Zwischen einem Pflegeheim und einer Theaterbühne, zwischen Paris und Kyoto bewegt sich der japanische Regisseur Ryūsuke Hamaguchi in seinem über drei Stunden langen, überbordenden, ausschweifenden Film, der um die Freundschaft zwischen zwei Frauen kreist und dabei vom zwangsläufigen Ende des Kapitalismus, der Überalterung der Gesellschaft und vielem mehr erzählt und am Ende zu einem humanistischen Plädoyer für mehr Nähe wird.
Über den Film
Originaltitel
急に具合が悪くなる
Deutscher Titel
All of a sudden
Produktionsland
JP, FR, BE, DE
Filmdauer
196 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
David Gauquié, Julien Deris, Kosuke Oshida, Yuji Sadai, Renan Ar
Regisseur
Ryusuke Hamaguchi
Verleih
PLAION PICTURES GmbH
Starttermin
01.01.1972
Am Rand von Paris leitet Marie-Lou (Virginie Efira) ein Pflegeheim, in dem sie versucht, neue, ungewöhnliche Methoden einzuführen. Die älteren Insassen, oft schon gebrechlich und geistig nicht mehr ganz auf der Höhe, sollen nicht möglichst unkompliziert ruhig gestellt werden, sondern nach einem Humanitude genannten Konzept betreut werden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf körperliche und geistige Nähe gelegt, mit Berührungen gearbeitet, der Insasse nicht als Patient, sondern als Mensch behandelt. Dazu gehört auch, dass eigenständiges stehen und gehen gefördert wird, auch wenn dies das Risiko eines Sturzes beinhaltet. Nicht alle Pflegerinnen sind einverstanden mit diesem Konzept, was sie einst gelernt haben, was sie seit Jahrzehnten praktiziert haben, kann doch nicht auf einmal falsch sein.
Freizeit hat Marie-Lou kaum, sie lebt für ihren Beruf, bewegt sich nahe am Burn Out. Einer zufälligen Begegnung mit dem autistischen Tomoki (Kodai Kurasaki), folgt ein Theaterbesuch, in dem sein Großvater Goro (Kyozo Nagatsuka) in der Hauptrolle den Kernsatz des Films spricht: Von nahem betrachtet sind wir alle ein bisschen verrückt.
Noch wichtiger als Tomoki oder Goro ist jedoch die Regisseurin des Stücks, Mari (Tao Okamoto), ungefähr im gleichen Alter wie Marie-Lou – und unheilbar an Krebs erkrankt. Doch so lange die Krankheit nicht ausgebrochen ist glaubt Mari wider besseren Wissens an die Unmöglichkeit einer Heilung.
Immer wieder wirkt es so, als würde sich die schnell innig werdende Freundschaft zwischen den beiden Maries: Marie-Lou und Mari, in erotische Richtung entwickeln, doch diesen Weg schlägt Ryūsuke Hamaguchi bewusst nicht ein. Zum einen weil es wohl zu einfach gewesen wäre, zum anderen, weil „All of a Sudden“ von viel universellerer Nähe erzählt, als der einer Paarbeziehung.
Was sich zwischen den beiden Frauen entwickelt, über lange Gespräche, die einen erheblichen Teil des Films einnehmen, ist ein tiefes Verständnis für die andere Person, die beiden hilft, von bislang feststehenden Positionen abzukommen. Besonders Marie-Lou wirkt anfangs etwas zu sehr überzeugt von ihren Methoden, die sie auf Biegen und Brechen durchsetzen will. Doch das ist in den rigiden Strukturen des französischen Gesundheitssystems leichter gesagt als getan, denn auch hier wird inzwischen vor allem auf den Profit geachtet, stet das Shareholdervalue höher im Kurs als die angemessene Bezahlung der Pflegerinnen.
In einer spektakulären Szene, die wirkt, als hätte der französische Star-Ökonom Thomas Piketty am Drehbuch mitgeschrieben, analysiert Mira die Strukturen des Kapitalismus, erklärt an der Tafel, anhand von Diagrammen, wie die inhärente Notwendigkeit des Kapitalismus, die Profite immer weiter zu steigern, unweigerlich auf Kosten der Freizeit der Menschen geht, was wiederum zur Reduzierung des Zufriedenheit führt, woraufhin die Geburtenrate sinkt und die Gesellschaft immer älter wird.
Lange hat dieses System funktioniert, nicht zuletzt deswegen, da die westlichen kapitalistischen Demokratien die Probleme und Missstände ihrer Lebensweise nach Außen, in den globalen Süden exportieren konnten, wo immer noch unter Umständen gearbeitet wird, die im Westen nicht mehr akzeptiert werden würden. Doch ein Außen gibt es bald nicht mehr, die Probleme kommen nach Hause und beginnen, die Demokratie zu untergraben.
So akademisch dieser Exkurs auch wirken mag: Ganz beiläufig fügt er sich in das große Ganze eines Films, der seine Argumente unaufdringlich und beiläufig macht. Vertikalität ist dabei das Zauberwort der von Marie-Lou eingeführten Methode, kurz gesagt: ein Umgang auf Augenhöhe. Was im Film vor allem für Insassen und Betreuer gilt, für das was früher als „behindert“ und „normal“ bezeichnet wurde. Doch nicht nur diese meist willkürlichen Kategorien sollten aufgehoben werden, scheint Hamaguchi vorzuschlagen, sondern auch alle anderen. Mit dieser humanistischen Note endet ein langer, fordernder Film, der sich viel Zeit nimmt, für den man sich jedoch unbedingt Zeit nehmen sollte.
Michael Meyns







