Tun & Lassen

Eines der vielen Probleme Berlins sind frei verfügbare Drogen und daraus folgend Suchtkranke, die oft nur schwer den Weg zurück in ein funktionierendes Leben finden. Einen Ansatz zur Suchthilfe zeigt Friedrich Rackwitz in seinem zurückhaltend beobachtenden Dokumentarfilm „Tun und Lassen“, der die Fachklinik F42 in Berlin-Neukölln porträtiert.

 

Über den Film

Originaltitel

Tun & Lassen

Deutscher Titel

Tun & Lassen

Produktionsland

DEU

Filmdauer

0 min

Produktionsjahr

2026

Regisseur

Friedrich Rackwitz

Verleih

Filmwelt Verleihagentur GmbH

Starttermin

26.11.2026

 

Der Berliner Stadtteil Neukölln wird gerne als „Problembezirk“ bezeichnet, er zählt zu den sozial schwächsten Bezirken der Hauptstadt, überdurchschnittlich viele seiner Bewohner sind von Sozialleistungen abhängig, der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund ist hoch, was zu Integrationsproblemen führt. Die bisweilen legendäre, bisweilen berüchtigte Sonnenallee befindet sich hier, aber auch der Hermannplatz, einer der heruntergekommensten Orte der Stadt, wo sich Junkies gerne am helllichten Tag einen Schuss setzen.

Unweit des Hermannplatz befindet sich die Flughafenstraße, in der Nr. 42 eine daher F42 genannte Fachklinik, die sich einem der großen Probleme des Kiezes annimmt: Suchterkrankungen aller Art. Ein klassischer Berliner Altbau wurde zu einem Ort umgebaut, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft versuchen, einen Weg in einen halbwegs funktionierenden Alltag zu finden.

Dabei setzt die Klinik auf ein Modell, das viel von den Rehabilitand:innen verlangt, sie aber andererseits auch nicht verdammt, sondern als Menschen respektiert, die aus unterschiedlichen Gründen Opfer unterschiedlicher Süchte geworden sind. Diese Süchte – meist Drogen-, auch Alkohol- und sogar Spielsucht – werden nun nicht einfach als Krankheit definiert, die heilbar wäre, sondern als Teil des Wesens, der im besten Fall kontrolliert und beherrscht werden kann.

Wie dieser Prozess von statten geht versucht nun Friedrich Rackwitz in seinem Dokumentarfilm „Tun und Lassen“ zu zeigen, der den Alltag der Klinik über einen längeren Zeitraum filmisch begleitete, bei Einzel- und Gruppentherapien anwesend war und aus dem Material einen zurückhaltend beobachtenden Film formt.

Man mag hier an die legendären Filme des amerikanischen Regisseurs Frederick Wiseman denken oder auch an die jüngsten Filme des französischen Dokumentarfilmregisseurs Nicolas Philibert, der in seinem mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten „Auf der Adamant“ eine Tagesklinik für psychisch erkrankte in den Mittelpunkt stellte. Ähnlich wie diese großen Vorbilder umkreist auch Friedrich Rackwitz distanziert, aber doch empathisch sein Sujet, verzichtet auf einen erklärenden Voice Over-Kommentar ebenso wie auf Interviews.

Der spezielle Ansatz der Fachklinik F42 erschließt sich allein durch den Kontext, durch das Beobachten der Klinikmitarbeiter, die über unterschiedliche Methoden diskutieren, den Rehabilitand:innen bei ihrem Weg zu helfen, mit ihrer Sucht zu leben. Besonders eindringlich wirken dabei die Gruppensitzungen, bei denen etwa über das letzte Wochenende berichtet wird, jeder Teilnehmer erzählt, ob es riskante Momente gegeben hat, ob irgendein Erlebnis oder eine Begegnung einen Suchtdruck ausgelöst hat, die Gefahr eines Rückfalls bestanden habe.

„Ein Rückfall ist auch nur ein Vorfall“ heißt es dazu, was den therapeutischen Ansatz, den die Klinik verfolgt, gut auf den Punkt bringt. Nicht Sanktionen stehen im Mittelpunkt, sondern Verständnis. Wie gut die Klinik mit dieser Methode fährt, muss angesichts des zurückhaltenden Blicks der Dokumentation offenbleiben, ob die Erfolgsquote hier höher liegt als in anderen Einrichtungen wird nicht klar.

Was „Tun und Lassen“ schafft, ist einen Einblick in eine besondere Form der Suchttherapie zu geben, die Sucht nicht als Krankheit definiert, nicht zum Makel macht, sondern als Teil des Lebens, mit dem zu leben zwar schwierig, aber möglich ist.

 

Michael Meyns

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