The Cowboy

André Hörmann begleitet in seiner absolut empfehlenswerten Langzeit-Dokumentation einen Jungen aus dem ehemals und immer noch ein wenig Wilden Westen der USA auf seinem Weg zum erwachsenen Mann. 

Dabei entwickelt sich nicht nur das Bild einer Persönlichkeit, sondern auch seiner Familie und des Milieus – das alles vor der beeindruckenden Landschaft von Colorado … 

 

Über den Film

Originaltitel

The Cowboy

Deutscher Titel

The Cowboy

Produktionsland

DEU

Filmdauer

89 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Hörmann, André

Verleih

Salzgeber & Co. Medien GmbH

Starttermin

14.05.2026

 

Mit „The Cowboy“ richtet Regisseur André Hörmann den Blick auf eine Figur, die zugleich Projektionsfläche und Realität ist: der Cowboy als männlicher Mythos, Lebensentwurf und Überlebensstrategie. Schon in den ersten Minuten wird klar, dass dieser Film weniger erklären als zeigen will – und gerade daraus seine besondere Kraft bezieht. Da steht Crowley, ein junger Mann, der gefragt wird, was einen Cowboy ausmacht. – Immerhin erinnert er sich, dass er das schon mal vor neun Jahren gefragt wurde, doch an seine Antwort erinnert er sich nicht.

 

Eine Rückblende zeigt das selbstbewusste Kind, damals, als die Welt noch in Ordnung war und die Zukunft rosig und als die Antwort auf diese Frage für ihn absolut klar war. „Cowboy zu sein heißt, mitten im Nirgendwo zu leben, mit viel Land um einen rum“. Er führt ein Pferd, steigt auf und reitet weg. Seine Mutter sagt, er habe schon als Baby auf einem Pferd gesessen. Crowleys größter Wunsch ist es, Cowboy zu werden, und dafür tut er alles. Er trainiert hart und wird immer selbständiger, nimmt auch schon an Rodeos teil, bis sich sein Leben durch eine Tragödie von einem Moment zum anderen verändert. Im Angesicht von Trauer und Verlust verschwimmt das Bild, das er von sich selbst hatte und eine Zukunftsvision, die sich ganz dem Bild des Cowboys verschreiben wollte: Rodeo, Pferde, Rinderherden und endlose Weite – aber auch Disziplin, Einsamkeit und eine fast archaische Vorstellung von Männlichkeit. Jetzt ist alles anders.

 

Hörmann begleitet den Jungen im Alltag, beobachtet Trainings, Auftritte und die stillen Zwischenmomente, und er beobachtet den jungen Mann, der sich von seiner Familie abgenabelt hat und einfach nur Geld verdienen muss – als einer von vielen Niedriglohn-Nomaden. Dabei entsteht kein klassisches Porträt im Sinne einer biografischem Nacherzählung, sondern eine Annäherung in Fragmenten, die sich ganz allmählich zu einem stimmigen Gesamtbild fügen, das erst am Ende zeigt, wie sehr sich Crowley und Hörmann eigentlich angenähert haben. Diese Entwicklung zeugt nicht nur von beiderseitigem Vertrauen, sondern auch von viel Geduld und Sensibilität.

Die eigentliche Stärke des Films liegt in seiner Haltung. Hörmann verzichtet konsequent auf Off-Kommentare oder didaktische Einordnungen. Stattdessen vertraut er auf die Kraft der Bilder und auf die Präsenz seines Protagonisten. So entfaltet sich eine subtile, aber eindringliche Message: der Cowboy als Symbol für Selbstbestimmung – und zugleich als fragile Konstruktion, die gegen die Realität behauptet werden muss. Zwischen Inszenierung und Authentizität, zwischen Pose und gelebtem Alltag verläuft eine feine Linie, die der Film immer wieder tastend erkundet.

Cineastisch überzeugt „The Cowboy“ durch eine ruhige Bildsprache, die von manchmal ziemlich schrägen Countryklängen unterstützt wird. Die Kamera arbeitet nahe an den Personen, ohne aufdringlich zu wirken, sie bewahrt ihre Würde. In der Landschaft findet sie immer wieder Momente von überraschender Weite. Licht, Staub, Bewegung – all das wird nicht nur eingefangen, sondern wirkt manchmal wie komponiert. Die Montage folgt keinem klassischen Spannungsbogen, sondern einem eigenen Rhythmus, der sich am Leben selbst orientiert: mal getragen, mal abrupt, oft von stiller Intensität und gelegentlich sogar ergreifend.

Auch diese Atmosphäre macht den Film so sehenswert. „The Cowboy“ ist kein lauter Dokumentarfilm, sondern einer, der sich Zeit nimmt und seinem Publikum zutraut, genauer hinzusehen. Ein leises, kluges Porträt über Identität und Selbstinszenierung – und darüber, wie viel Wirklichkeit in einem Mythos steckt und wie viele Träume in der Realität bestehen können.

 

Gaby Sikorski

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