Auch Popstars haben es nicht leicht, führen abseits des Rampenlichts ein einsames Leben, empfinden mitunter eine kaum erträgliche Leere. „Mother Mary“ ist bei weitem nicht der erste Film, der die Vorstellungen des glitzernden Showgeschäfts dekonstruiert. Und doch findet der Hollywood-Dutzendware gerne umschiffende David Lowery („The Green Knight“) einen eigenwilligen, aufregenden Zugang zu der Thematik. Vor allem darstellerisch und visuell hat sein mit Anne Hathaway und Michaela Coel prominent besetzter Genregrenzgänger einiges zu bieten.
Über den Film
Originaltitel
Mother Mary
Deutscher Titel
Mother Mary
Produktionsland
USA,DEU,IRE,FIN
Filmdauer
112 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Jonathan Saubach, Jonas Katzenstein, Maximilian Leo, Jeanie Igoe
Regisseur
David Lowery
Verleih
Leonine Distribution GmbH
Starttermin
21.05.2026
Die Zeit drängt, und die Verzweiflung steht ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. Mother Mary (Anne Hathaway), die als Popstar mit markantem Heiligenschein einst die Bühnen dieser Welt eroberte, steht nach einer unfallbedingten Schaffenspause vor ihrem großen Comeback und benötigt dafür die Hilfe ihrer früheren Freundin und Modedesignerin Sam Anselm (Michaela Coel). Nur sie, so glaubt die verunsicherte Rückkehrerin, ist in der Lage, das perfekte Outfit zu kreieren. Ein Kostüm, in dem Mary ganz sie selbst sein kann.
Nach längerer Funkstille treffen die beiden Frauen wieder aufeinander und ziehen sich zum Maßnehmen in eine Art Scheune auf Sams Anwesen im englischen Hinterland (gedreht wurde allerdings in Deutschland) zurück. Schnell holt die Wiederbegegnung tiefsitzende Verletzungen, alte Gefühle an die Oberfläche und tritt Diskussionen über das unschöne Ende der damaligen kreativen Partnerschaft los. Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Imagination verschwimmen dabei mehr und mehr.
„Mother Mary“ zu fassen, zu beschreiben, ist alles andere als leicht. Im Kern serviert der auch für das Drehbuch verantwortliche Regisseur seinem Publikum ein Zwei-Personen-Stück, das einer komplexen, ambivalenten, durchaus erotisch aufgeladenen Beziehung auf den Grund geht und dabei zunächst sehr dialoglastig ausfällt. Gerade als der theaterhafte Eindruck, die fehlende Dynamik überhandzunehmen drohen, bekommt Lowery jedoch die Kurve, öffnet die Bildebene seines Films auf reizvolle Weise.
Raum und Zeit werden brüchig. Ohne Schnitt springen wir vom Hier und Jetzt in der Zeit zurück. Erinnerungen, Seelenzustände und Visionen gehen fließend ineinander über. Assoziatives, metaphorisch aufgeladenes Independent-Kino, das zwischen Charakterdrama, Kommentar aufs Popgeschäft und Geistergeschichte changiert. Manchmal ist das Ganze sicher etwas prätentiös und arg esoterisch aufgeladen. Häufig entwickelt der Film aber auch eine hypnotische Kraft – trotz oder gerade wegen des ungewöhnlichen Cocktails.
Faszinierend sind beispielsweise die Überlegungen zum kreativen Schaffensprozess, die vielen Fragen, die „Mother Mary“ berührt: Wo entsteht Kunst? Wessen Erfahrungen stecken im Werk eines großen Bühnenstars? Wie genau wird man eigentlich zur Marke? Was steht hinter einem Image? Und wie bleibt man im Zirkus der Eitelkeiten geistig gesund? Schön ausformulierte Antworten liefert uns Lowery nicht, dafür jedoch zahlreiche Denkanstöße, die das Gesehene auch nach dem Kinobesuch noch etwas länger wirken lassen.
Enorme Energie, echte Wucht entfaltet der Film vor allem in den Momenten, die uns ein Bild von den pompösen, fast eine religiöse Ekstase produzierenden Mother-Mary-Shows vermitteln. Treibende, eingängige Popsongs (verantwortlich: Jack Antonoff, Charli XCX und die auch als Schauspielerin involvierte FKA Twigs), starke Choreografien, extravagante Outfits und Lichteffekte – die feurigen Bühnensequenzen wecken Erinnerungen an Megakünstlerinnen der Gegenwart wie Taylor Swift oder Lady Gaga.
Dass Lowerys Genre- und Stimmungsmelange trotz mancher Überfrachtung und demonstrativer Zurschaustellung des audiovisuellen Könnens das Interesse hält, liegt nicht zuletzt an den beiden Hauptdarstellerinnen, die den Film auf ihren Schultern tragen. Anne Hathaway strahlt in den Musikpassagen reichlich Starpower aus, erscheint im Gespräch mit Sam wiederum glaubhaft verletzlich. Michaela Coel, seit der von ihr entwickelten Miniserie „I May Destroy You“ (2020) eine der aufregendsten britischen Film- und Fernsehschaffenden, steht ihrer Kollegin in Sachen Charisma in nichts nach. Den beiden Schauspielerinnen könnte man noch viel länger dabei zusehen, wie sie das schwierige Verhältnis ihrer Figuren mit schonungsloser Intensität erforschen.
Christopher Diekhaus







