Wer einen völlig entfesselten Tom Cruise in einer gänzlich ungewohnten Rolle auf der großen Leinwand sehen möchte, sollte sich Alejandro G. Iñárritus neuen Film nicht entgehen lassen. „Digger“ hat seine Schwächen, verhebt sich ein ums andere Mal an den eigenen Ansprüchen, feuert aber ausreichend irrwitzige Ideen ab, um Langeweile im Keim zu ersticken. Eine unebene Hollywood-Großproduktion, die Erwartungen massiv unterläuft und nicht wenige Zuschauer vor den Kopf stoßen wird.
Über den Film
Originaltitel
Digger
Deutscher Titel
Digger
Produktionsland
USA
Filmdauer
129 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Iñárritu, Alejandro G. / Cruise, Tom / Parent, Mary
Regisseur
Iñárritu, Alejandro G.
Verleih
Warner Bros. Entertainment GmbH
Starttermin
01.10.2026
Große Ambitionen sind Alejandro G. Iñárritu keineswegs fremd. Im Gegenteil, oft greift der der mexikanische Filmemacher nach den Sternen, will den Zuschauern ein Kinoerlebnis servieren, dass sie so schnell nicht vergessen. Mit dem auf wahre Begebenheiten beruhenden Western „The Revenant – Der Rückkehrer“, für den Leonardi DiCaprio seine langersehnte Oscar-Trophäe erhielt, hatte der Regisseur beispielsweise nicht weniger als die ultimative Survival-Geschichte im Sinn.
Auch Iñárritus neues Werk „Digger“ strotzt nur so vor Ehrgeiz, möchte den Zustand unserer krisengeschüttelten Welt bissig sezieren und vor den dramatischen Konsequenzen menschlicher Selbstsucht warnen. Ein Unterfangen, das fast zwangsläufig, zumindest in Teilen, scheitern muss. Sehenswert ist es dennoch, wie eine mit Tom Cruise besetzte Hollywood-Großproduktion Erwartungen unterläuft, es in Kauf nimmt, die breite Masse zu spalten. Wer sich stets über den fehlenden Mut der amerikanischen Filmindustrie, ihre Einfallslosigkeit und ihr panisches Festklammern an etablierten Marken echauffiert, müsste „Digger“ eigentlich mit offenen Armen empfangen.
Mit Konventionen zu brechen, hochtrabende Ideen in einen Topf zu werfen, bringt natürlich nicht per se eine überzeugende, mitreißende Leinwandarbeit hervor. Das hat in jüngerer Vergangenheit etwa Francis Ford Coppola mit seinem gigantomanischen Fehlschuss „Megalopolis“ ungewollt unter Beweis gestellt. Parallelen zwischen diesem Kinounfall und „Digger“ lassen sich nicht von der Hand weisen. Iñárritus Film ist dann aber doch ein ganzes Stück aufregender, runder und weniger prätentiös.
Was schon im Vorfeld aufhorchen ließ: „Mission: Impossible“-Star Tom Cruise spielt, anders als in den letzten 20 Jahren, einmal nicht den zupackenden, sich in jede Gefahr stürzenden Actionhelden, sondern zeigt sich in einer höchst ungewohnten Maskerade. Der von ihm verkörperte Digger Rockwell, ein Ölmagnat, dem die Dollarzeichen in den Augen stehen, hat schütteres Haar, einen Schmerbauch und Hamsterbäckchen. An Entschlossenheit und Durchsetzungskraft mangelt es diesem Turbokapitalisten allerdings nicht. Schon kurz nach dem Aufstehen managt er Brandherde und faltet seine Mitarbeiter zusammen, wenn sie nicht nach seiner Pfeife tanzen.
Dummerweise wächst sich ein Problem auf einer Ölplattform in Grönland, das Digger zunächst beiseiteschieben will, zu einer Katastrophe mit gigantischen Dimensionen aus: Als sich eine gewaltige Eisplatte löst, ins Meer treibt und geradewegs auf Europa zusteuert, drohen dem Kontinent Chaos und Verwüstung. Genau das versucht der Wissenschaftler Ganesh (Riz Ahmed), Rockwell und dem US-Präsidenten Compson (John Goodman) in einer eilig anberaumten Krisensitzung klarzumachen. Wie man mit dem Super-GAU umgeht, darüber gibt es am Tisch indes unterschiedliche Auffassungen.
Mehr über den Plot wollen wir nicht verraten, weil „Digger“ nach rund 30 Minuten eine weitere Ebene offenlegt, die in keinem Trailer und keiner Vorabsynopsis angeteasert wurde. Ja, es ist schwierig, über den Film zu schreiben, ohne auf diese Volte und ihre Implikationen einzugehen. Wir wollen es trotzdem versuchen, da sich das zwischen Gesellschaftssatire, schwarzer Komödie und Untergangsfarce oszillierende Leinwandbiest vor allem mit diesem Kniff von thematisch verwandter Hollywood-Stangenware abhebt.
Iñárritu und seinen kreativen Mitstreitern, das zeigt die Enthüllung, geht es eben nicht nur um eine Beschreibung der verfahrenen Weltlage, eine Kritik am Größenwahn, an der Verantwortungslosigkeit mancher Machthaber (Goodman ist unschwer als Trump-Parodie zu erkennen), an der Ausbeutung der Natur, am zügellosen Kapitalismus. Die – zweifellos überfrachtete – Story soll auch dem Publikum den Spiegel vorhalten, adressiert dessen Bequemlichkeit und fragt nach den Möglichkeiten der Kunst, reale Krisen zu verarbeiten. „Digger“ ist nicht zuletzt eine Geschichte über das Erzählen selbst. Darüber, wie Diskurse bestimmt werden und wie wir uns das eigene Handeln schönreden. Die Heuchelei vieler Menschen im Hinblick auf die Klimadebatte nimmt der Film besonders in einer der fiebrigsten Passagen aufs Korn. Dann nämlich, als Rockwell sich wütenden europäischen Politikern stellt, sein rücksichtsloses Vorgehen verteidigt und den Anwesenden eine bittere Wahrheit um die Ohren haut. Iñárritus Stammkameramann Emmanuel Lubezki dreht diese Ansprache fast in einer durchgehenden Einstellung und holt so ein Maximum an Energie aus ihr heraus.
Momente wie dieser federn die nicht wegzudiskutierenden Schwächen immer wieder ab. Trotz einiger im Sande verlaufender Pointen, mancher Flachwitze und überflüssiger Handlungselemente verfügt „Digger“ über ausreichend verrückte Ideen und dynamische Sequenzen, um nicht langweilig zu werden. Amüsant ist auch, mit welcher Inbrunst sich die prominenten Darsteller, allen voran Tom Cruise und John Goodman, in ihre überzeichneten Rollen werfen. In gewisser Weise ergibt ihr komplettes Freidrehen rückblickend sogar Sinn. Bleibenden Eindruck hinterlässt ferner das oft ausgeklügelte Szenenbild, in dem sich, wie etwa gleich am Anfang, Hinweise auf spätere Offenbarungen verstecken. Obwohl längst nicht alles funktioniert, kann sich am Ende, wenn der Film einen weiteren kleinen Dreh vollzieht, durchaus positives Staunen breitmachen. In letzter Zeit hat sich Hollywood jedenfalls selten derart schräg und eigenwillig gezeigt wie hier.
Christopher Diekhaus







