Pauline Roennebergs Kinodebüt ist eine schwarze Familienkomödie: böse, verspielt, präzise beobachtet und von einem Ensemble getragen, das sich mit sichtlichem Vergnügen durch Erbstreitigkeiten, Lebenslügen und familiäre Abgründe arbeitet. Nicht jede Volte dieses üppigen Puzzles wäre unbedingt nötig gewesen, aber dafür wird es in diesem Haifischbecken niemals langweilig!
Über den Film
Originaltitel
Kalter Hund
Deutscher Titel
Kalter Hund
Produktionsland
DE
Filmdauer
125 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Felix Bärwald, Pauline Roenneberg, Nanina Ollig
Regisseur
Pauline Roenneberg
Verleih
Weltkino Filmverleih GmbH
Starttermin
17.09.2026
Corinna Harfouch als eiskalt berechnende Witwe eines steinreichen alten Mannes – das hört sich vielversprechend an. Tatsächlich zieht sie nicht nur in ihrer ziemlich merkwürdigen Familie die Fäden, sondern auch in diesem Film. Marianne findet ihren Mann Herrmann ausgerechnet am Morgen seines 100. Geburtstags tot im Bett. Besonders erschüttert oder gar traurig wirkt sie nicht. Viel unangenehmer ist, dass gleich die Gäste eintreffen werden, darunter Verwandtschaft, Lokalpresse und die örtlichen Honoratioren. Am besten wäre es, wenn der Tote etwas lebendiger wirken könnte … Das erweist sich als schwierig, und dann fehlt auch noch das Testament.
Damit ist der Familienkrieg eröffnet. Zwischen Erbschaftsfragen, alten Kränkungen und allerlei Verdächtigungen tauchen immer neue Geheimnisse auf. Die esoterisch entrückte, zwanghaft lächelnde Stieftochter Karoline, die sich inzwischen Oonagh nennt, schleppt schließlich einen Therapeuten an, der ausgerechnet jetzt eine Familienaufstellung durchführen soll. Eine großartige Idee, jedenfalls für eine Komödie, denn damit bekommen die sorgsam und seit Jahrzehnten verdrängten Konflikte plötzlich Körper und Stimme.
Roenneberg macht aus der reichen Familie ein kleines gesellschaftliches Versuchslabor. Geld bedeutet hier nicht Sicherheit, sondern Macht; gepflegte Umgangsformen verdecken Abhängigkeiten, Ressentiments und eine bemerkenswerte Bereitschaft, sich die eigene Vergangenheit passend zurechtzurücken. Dass in diesem Umfeld Geheimnisse über Generationen weiterwirken, gehört zu den interessanteren Gedanken des Films: Die Jüngeren erben nicht nur Vermögen, sondern auch das Schweigen der Älteren. Das klingt ernster, als „Kalter Hund“ meistens daherkommt, denn die Witze changieren munter zwischen makaber, absurd und beißend.
Im Zentrum steht dabei Corinna Harfouch, die Marianne mit jener Mischung aus Autorität, trockenem Witz und vollkommener Unerschütterlichkeit ausstattet, bei der schon ein Blick genügt, damit eventuelle Gegner versteinern. Um sie herum darf das ausgezeichnete Ensemble genüsslich eskalieren. Karoline Eichhorn kostet die esoterischen Zumutungen ihrer Figur wunderbar aus, und Lea Drinda setzt als Fanny einen klugen Gegenakzent. Ihre Figur gehört zur jüngsten Generation, sie ist weitgehend ahnungslos, was die Familiengeschichte betrifft, hat aber so viel jugendliche Neugier, dass sie beginnt, überall genauer hinzusehen. Lea Drinda spielt sie angenehm unangestrengt und macht sie zu einem erfrischend emotionalen Bezugspunkt inmitten all der taktischen Manöver.
Dass Pauline Roenneberg ausgerechnet mit einer Familienaufstellung einen der Höhepunkte ihrer schwarzen Komödie baut, passt bestens zu dem insgesamt gruppendynamisch interessanten Familiengeschehen: In der Familienaufstellung wird buchstäblich sichtbar, wer wo steht, wer wen verdrängt und welche alten Machtverhältnisse noch immer den Raum bestimmen. Manches davon dreht später vielleicht eine Runde zu viel; ein wenig Straffung hätte dem Vergnügen nicht geschadet. Doch die Lust an den Figuren und ihren Ungeheuerlichkeiten trägt über weite Strecken und zeigt – gerade durch die Stellvertreterfunktion der Angestellten – noch mehr über die Machtverhältnisse, als es den meisten lieb sein kann.
So erwächst langsam, aber sicher aus dem verschwundenen Testament ein zwar einigermaßen düsteres, aber dennoch ziemlich spaßiges Puzzlespiel über eine Familie, in der praktische alle etwas zu verbergen haben. Marianne, die wie ein Fels in der Brandung allen Wellen und Wogen standhält, scheint als einzige stets zu wissen, was sie tut. Ob das allerdings wirklich beruhigend ist, steht auf einem anderen Blatt.
Gaby Sikorski







