Vor ein paar Jahren gewann der lettische Animationsfilm „Flow“ den Oscar und zahlreiche andere Preise. Vielleicht auch ein Grund, weswegen nun erneut ein Animationsfilm aus dem baltischen Land in die Kinos kommt, doch „Dog of God“ ist ein anderes Kaliber: Bewusst vulgär, sexuell explizit, eine psychedelische Variation von Legenden um Werwölfe und Hexenverbrennungen. Kein Kinderfilm, sondern Kino für hartgesottene Erwachsene.
Über den Film
Originaltitel
Dieva suns
Deutscher Titel
Dog of God
Produktionsland
LV, US
Filmdauer
95 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Raitis Ābele, Kristele Pudane
Regisseur
Raitis Ābele
Verleih
Little Dream Pictures GmbH
Starttermin
05.11.2026
Es beginnt mit einer Kastration: Ein älterer Mann trottet durch eine Wüste, hinter ihm eine lange eiserne Kette, die er als eine Art Peitsche verwendet. So teilt er das plötzlich vor ihm auftauchende Meer als wäre er Moses, schreit seine Wut heraus, scheint sich in ein Wolfsähnliches Wesen zu verwandeln – und nutzt die Kette, um den kopfüber im Sand steckenden Teufel zu entmannen.
Diese riesigen, bläulichen Hoden werden im Verlauf der Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen, sie sind die Reliquien von Thiss (Einars Repse), der sich für einen Werwolf hält und damit den mytischen Geschichten und tiefsitzenden Aberglauben entgegenkommt, die Ende des 17. Jahrhunderts im kleinen Livonischen Dorf Zaube, auf dem Gebiet des heutigen Lettland, herrschen.
Auch der örtliche Pastor Bukholcs (Regnars Vaivars) besitzt eine Reliquie: Ein Stück Stroh, das angeblich aus der Krippe Jesus stammt. Aus diesem Besitz leitet er seine Macht ab, predigt den Einwohnern Gottgläubigkeit und sittliches Verhalten, auch wenn der Pastor selbst – natürlich – alles andere als sittsam agiert und sich im Gegenteil jeglicher fleischlicher Lust hingibt. Sein etwas zurückgebliebener Adoptivsohn Klibi (Jurgis Spulenieks) muss schon mal mit der Geisel Hand anlegen, um das Böse auszutreiben und die Lust des Pastors zu befriedigen.
Dorn im Auge der kirchlichen Autorität ist Neze (Agate Krista), die in der lokalen Kneipe Bier ausschenkt, aber auch alchemistische Fähigkeiten besitzt, hilfreich beim Bekämpfen von Furunkeln aller Art ist – und dementsprechend von Pastor der Hexerei beschuldigt wird.
Man mag es kaum glauben, aber „Dog of God“ basiert tatsächlich auf wahren Begebenheiten – zumindest im Ansatz. 1692 stand im damals zu Schweden gehörenden Livonia Thiess von Kaltenbrunn vor Gericht, der sich als livonischer Werwolf bezeichnete. Mit dem Unterschied, dass er, im Gegensatz zu den üblichen Legenden, nicht das Werk des Teufels unterstütze, sondern wie sein Name andeutet, das Werk Gottes.
Was im Animationsfilm des Brüderpaars Lauris und Raitis Abele (ein dritter Bruder, Marcis, assistierte als Kameramann) als Ausgangspunkt für einen wilden Exzess dient, der weniger mit den meist harmlosen, in erster Linie an Kinder gerichtete Animationsfilm gemein hat, die Hollywood heute dreht, als an Filme aus den 70er Jahren denken lässt, als ein Autor wie Robert Crumb seine psychedelischen Abenteuer in Comics umsetzte und Animationsfilme wie „Heavy Metal“ sich ihr ab 18 Label redlich verdienten.
Und auch „Dog of God“ ist nichts für zarte Gemüter, denn ganz im Sinne von heidnischen Legenden, einer unverblümten Darstellung der Scheinheiligkeit mancher Kirchenvertreter, gehen die Abele-Brüder ins Volle, lassen Körperflüssigkeiten aller Art über die Leinwand fließen und spritzen, lassen Phalli mal wie Schlange wuchern oder Körperöffnungen penetrieren und deuten an, dass zu dieser Zeit auch das Lecken am Anus einer Katze als Heilmethode verbreitet war.
Bei all dem Exzess bleibt die Story zwar etwas dünn, dafür überzeugt „Dog of God“ durch seine flirrenden Bilder, hergestellt mit der Rotoscope-Methode, bei der echte Schauspieler gefilmt werden, deren Bewegungen dann übermalt werden. Gleichermaßen realistisch und verfremdet wirken dadurch die Bilder, meist nur Schattenhaft beleuchtet, von einem roten Schein geprägt, der die Szenerie wirken lässt, als lägen die Feuer der Hölle gleich um die Ecke.
So lieblich wie das Katzen-Abenteuer „Flow“ ist „Dog of God“ in keinem Moment, stattdessen ungezügelt und ungehobelt. Ein ungewöhnliches Stück Animationskino, bei dem der Kultstatus praktisch vorprogrammiert scheint.
Michael Meyns







