Control

Das Musiker nach ihrem frühen Tod zu mythologischen Figuren stilisiert werden ist nichts Neues. Neben Kurt Cobain ist fraglos Ian Curtis, Sänger der Post-Punk-Band Joy Division, das größte musikalische Idol der letzten 30 Jahre. Der Fotograf und Videoclip-Regisseur Anton Corbijn schafft es in seinem Debütfilm über weite Strecken die Person hinter dem Mythos zu zeigen. Ein brillant gefilmtes Denkmal für einen großen Künstler, allerdings in erster Linie für Fans von Joy Division.

Webseite: www.control-film.de

GB 2007
Regie: Anton Corbijn
Buch: Matt Greenhaigh
Kamera: Martin Ruhe
Schnitt: Andrew Hulme
Darsteller: Sam Riley, Samantha Morton, Alexandra Maria Lara, Joe Anderson, Toby Kebbell, Craig Parkinson
121 Minuten, Format 1:2,35 (Scope), s/w
Verleih: Capelight Pictures
Kinostart: 10. Januar 2008

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Am 18. Mai 1980 erhängte sich Ian Curtis im Alter von nur 23 Jahren, in dem schmucklosen Reihenhaus, in dem er mit seiner Frau Deborah und ihrer gemeinsamen Tochter lebte. Wenige Tage später hätte er mit seiner Band Joy Division zu einer Tour nach Amerika aufbrechen sollen. Obwohl Joy Division zum Zeitpunkt von Curtis Tod erst eine Platte veröffentlicht hatten (eine zweite erschien Posthum), wurden sie in kürzester Zeit zu einer der einflussreichsten Bands ihrer Zeit. Bis heute zitieren Bands die Musik Joy Divisons und spielen Coverversionen ihrer Songs. Für Generationen von Fans ist Ian Curtis zu einem Idol geworden, dessen Popularität sich mit der anderer berühmter Toten des Rock ’n’ Rolls wie Jim Morrison, Jimi Hendrix oder Kurt Cobain vergleichen lässt.

Angesichts dieser Legendenbildung, die unabhängig der (spärlichen) Fakten über Curtis Leben sprießt, ist es umso bemerkenswerter, was „Control“ ist, vor allem aber nicht ist.

Der holländische Fotograf Anton Corbijn kannte die Band persönlich, er schoss einige der berühmtesten Fotos von Curtis, bevor er in den 80er Jahren zu einem gefragten Rock-Fotografen wurde. Vor allem seine Fotos von „U2“, in ihrem typischen grobkörnigem schwarzweiß sind unverwechselbar, während er in Deutschland nicht zuletzt durch Fotos und Videos für Herbert Grönemeyer bekannt ist. (Der Sänger ist in einem kurzen Gastauftritt zu sehen.) Vielleicht war es gerade die Nähe zu Joy Divison und ihrer Musik, die es Corbijn ermöglichte einen Film zu drehen, der sich jeglicher Mythenbildung entzieht. Basierend auf den persönlichen Erinnerungen von Curtis Witwe Deborah, zeichnet „Control“ die Geschichte von Joy Division, vor allem aber von Curtis nach. Aufgewachsen in Macclesfield, unweit von Manchester, lebt Ian Curtis ein unscheinbares Leben. Er arbeitet im Sozialamt, ist schon mit 19 Jahren verheiratet und sieht einem wenig aufregenden Leben entgegen. Ob es die Hoffnung war, diesem Leben zu entkommen, die Curtis zur Musik brachte bleibt wie so vieles offen. Eher beiläufig erzählt der Film wie sich die Mitglieder von Joy Division finden, erste wenig erfolgreiche Auftritte absolvieren und schließlich doch einen Plattenvertrag bekommen. Über weite Strecken gelingt es Corbijn ausschließlich über die Bilder zu erzählen, die gleichzeitig von großer Perfektion sind, ihre Qualität aber nie ausstellen. Die Zerrissenheit von Curtis Charakter, der unter Epilepsie litt, ein oft unangenehmer Kontrollfreak war und zwischen konservativem Leben in der Kleinstadt und Rock ’n’ Roll Exzessen hin und her gerissen war, erschließt sich auf subtile Weise. Erst mit der von Alexandra Maria Lara gespielten belgischen Journalistin Annik Honoré, die Curtis Geliebte war, verfällt der Film in die plakativen Dialoge, die er bis dahin vermieden hat. Doch die meiste Zeit ist „Control“ ein bemerkenswert subtiler, zurückgenommener Film, der nicht versucht genaue Antworten zu geben. Das ist einerseits eine große Qualität führt allerdings auch zu einer gewissen Distanz zu den Figuren und dem Film als Ganzem. Uneingeweihte, die nicht ohnehin an Joy Division und Ian Curtis interessiert sind, könnte es schwer fallen nachzuvollziehen, was an dieser Band und ihrem Sänger so besonders ist. Für Fans und Kenner der Band und ihrer Musik aber ist „Control“ eine Fundgrube. In erstaunlich komischen Szenen werden die späten 70er zum Leben erweckt, die Amateurhaftigkeit des damaligen Musikgeschäftes gezeigt. Besonders in den Figuren von Rob Gretton, Manager der Band und Tony Wilson, legendärer Gründer des Nachtclubs Hacienda und der Plattenfirma Factory (der Hauptfigur in Michael Winterbottoms Film „24 Hour Party People“ ist, ein komplementärer Film, in dem Joy Division Nebenfiguren sind), entwickelt „Control“ einen sehr britischen Charme. Und mit Sam Riley hat Anton Corbijn einen Hauptdarsteller gefunden, der Ian Curtis verblüffend ähnlich sieht und in einigen großartigen Liveszenen die Intensität der Musik von Joy Division so nahe bringt wie es nur möglich ist.

Michael Meyns

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England, Mitte der 70er Jahre. Die Rock-Welle ist in vollem Gange: Beatles, David Bowie, Sex Pistols, und wie sie alle heißen. Ian Curtis ist einer, dessen Herz für diese Musik schlägt. Zunächst arbeitet er noch in einer Arbeitsvermittlung. Mit drei, vier Freunden baut er dann eine Band auf: die „Joy Division“.

Der Anfang ist mühsam. Bis der erste professionelle Studio-Termin kommt, dauert es lange. Dann tritt der Erfolg ein. Das junge Publikum tobt. Tournee folgt auf Tournee. Jan Curtis ist ein begehrter Frontman und Lead-Sänger.

Sehr jung ist er auf Debbie gestoßen. Die beiden erleben die Zeit der Verliebtheit. Die Heirat folgt denn auch bald. Trotz des Erfolges leben Ian und Debbie in einfachen Verhältnissen, doch sie sind glücklich. Dann das erste Kind.

Eines Tages taucht die schöne Annik Honoré bei der Band auf. Um Ian ist es geschehen. Er verlässt Debbie und das Kind. Die Beziehung ist nicht mehr reparierbar.

Nicht dass es für ihn einfach gewesen wäre. Er ist in einen schrecklichen Zwiespalt geraten, bräuchte wahrscheinlich psychoanalytische Hilfe. Seine epileptischen Anfälle und die ständig zum Ausdruck kommende Depression verstärken das Dilemma. Schließlich der Zusammenbruch. Nur 23 Jahre ist Ian Curtis alt geworden. Todesursache: mit ziemlicher Sicherheit Selbstmord. Endstation Krematorium.

Ein Schwarz-weiß-Independent-Film, dessen stilistische Echtheit auffällt. Typische zeitgemäße Musik gibt es zuhauf, zudem durch die Songtexte und durch Gedichte lyrische Einschübe. Ein formal streng durchgezogenes Zeit-, Lebens- und Schicksalsbild, konsequent inszeniert und von Sam Riley (Ian), Samantha Morton (Debbie) und Alexandra Maria Lara (Annik) gut gespielt.

Thomas Engel