Nichtsnutze

„Kennst du das Gefühl? Dass du nicht lebst, sondern gelebt wirst?“, fragt Emre zu Beginn des Films. Er weiß nicht so recht, wohin mit diesem Leben. Er möchte frei sein, aber diese Freiheit kommt mit einem Preis. Ein Risiko, das alles verändern könnte. Genau darum geht es, denn Emre hat nur 48 Stunden, um sich zu entscheiden, ob er ein neues Leben beginnen will. Der in Heidelberg gedrehte Film hat eine interessante Grundidee, die genutzt wird für ein Wochenende eskalierenden Spaßes, aber auch ein klein wenig nachdenklich stimmt. 

 

Über den Film

Originaltitel

Nichtsnutze

Deutscher Titel

Nichtsnutze

Produktionsland

DE

Filmdauer

98 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Martin Schwimmer, Dominik Utz

Regisseur

Sedat Aslan

Verleih

Camino Filmverleih GmbH

Starttermin

15.10.2026

 

Emre muss sich fragen, ob er das Angebot, eine Bar in Istanbul zu übernehmen, annehmen soll. Ihm bleiben 48 Stunden, um sich zu entscheiden. Was damit einhergeht? Weggehen, die Freundin, die an ihren Job gebunden ist, verlassen, Freunde nicht mehr sehen, aber dafür eine Perspektive haben, die die Heimat nicht bietet. Die Entscheidung wirkt eigentlich einfach: ein aufregendes neues Leben dort oder ein Spießerleben hier, das auf Haus, Hof und Familie hinausläuft? Um ihm die Entscheidung zu erleichtern, schlagen seine Kumpel vor, die nächsten 48 Stunden so zu tun, als hätte er sich schon fürs Weggehen entschieden. 48 Stunden, die die wildesten in Emres Leben werden.

 

Regisseur und Autor Sedat Aslan stellt ein Ensemble in den Mittelpunkt, wie es im größeren deutschen Film eher nicht vorkommt – zumindest dann nicht, wenn es sich nicht um einen „Problemfilm“ handeln soll. Aslan erzählt von jungen Männern mit migrantischem Hintergrund, die aber alle hier geboren sind, und dennoch nicht unbedingt das Gefühl haben, hier durchstarten zu können. Es geht nicht nur um die Karriere, nicht nur darum, dass Namen immer falsch ausgesprochen werden, sondern auch um den ganz normalen Alltagsrassismus, noch gesteigert durch Lokalpatriotismus. Nämlich dann, wenn die Heidelberger in Mannheim auf stramme Deutsche treffen, die es noch schlimmer finden, dass die „Kanaken“ nicht von irgendwo, sondern aus Heidelberg sind. Das eskaliert zu einer Schlägerei, die musikalisch bombastisch unterlegt ist.

 

Der Film übersteigert, er präsentiert aber auch die ruhigen und kleinen Momente einer Abschiedstour, bei der ein bisschen Wehmut dazugehört. Denn weggehen, ist nie leicht, ankommen aber auch nicht, und genau in diesem Konfliktfeld bewegt sich die Hauptfigur, die in einem Alter ist, in dem die Weichen für die Zukunft gestellt werden müssen. Das verpackt Aslan in eine mit viel Authentizität erzählte Geschichte, in der junger Freigeist immer wieder auf pure Engstirnigkeit trifft, weil alles geregelt und genormt ist und ein Leben innerhalb von Bahnen verläuft, die andere festgelegt haben.

 

Die Schauspieler sind durch die Bank überzeugend, weitestgehend auch unbekannt, so dass sie mit ihren Rollen fast schon verschmelzen. Nur Benito Bause, Theo in der brillanten Serie „Doppelhaushälfte“, ist ein bekanntes Gesicht, spielt hier aber auch völlig gegen die Rolle an, mit der man ihn am stärksten identifiziert.

 

„Nichtsnutze“ ist ein sympathischer, kleiner Film, der eine erzählerische Perspektive einnimmt, die im deutschen Kino zu selten bedient wird. 

 

Peter Osteried

Mehr lesen

Neuste Filmkritiken

ℹ️ Die Inhalte von programmkino.de sind nur für die persönliche Information bestimmt. Weitergabe und gewerbliche Nutzung sind untersagt. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Filmkritiken dürfen ausschließlich von Mitgliedern der AG Kino-Gilde für ihre Publikationen verwendet werden.