Die Regisseurin Mariko Minoguchi findet für ihren zweiten Kinofilm in der alpinen Bergwelt einen ebenso schönen wie gefährlichen Schauplatz und mit Nina Hoss in der Hauptrolle der Hanna eine Protagonistin, die mit ihrer ganzen ruhigen Präsenz die Situation, in der sie sich befindet, immer noch beklemmender gestaltet.
Ein konzentriertes, ruhiges Survival-Science Fiction-Drama mit vielen erschreckend aktuellen Anspielungen, das seine dystopische Versuchsanordnung auch für Fragen nach Ausgrenzung, Nähe und Vertrauen nutzt.
Über den Film
Originaltitel
Die andere Seite
Deutscher Titel
Die andere Seite
Produktionsland
DE, AT
Filmdauer
105 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Trini Goetze, David Armati Lechner, Valentina Huber
Regisseur
Mariko Minoguchi
Verleih
X Verleih AG
Starttermin
22.10.2026
Eine bis dato unbekannte Krankheit, die als Seuche auftritt, hat die Gesellschaft in Mitteleuropa verändert. Viele sind gestorben, und die Infizierten müssen in Lagern leben, um die Gesunden vor Ansteckung zu schützen. Die Ärztin Hanna gehört zu den Infizierten. Sie hat ihre gesamte Familie verloren, auch ihren Sohn und ihren Mann, aber Hanna will nicht ins Lager, sondern sie hat sich in die Einsamkeit der Berge zurückgezogen, immer auf der Flucht und fern von einer Gemeinschaft, in der für sie kein Platz mehr ist. In der Alpenwildnis kommt sie ganz gut allein zurecht. Sie schläft in einer Art Jagdhütte und gönnt sich jeden Abend ein paar Minuten der Entspannung, in denen sie mit ihrem Handy spielt und Nachrichten hört. Den Strom dafür bekommt sie über einen Kurbeldynamo. Ansonsten kümmert sie sich tagsüber darum, Nahrung zu finden, auch in verlassenen Wohnhäusern, wo sie Lebensmittelkonserven und Ähnliches mitnimmt. Doch eines Tages wird sie entdeckt und muss ihre Berghütte verlassen. Sie zieht weiter nach oben, immer in Richtung der Alpengipfel. In einem geheimen Camp mit anderen Illegalen begegnet sie einer hochschwangeren, jungen Frau. Hanna nimmt sich ihrer an, und gemeinsam machen sich die beiden auf den Weg über die Alpen nach Süden, wo ein Leben in Freiheit möglich sein soll.
Mariko Minoguchi, die bereits in ihrem Langfilmdebüt „Mein Ende. Dein Anfang.“ mit Zeit, Schicksal und existenziellen Grenzsituationen spielte, entwickelt ihr dystopisches Szenario nicht immer ganz logisch, aber mit sehr viel Zuneigung für die Ausgegrenzten auf der Flucht. Die Ähnlichkeiten mit der Covid19-Pandemie sind sicherlich beabsichtigt, auch in der Überhöhung, selbst wenn die Anspielungen manchmal etwas übertrieben und nicht ganz konsequent dargestellt werden. Die nicht näher bezeichnete, offenbar tödliche Seuche ist dabei nämlich gar nicht so wichtig, sondern lediglich der Ausgangspunkt einer Versuchsanordnung: Was macht es mit dem Menschen, wenn er nicht mehr Teil der Gesellschaft ist, sondern als Geächteter leben muss? Und was geschieht, wenn jemand, der sich gegen jede Form von Nähe abgeschottet hat, plötzlich wieder Verantwortung für einen anderen Menschen übernimmt?
Die Berge sind dafür weit mehr als die eindrucksvolle Kulisse in einem Drama, das sich weniger auf eine spannende Handlung als auf die Zeichnung und Präsenz der Hauptdarstellerin verlässt. Kameramann Felix Pflieger setzt die Landschaft als Gegenwelt zur Zivilisation ein: Sie bedeutet Freiheit und Schutz, gleichzeitig aber auch Gefahr, Kälte und Verlassenheit. Hanna erscheint darin sehr klein und verletzlich. So bekommt ihr Weg durch die Alpen auch eine innere Dimension. Ihr Überleben hängt nicht allein davon ab, ob ihr geschwächter Körper den physischen Anforderungen gewachsen ist, sondern auch davon, ob und wie sie weiterhin als Einzelkämpferin zurechtkommt. Einerseits ist sie die taffe Lady, die mal eben ein Kaninchen häutet, aber andererseits ist sie Ärztin und damit auch verantwortlich für andere.
Nina Hoss trägt diese Geschichte praktisch ganz allein auf ihren schmalen Schultern, als Hanna, die das Alleinsein gewöhnt ist und sich im Kontakt mit anderen nachvollziehbar distanziert verhält. Nina Hoss kann ganze Geschichten nur mit kleinen Blicken, mit ihrer Körperhaltung und Gesten erzählen. So spröde und beherrscht sie auch wirkt – dann fällt es umso mehr auf, wenn sie einmal die Welt an sich heranlässt. Hanna ist stets kontrolliert, ohne dabei gefühllos zu erscheinen. Hinter der Härte wird immer stärker eine Verletzlichkeit spürbar, die nicht erklärt werden muss. Mit Recht vertraut die Regisseurin darauf, dass bei Nina Hoss ein kurzes Zögern oder eine Bewegung mehr über Hanna verraten kann als eine ausführliche Erläuterung.
Dass die Regisseurin ihre Dystopie nicht mit aufwendiger Zukunftsarchitektur ausstattet, sondern sie in einer wiedererkennbaren Welt ansiedelt, macht ihren Ansatz umso wirkungsvoller. Die gesellschaftliche Ordnung bleibt Hintergrund, ebenso die Krankheit und die genaueren Umstände der Seuche, während die Erfahrung des Ausgeschlossenseins ins Zentrum rückt. Darin liegt vielleicht die größte Stärke dieses in mancher Hinsicht sehr minimalistischen Films, der mit sehr wenig Dialog, wenigen Handlungselementen und wenigen Figuren auskommt: Er erzählt von einer Frau, einer taffen Lady, die gelernt hat zu überleben – und die nun herausfinden muss, ob Überleben allein genügt oder ob sie für sie vielleicht doch einen Weg zurück in die Gesellschaft finden sollte.
Gaby Sikorski







