Nonna

Einen sehr persönlichen Film hat der an der Kölner Kunsthochschule für Medien studierende Vincent Graf gedreht, der seine Großmutter, seine „Nonna“ beobachtet, die als letztes Familienmitglied im südlichen Italien lebt. Ein zurückhaltender Dokumentarfilm über Heimat, Migration, Familie und das Älterwerden.

 

Über den Film

Originaltitel

Nonna

Deutscher Titel

Nonna

Produktionsland

DE, IT

Filmdauer

72 min

Produktionsjahr

2026

Regisseur

Vincent Graf

Verleih

Real Fiction

Starttermin

17.09.2026

 

Zumindest dem Klischee nach stellt man sich eine italienische Familie groß und lebendig vor, geprägt von ausufernden Essen, bei denen sich die Generationen um einen großen Tisch versammeln, Wein, Pasta aufgetischt und der Geselligkeit gefrönt wird. Doch davon ist im Haus von Nonna nichts zu spüren, einem etwas kalt und ungemütlich wirkenden Bau, der viel zu groß für die Frau in den 70ern wirkt, die im Mittelpunkt von „Nonna“ steht, einem Dokumentarfilm, den ihr Enkel Vincent Graf über sie gedreht hat.

Kein Wunder, denn das Haus war ursprünglich einmal als Rückversicherung für die gesamte Familie gedacht, als Möglichkeit, in die alte Heimat zurückzukehren, wenn es in der neuen Heimat doch nicht klappen sollte. Diese neue Heimat ist Deutschland, dorthin migrierten Nonna, ihr Mann und andere Verwandte in den 60er Jahren, wie viele sogenannte Gastarbeiter aus dem südlichen Europa, aus Italien, Spanien oder Griechenland.

Wie genau es der Familie in Deutschland ergangen ist kann man nur erahnen, Vincent Graf, der noch an der Kölner Kunsthochschule für Medien studiert, hat keinen konkreten Dokumentarfilm im Sinne, der anhand von Fotos und Interviews genau nachzeichnet, wie seine Vorfahren nach Deutschland kamen, sondern einen beobachtenden Film, der die Dinge bewusst eher umkreist und offen lässt und wenig auf den Punkt bringt.

Aus der Tatsache, dass Vincent Graf nun Film studiert, darf man jedoch schließen, dass die Familie gut in Deutschland Fuß gefasst hat, vielleicht auch schon in bürgerliche Verhältnisse aufgestiegen ist, so das er, der Enkel, nun quasi „irgendwas mit Medien“ machen kann. Da lag es nahe, sich filmisch mit der Großmutter zu beschäftigen, die er selbst vor allem aus Besuchen in der alten Heimat kennen dürfte, wo man Sommer am Strand verbrachte.

Wo genau Nonna jetzt lebt bleibt offen, irgendwo im Süden Italiens, vielleicht in Apulien, unweit von Bari, scheint der Strand zu liegen, an dem Nonna gerne Spazieren geht, den sie via facetime auch mal mit ihren Kindern in Deutschland teilt, mit denen sie vor allem per Handy in Kontakt ist. Allzu touristisch ist die Gegend jedenfalls nicht, dass Nonnas Haus auch als Bed & Breakfast fungiert, scheint eher ein Traum zu sein, Besucher gibt es jedenfalls nicht.

Aber Nonna ist ohnehin gerne allein, hat sich seit dem Tod ihres Mannes vor einigen Jahren in der Einsamkeit eingerichtet, intensivster menschlicher Kontakt scheint ein Nachbar zu sein, der etwas schwerhörig ist, weswegen die Streitereien um einen defekten Rasenmäher erst recht laut werden. Bisweilen hilft auch Ali aus, der ein Migrant aus Afrika zu sein scheint, genaueres erfährt man auch hier nicht, leider, denn wie sich hier alte und neue Migrationsströme überschneiden, vielleicht ähneln, vielleicht unterscheiden, wäre eine interessante Frage.

Doch Vincent Graf bleibt konsequent zurückhaltend, beobachtet seine Großmutter meist aus der Distanz, mit statischer Kamera, die er gerne hinter Stühlen oder Türrahmen positioniert, so als wäre die Kamera unsichtbar. In den besten Momenten von „Nonna“ gelingen dadurch prägnante Momente, die auf subtile Weise vielfältige Themen umkreisen und vom Leben zwischen den Welten erzählen, von zerrissenen Familien, die durch die Notwendigkeit von Migration nicht mehr gemeinsam an einem Ort leben können.

 

 

Michael Meyns

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