Ambitioniertes Drama um einen schwulen Flüchtling in Kanada, dem die Abschiebung in den Iran droht. Sein verzweifelter Lover setzt alles auf eine Karte, um das zu verhindern. Er bändelt clever mit dem weitaus älteren Assistenten der Ministerin an. Der freche Flirt funktioniert, doch müssen noch etliche Hürden der Bürokratie und Homophobie überwunden werden. Nicht lineares Erzählen ist eigentlich längst dramaturgischer Schnee von gestern. Hier funktionieren die Zeitsprünge und Rückblenden freilich perfekt und verspielt. Ein bisschen weniger plakative Botschafterei und Pathos wäre allemal mehr gewesen. Dafür überzeugen die Figuren durch hohes Empathiepotenzial sowie die Schauspieler durch große Glaubhaftigkeit.
Über den Film
Originaltitel
On sera heureux
Deutscher Titel
We’ll Find Happiness
Produktionsland
CAN, LUX
Filmdauer
101 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Nicolas Steil, Katarzyna Ozga, François Tremblay, Lyse Lafontain
Regisseur
Léa Pool
Verleih
Verleih N.N.
Starttermin
10.09.2026
Das Glück der jungen Braut hält nicht allzu lange. Noch in der Hochzeitsnacht lässt Ehemann Reza (Aron Archer) die ahnungslose Gattin sitzen und entschwindet lieber zu seinem Lover. Wenig später stürmt die iranische Polizei das schwule Liebesnest. „Eine Schande!“, zischelt die verschleierte Nachbarin unter ihrem Kopftuch. Reza gelingt in letzter Minute eine abenteuerliche Flucht, die ihn irgendwann nach Kanada bringen wird. Dort lebt bereits der Taxifahrer Saad (Mehdi Meskar), ein illegaler Einwanderer aus Marokko, der mittlerweile der neue Partner von Reza ist. Um seinen Freund vor einer drohenden Ausweisung zu bewahren, beginnt Saad ein Verhältnis mit dem schwulen Referenten der Ministerin für Migration. Der geschickt eingefädelte Flirtcoup gelingt, der ältere Laurent (Alexandre Landry) ahnt nichts von den wahren Absichten seines jungen Verehrers.
In Rückblenden wird die dramatische Flucht- und Liebesgeschichte der beiden Männer erzählt. Ort und Zeit werden hier rasant gewechselt, erst allmählich setzen sich die erzählerischen Puzzlestücke zu einem Gesamtbild zusammen. Da gibt es die Asylanten, die im Containerversteck von der Polizei aufgegriffen werden. Den verzweifelten Flüchtling, der sich die Fingerkuppen verbrennt, um seine Identität zu verschleiern. Den ersten öffentlichen Kuss in der kanadischen Freiheit. Die selbstverständliche Fremdenfreundlichkeit einer Imbisswagen-Verkäuferin. Oder jenes bürokratische Verhör, bei dem Reza öffentlich seine sexuelle Orientierung beweisen soll.
Erdacht wurde die raffiniert verschachtelte Geschichte von dem kanadischen Dramatiker Michel Marc Bouchard, dessen Theaterstücke schon als Vorlagen für Xavier Dolans „Sag nicht, wer du bist“ oder John Greysons „Lilies: Theater der Leidenschaft“ dienten. Regie führte die schweizerisch-kanadische Filmemacherin Léa Pool, deren Jugenddrama „Emporte-moi – Nimm mich mit“ auf der Berlinale prämiert, mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet sowie als kanadischer Oscar-Kandidat nominiert wurde. Sie hält souverän die dramaturgischen Fäden in der Hand, jongliert pfiffig mit den verschiedenen Zeiten und Schauplätzen und sorgt für emotionale Komplexität der glaubhaften Art. Über die vorgetäuschte Liebe des berechnenden jungen Lovers überlässt sie das Urteil dem Publikum ebenso wie über dessen Entschuldigung bei seinem tief verletzten Verehrer.
Für „Nur ein Augenblick“ wurde Mehdi Meskar vor sechs Jahren beim Filmfestival Max Ophüls Preis als bester Schauspielnachwuchs ausgezeichnet und hatte zuvor im Saarbrücker „Tatort: Der Pakt“ an der Seite von Devid Striesow sein Können bewiesen. Hier überzeugt er mit emotionaler Glaubhaftigkeit und großer Leinwandpräsenz als verzweifelter Lover, der alles auf eine Karte setzen muss und dabei über Leichen geht. In der Liebe und im Krieg soll schließlich alles erlaubt sein.
Dieter Oßwald







