„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ heißt es in der Bibel, Prinzipien, die in Teilen des zentralafrikanischen Staates Tschad noch Gültigkeit haben. Davon erzählt Achille Ronaimou in seinem ersten Spielfilm, der durch seine fast dokumentarischen Momente überzeugt und seinen präzisen Blick, mit dem er vom Wandel der Gesellschaft des Tschad erzählt.
Über den Film
Originaltitel
Diya, le prix du sang
Deutscher Titel
Diya – Blutgeld
Produktionsland
TD, CI, FR, DE
Filmdauer
96 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Issa Serge Coelo, Valéry Du Peloux, Frieder Schlaich, Frédéric O
Regisseur
Achille Ronaimou
Verleih
Filmgalerie 451 GmbH & Co. KG
Starttermin
26.11.2026
In N’djamena, der Hauptstadt des Tschad, hat sich Dane (Ferdinand Mbaissané) ein gutes Leben aufgebaut. Als Fahrer für eine NGO hat er einen sicheren Job, zusammen mit seiner Frau Delphine (Solmem Marina Ndormadingar) lebt er in guten Verhältnissen, zudem erwartet das Paar sein erstes Kind.
Doch dann kommt es zu einem Unfall, ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit reicht, um Danes Leben aus den Fugen zu bringen. Er überfährt das Schulkind Younous, das bald im Krankenhaus stirbt. Ein Unfall, aber durch Danes Griff zum Handy verursacht, weswegen er des Mord bezichtigt wird.
Zudem fordert Béchir (Youssouf Djaoro), der Vater des Kindes, Blutgeld, fünf Millionen CFA soll Dane zahlen, umgerechnet ungefähr 7500 Euro, nach europäischen Maßstäben nicht viel, in einem Land wie dem Tschad, wo das Durchschnittseinkommen bei etwa 800 Euro pro Jahr liegt, eine enorme Menge.
Selbst die Kaution, um aus dem Gefängnis zu kommen, beläuft sich auf eine Millionen, nur Mühsam kann Danes weitverzweigte Familie sie aufbringen. Zwei Wochen hat Dane nun Zeit, den Rest des Geldes aufzutreiben, ansonsten droht Béchir mit blutiger Rache.
Verzweifelt bemüht sich Dane um einen neuen Job, verkauft die wenigen wertvollen Habseligkeiten der Familie, droht bald alles zu verlieren, doch das Geld reicht nicht. In seiner Verzweiflung geht er auf den Vorschlag eines Mitgefangenen eins, der ihm ein krummes Ding vorgeschlagen hat.
Um eine archaische Tradition geht es im ersten Spielfilm von Achille Ronaimou, der zuvor einige Dokumentarfilme gedreht hatte. So überrascht es nicht, dass viele Sequenzen von „Diya – Blutgeld“ durch ihren anthropologischen Blick überzeugen und fast dokumentarisch das Leben im Tschad zeigen. Nach dem Unfall bringt Dane das Kind etwa selbst ins Krankenhaus, wo es kurz begutachtet wird. Doch die Behandlung kann erst weitergehen, wenn Dane die benötigten Medikamente in einer Apotheke gekauft hat, doch da sein Geld nicht reicht, muss erst seine Frau ins Krankenhaus kommen. Endlos lange dauern diese Momente, in denen das Kind auf Behandlung wartet, die Situation sich zuspitzt.
Auch im Folgenden erinnert das genaue Beobachten der Versuche Danes, Geld aufzutreiben, an die Filme der belgischen Dardenne-Brüder. Auch Ronaimou bleibt immer nahe an seiner Hauptfigur dran, die stoisch, mit nur unterschwellig wachsender Verzweiflung, versucht, die Probleme zu lösen, die kontinuierlich größer werden. Und wie so viele Helden der Dardennes, wird auch Dane zu einer extremen Handlung greifen, zu der ihn das Schicksal scheinbar zwingt.
Viel mehr jedoch das archaische System der Diya, das sich trotz wachsendem Widerstands nur langsam auflöst. In einer der besten Szenen des Films sitzen Personen aus Danes Umfeld zusammen, Männer und Frauen, die der selben Ethnie angehören, die aus dem selben Dorf stammen wie er, und diskutieren darüber, ob man ihm helfen soll. Auch wenn Dane offenbar selbst eher wenig Gemeinschaftsgefühl gezeigt hat, sich den Strukturen der Großstadt angepasst hat, pochen gerade die Frauen darauf, dass ihm geholfen werden soll. „Er ist unser Sohn“ heißt es da, was nicht wörtlich zu verstehen ist, aber andeutet, wie eine traditionelle Gemeinschaft funktionieren kann.
Unterschwellig erzählt Ronaimou auch vom Wandel der Gesellschaft des Tschad, die zunehmend verstädtert, deren Verbindungen zum traditionellen Leben in den Dörfern verschwindet. Die daraus entstehenden Konflikte sind Auslöser von „Diya – Blutgeld“, der am Ende mit einer überraschenden Wendung aufwartet, die das zuvor gesehene auf den Kopf stellt.
Michael Meyns







