Sommer auf Asphalt

Und filmt, und filmt und filmt: „Stromberg“-Mime Christoph Maria Herbst, 60, ist der Marathonmann des deutschen Kinos. Zweimal pro Jahr mindestens kann man ihn auf der Leinwand erleben, zahlreiche TV-Gastspiele gibt es als Zugabe obendrein. Das Erstaunliche dabei: Man sieht sich selten satt an CMH. Charismatischer Clown oder cooler Kotzbrocken: Herbst hat die eingebaute Geling-Garantie. Wer wäre besser geeignet für die glaubhafte Verkörperung eines gescheiterten Vaters mit arg tragischem Schicksal? Wer vermag einem Krebsdrama mit scheinbarer Leichtigkeit jene komische Note zu verleihen, die notwendig wird, um es erträglich zu machen? Hopecore, der Optimismus-Glitter, ist in den sozialen Medien schwer angesagt. Für Hollywood segelt aktuell „Der Astronaut – Project Hail Mary“ auf dieser Welle. Ein bisschen Hoffnung kann auch dem Arthaus-Kino nur guttun. 

 

Über den Film

Originaltitel

Sommer auf Asphalt

Deutscher Titel

Sommer auf Asphalt

Produktionsland

DEU

Filmdauer

90 min

Produktionsjahr

2026

Regisseur

Ostermann, Simon

Verleih

Filmwelt Verleihagentur GmbH

Starttermin

04.06.2026

 

„Wie lange ist denn ‚nicht so lange‘?“ will Les (Mala Emde) von ihrem überraschend aufgetauchten Vater Bert (Christoph Maria Herbst) wissen. Er solle nur ein kurzer Besuch sein, versichert der Papa an der Wohnungstür. „Drei Tage sind ok. Vier gehen theoretisch auch!“, lautet die einsilbige Willkommensbotschaft. Kaum hat der Vater das marode Bad inspiziert, steht für ihn fest: „Morgen fahren wir gleich zusammen zum Baumarkt.“ Das Verhältnis zur erwachsenen Tochter ist für den Friseur so verstrubbelt wie das zu seiner getrenntlebenden Frau, einer Bestsellerautorin. Klärende Gespräche wurden traditionell verdrängt. Doch jetzt läuft die Zeit plötzlich allen gnadenlos davon.

 

Les nimmt das Leben locker. Tagsüber brettert sie als Fahrradkurierin durch Hamburg. Nach Feierabend ist Chillen angesagt. Dass sie von ihrem Kollegen Tyler (Aaron Hilmer) ungeplant schwanger ist, findet Les längst nicht so tragisch wie den Armbruch nach einem Unfall. Zum Glück bietet sich Papa Bert als Ersatzradler bei den „Pedal-Piloten“ an. „Wie alt bist du denn? 80?“ lästert der kiffende Hippie-Chef beim Einstellungsgespräch. „Minus 20!“ kommt als selbstbewusste Antwort, welche die Einstellung klar macht. „Unser Codewort heißt Penisbruch“, gibt ihm der Chef für Notfälle noch mit auf den Weg.

 

Während Bert sich erstaunlich elegant durch den Asphalt-Dschungel der Großstadt bewegt und schnell zum Liebling der Kollegen avanciert, gerät Les zunehmend ins Straucheln. Tyler würde gern Vater werden, „du bist doch selbst noch ein Kind!“, lautet die schroffe Antwort. Die geplanten Streicheleinheiten bei ihrer On-off-Freundin scheitern, weil dort, zu ihrem Entsetzen, eine andere Frau in der Wohnung weilt. Die schlimmste Überraschung steht freilich erst noch bevor. Berts Besuch bei seiner Tochter hat höchst dramatische Gründe, die er nach einem epileptischen Anfall nicht länger verschweigen kann. Weshalb auch ein Treffen mit seiner Ehefrau nun ganz dringend nötig wird.   

 

Vater-Tochter-Konflikt. Ungewollte Schwangerschaft. Lesbische Liebe der unerfüllten Art. Mutter-Tochter-Konflikt. Schließlich noch ein bösartiger Hirntumor, der das Leben aller Beteiligten verändern wird. Da liegt reichlich Holz vor der Problem-Hütte. Fast fühlt man sich in die Sachsenklinik aus der ARD-Erfolgsserie „In aller Freundschaft“ versetzt. Zum Glück nur fast. Bei aller Melodramatik setzt diese Vater-Tochter-Story auf eine angenehme Leichtigkeit, auf warmherzige Tonalität sowie gelungene Komik. Das Figurenkabinett ist plausibel aufgestellt und glaubwürdig besetzt. Mala Emde („Köln 75“) gibt die quirlige Fahrradkurierin mit der richtigen Mischung aus Unbeschwertheit und Nachdenklichkeit. Als tollpatschiger Kollege und kommender Vater gibt Aaron Hilmer („Das schönste Mädchen der Welt“) gekonnt den liebenswerten Sidekick mit lässigen Sprüchen à la: „Wir werden krasse Eltern! Babys sind immer für dich da.“ Leinwandpräsent wie immer gibt CMH den Vater mit chronischer Versagensangst, der im Angesicht des Todes über sich hinauswächst. Mit maximalem Minimalismus macht der Mime einmal mehr das Publikum zum Komplizen und lädt mit unaufdringlichem Charme zur Empathie. Hoffentlich dauert es nicht bis zum Herbst, bis zum nächsten Herbst auf der Leinwand. 

 

Dieter Oßwald

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