Ein ausgesprochen sehenswertes musikalisches Familienporträt: offen, vergnügt und jenseits vertrauter Klanggrenzen. Im Mittelpunkt steht die „Unterbiberger Hofmusik“ mit Franz und Irene Himpsl samt ihren drei Söhnen – eine Familie, bei der bayerische Volksmusik der Ausgangspunkt für eine erstaunlich weite Reise durch Jazz, Brass und musikalische Traditionen aus aller Welt ist.
Über den Film
Originaltitel
Über Unterbiberger
Deutscher Titel
Über Unterbiberger
Produktionsland
DE, MA, IR, TR, EG
Filmdauer
92 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Matthias Ditscherlein
Verleih
FILMPERLEN
Starttermin
01.10.2026
Da steht ein Mann im dezent bayerischen Trachtenjanker und mit Lederhosen vor den Pyramiden und spielt Trompete … Franz Himpsl heißt er, ist inzwischen im Pensionsalter, ehemaliger Sport- und Musiklehrer an einer Münchner Realschule, Familienvater und generell ein Mann mit ausgeprägtem Mitteilungsbedürfnis. Sein Wahlspruch ist: „Es ist immer gut, ein bisschen verrückt zu sein.“ Er stammt aus dem Dörfchen Mutzenwinkel, das am Brotjacklriegel im Bayerischen Wald liegt – und schon allein das hört sich richtig lustig und gemütlich an – und so ist auch der Film. Gemeinsam mit seiner Frau Irene und den Söhnen Xaver, Ludwig und Franz jr. bilden sie die Stammbesetzung der Unterbiberger Hofmusik, die seit Jahrzehnten demonstriert, dass jenseits der typischen musikalischen Schubladen noch viel mehr existiert. Seit 1992 revolutioniert Franz Himpsl die bayerische Volksmusik, zunächst mit Jazzrhythmen, später auch mit orientalischen Rhythmen. Ein bayerischer Bläsersatz kann da plötzlich in einen Jazzlauf übergehen, orientalische Tonfolgen werden mit bayerischen Reimen kombiniert und arabische Lieder verwandeln sich in mit Akkordeon und Trompete zu wunderschönen neuen Songs. Rhythmen aus anderen Kulturkreisen werden nicht als exotische Verzierung benutzt, sondern zum Material für gemeinsames Musizieren. Ganz selbstverständlich werden international bekannte Musiker, wie der Jazzmusiker Andrew McNaughton, in die Familie mit aufgenommen, das Jazz-Multitalent Matthias Schriefl oder der inzwischen verstorbene brasilianische Trompeter Claudio Roditi.
Der Filmemacher Matthias Ditscherlein kennt die Familie seit vielen Jahren und hat sie über einen langen Zeitraum begleitet. Diese Nähe zahlt sich aus. Seine Kamera ist bei Konzerten dabei, auf Reisen und in privaten Momenten; sie folgt den Musikern nach Marrakesch, Ägypten, in den Iran und zurück zu Franz Himpsls Wurzeln im Bayerischen Wald, und das nicht nur zur Sommerzeit, nein: auch im Winter, wenn es schneit. Das ergibt insgesamt ein locker chronologisches Bandporträt, das sehr lebhaft ist – immer in Bewegung, so wie Franz Himpsl selbst. Mit seinem Temperament und seiner Kreativität bestimmt er als Kommunikator das Tempo und den Rhythmus in der Band, aber auch im Film. Das macht den Mann selbst nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch ziemlich anstrengend, wie seine Frau Irene zugibt. Die Musik macht alles leichter, sie hält die Familie und die Band zusammen, und irgendwie auch den Film. Sie kommentiert die Bilder, treibt den Film voran und gibt ihm seine Atmosphäre.
Die stilistische Spannweite der Unterbiberger macht viel Spaß – alles hört sich richtig gut an, das ist wirklich Weltmusik auf hohem Niveau. Volksmusik und Jazz, bayerische Blasmusik, türkische, arabische und nordafrikanische Einflüsse stehen nicht sauber nebeneinander, sondern kommen immer wieder miteinander ins Gespräch. Virtuosität ist dabei selbstverständlich, diese Vollblutmusiker spielen mit Freude zusammen und miteinander. Manche Szenen wirken wie gut gemachte Musikvideos, so zum Beispiel eine Fahrt mit der ganzen Band im Segelboot auf dem Nil, bei der man zuhören kann, wie aus unterschiedlichen musikalischen Sprachen etwas Gemeinsames und Neues entsteht. Das ist vermutlich die überzeugendste Botschaft des Films, und weder der Regisseur noch der Franz Himpsl müssen sie erklären: Man kann sie hören.
Erfreulicherweise verzichtet Matthias Ditscherlein auch darauf, seiner Musikerfamilie eine irgendwie übergeordnete Bedeutung überzustülpen. Er lässt Franz Himpsl erzählen, aber auch die übrigen Familienmitglieder, einige Weggefährten, Freundinnen, Freunde und weitere Familienangehörige. Dabei beobachtet er vor allem die familiäre Dynamik. Dass er bei „Über Unterbiberger“ nicht nur Regie führte, sondern auch Kamera und Schnitt übernahm, trägt zur Rundum-sorglos-Wirkung und zur wunderbar leichten Stimmung des Films bei. Er weiß, wann er nah an seinen Protagonisten bleiben kann und wann eine musikalische Situation für sich selbst spricht. Dabei darf es auch mal chaotisch, komisch und gelegentlich auch ein wenig eigensinnig werden. Und das alles sind Eigenschaften, die zu Franz Himpsl ebenso gehören wie zur Geschichte dieser ungewöhnlichen Familienband.
Die Himpsls nehmen ihre Musik sehr ernst, aber nicht unbedingt sich selbst. Auch das macht den Film sehr sympathisch. Hinter der Spielfreude steckt enorme musikalische Erfahrung, hinter der Lust am Exotischen eine Haltung, die Respekt nicht als großes Wort vor sich herträgt, sondern praktisch erprobt, im gemeinsamen Spiel – oft auch mit Kindern, in der gemeinsamen Improvisation.
Die Unterbiberger Hofmusik spielt und lebt ihre Klangwelten – oder, wie einer von ihnen selbst sagt: „Die Familie funktioniert nicht ohne Band, und die Band funktioniert nicht ohne Familie.“
Gaby Sikorski







