrigen schwarzen T-Shirt, den längeren, oft ins Gesicht fallenden Haaren. Doch Teodor Curentzis ist Dirigent, einer der Berühmtheiten seines Metiers, eine Dokumentation über ihn trug passenderweise den Untertitel Der Klassikrebell.
In der als konservativ geltenden Welt der Klassik dürfte Curentzis allein durch sein Äußeres auffallen, aber auch sein Wesen, sein Umgang mit den Musikern seines Orchesters lässt den 54jährigen viel jünger wirken: Ohne Taktstock steht oder sitzt er vor dem von ihm mitgegründeten Utopia Orchester, das seit einigen Jahren Residenzorchester des Berliner Funkhauses ist.
Dort wurde auch „Junkies of Dreaming – Mahler 3 Curentzis“ gedreht, vor allem im großen Saal, wo Dirigent und Orchester an einer Aufnahme von Gustav Mahlers 3. Symphonie arbeiten. Mit einer Spieldauer von circa 95-100 Minuten gilt sie als längste Symphonie des klassischen Repertoires, allein der erste Satz dauert gut 45 Minuten und damit länger als etwa Beethovens komplette 5. Symphonie. Mahler selbst sagte einmal, dass er mit dieser Symphonie „das ganze Universum in Töne fassen“ wollte. Dennoch stehen auf den Seiten der Partitur natürlich nur unzählige Noten, bis auf einige Tempi-Angaben wie sehr langsam, schnell oder kräftig bleibt die Übertragung in Musik dem Dirigenten und den Musikern überlassen.
Doch wie soll man einen Begriff wie kräftig interpretieren? Und wie schnell ist schnell? Hört man Teodor Curentzis in den wenigen kurzen Interviewpassagen zu, scheint er die Musik Mahlers auf besondere Weise zu spüren und zu verstehen, nicht nur mit dem Verstand, sondern mit seinem ganzen Wesen. Dieses Gefühl mit einem Orchester zu erreichen, knapp einhundert Musiker anzuleiten, wie aus einem Guss zu spielen, um seine Interpretation umzusetzen: Das ist die Sucht, die den selbsternannten Junkie Curentzis antreibt.
Mit umschreibenden Worten, mit Summen, mit Gesten versucht Curentzis nun seinen Musikern zu vermitteln, was er meint, was er hören will. Hier sollen die Streicher mal etwas leiser spielen, dort eine Posaune druckvoller, ein langsamer, suchender Prozess, der schnell zu Konflikten führen könnte, wäre Curentzis nicht so ein charismatischer Mann. Mal überlässt er einer Musikerin seinen Stuhl, als deren eigener zu sehr knarzt und die Aufnahme stört, mal lobt er einen Musiker, das er diese Passage Mahlers noch nie so treffend interpretiert gehört habe.
In den schönsten Momenten von „Junkies of Dreaming – Mahler 3 Curentzis“ lässt sich so der Prozess der Übertragung von flachen Noten in lebendige Musik unmittelbar miterleben. Doch auch Jan Schmidt-Garre wollte sich augenscheinlich an einer Übersetzung versuchen und belässt es nicht beim bloßen Beobachten seines faszinierenden Subjektes. Immer wieder schneidet er Passagen zwischen, in denen ein junges Paar im Grünen sitzt oder in einem See badet, unterlegt mit Auszügen aus Briefwechseln Mahlers. Aufnahmen von Blättern am Baum oder dem Glitzern einer Seeoberfläche sind hier zu sehen, beliebige, um nicht zu sagen kitschige Bilder, die so gar nicht zur mitreißenden, transzendenten Musik Mahlers passt. Liegt jedoch der Fokus auf dem wesentlichen, auf der Musik, dem Dirigenten und dem Orchester, fasziniert „Junkies of Dreaming – Mahler 3 Curentzis“ durch seine unmittelbaren Einblicke in den Entstehungsprozess von großer Kunst.
Michael Meyns







