In „Billie“ gerät eine Frau durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in eine missliche Lage: Die Polizei hält sie fälschlicherweise für eine Bankräuberin, die zu allem bereit ist. Wird sich das Missverständnis auflösen? Fast die gesamte Handlung in Sheri Hagens drittem Spielfilm spielt in einer Hamburger Bankfiliale. Die zufällig festgehaltenen Personen verkörpern unterschiedlichste soziale Schichten, Altersgruppen und Kulturen. Es ist der Start in ein kreativ umgesetztes, gesellschaftskritisches Ensemble-Drama mit unerwartetem Verlauf.
Über den Film
Originaltitel
Billie
Deutscher Titel
Billie
Produktionsland
DEU
Filmdauer
108 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Sheri Hagen
Verleih
barnsteiner-film
Starttermin
17.09.2026
Die alleinerziehende Angie (Thelma Buabeng) benötigt 300 Euro für die Klassenfahrt ihrer Tochter. Bei der örtlichen Bank erhofft sie sich einen Kleinkredit – und trifft dort auf Mitarbeiter Marc (Timo Jacobs), den Ehemann ihrer besten Freundin Nina (Ruby Commey). Weil sie Marc kennt, sieht Angie gute Chancen, das Geld zu erhalten – doch er lehnt ab. Es dauert nicht lange, bis die Situation außer Kontrolle gerät. So entsteht eine „zufällige“ Geiselnahme, in die weitere Unbeteiligte hineingezogen werden.
„Billie“ erinnert zu Beginn an Heist- und Thriller-Klassiker wie „Hundstage“ oder „Inside Man“. Doch schon nach wenigen Minuten zeigt sich, dass es Hagen nicht um nervenaufreibende Spannung oder hitzige Verhandlungen zwischen Gangstern und der Polizei geht. Vielmehr nutzt sie das Setting (den Mikrokosmos Bank), um Menschen verschiedenster Prägung, Kulturen und Gesellschaftsschichten miteinander zu konfrontieren.
Der minimalistische Schauplatz verwandelt sich in ein Spiegelbild unserer diversen Gesellschaft, in der Vorurteile, gefährliches Halbwissen, mentale Schieflagen und unterdrückte Emotionen ungefiltert aufeinandertreffen. Das illustre Figurenkabinett stellt dabei jene Vielfalt dar: Menschen mit unterschiedlichen Lebensmodellen, Biografien, Themen und Ängsten. Dieser Ansatz, das Werk als Mix aus Ensemblestück und Sozialdrama umzusetzen, erweist sich als enormer Gewinn. Zumal Hagen die Charaktere und ihre Stimmungen jederzeit ernst nimmt und nicht der Lächerlichkeit preisgibt.
Angie steht exemplarisch für die prekären Lebensverhältnisse vieler Menschen hierzulande und symbolisiert die Furcht vor sozialem Abstieg und Armut. Sie hat zwei Minijobs und engagiert sich zudem ehrenamtlich für die Telefonseelsorge. Ihr Einkommen und die Rücklagen reichen dennoch nicht einmal für einen Klassenausflug des Kindes.
Daneben gibt es u.a. noch einen zu nah am Wasser gebauten, mit seinem Job heillos überforderten Polizisten, eine ebenso fürsorgliche wie engagierte Filialleiterin und den aufmerksamkeitsaffinen Influencer. Er hält mit seinem Smartphone unnachgiebig alles und jeden fest. Schließlich versprechen die Aufnahmen vom chaotischen Treiben Reichweite und Sichtbarkeit. Diese Figur steht beispielhaft für den Typus des geltungssüchtigen digitalen Nomaden, dem Selbstinszenierung und Follower-Zahlen wichtiger sind als heil aus einer gefährlichen Situation zu entkommen.
„Billie“ hält außerdem viele Überraschungen und unerwartete Entwicklungen bereit. Das zeigt sich in den letzten 20 Minuten am deutlichsten. Darin verlagert Hagen die Story in den Tresorraum und konzentriert sich auf die (toxische) Beziehung von Marc und Nina. In einer der stärksten Szenen legt Nina die ganze System- und Kapitalismuskritik von „Billie“ offen. Der Film deutet unser machtvolles Finanzsystem in diesem verstörenden, nachdrücklichen Moment metaphorisch radikal um – und entlarvt „Geld“ als bloße Materie, ungenießbar und abstoßend. Reine, bunt bedruckte Baumwollfasern mit Zahlen, denen nur wir Menschen jene immense gesellschaftliche Bedeutung und Wertigkeit zuschreiben.
„Billie“ findet lediglich etwas spät einen befriedigenden Abschluss. Im Tresorraum-Finale schlägt der Film dann doch einige Haken zu viel und die Ereignisse zwischen Marc und Nina überschlagen sich. Das wirkt eher unentschlossen als konsequent, ein früheres Ende wäre stimmiger gewesen. Dafür überzeugt das Drama mit seiner unmittelbaren, dokumentarischen Bildsprache, die dem Geschehen viel Raum lässt. Und der stimmungsvoll-schmissige Jazz-Soundtrack greift den Rhythmus der Story passend auf und treibt die Handlung akustisch gekonnt voran.
Björn Schneider







