Arm, aber sexy sei Berlin, behauptete einst der Regierende Bürgermeister und auch wenn man an diesem Urteil zweifeln mag, hält sich das Gerücht, dass die Hauptstadt ein einziges Sündenbabel sei. An dieses Klischee versucht sich auch Philipp Fussenegger mit seinem Dokumentarfilm „Kitkatclub – Kinks of Berlin“ anzuhängen, der allerdings nur am Rande mit Berlins berühmtesten Sexclub zu tun hat.
Über den Film
Originaltitel
KitKatClub: Kinks of Berlin
Deutscher Titel
KitKatClub: Kinks of Berlin
Produktionsland
AT, DE
Filmdauer
100 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Cordula Kablitz-Post
Regisseur
Philipp Fussenegger
Verleih
Verleih N.N.
Starttermin
01.01.1970
Spätestens seit den berühmten 20er Jahren – denen des 20. Jahrhunderts – hat Berlin den Ruf eines Sündenbabels, in dem am Rand des Vulkans getanzt wurde, dem aufkommenden Nationalsozialismus entgegen, in dem jedes Tierchen sein Pläsierchen fand. In den 70er Jahren wurde dank des Musical-Welterfolgs „Cabaret“ auch der Name Kit Kat Club ein Begriff im Mainstream, ein fiktiver Club, auf dessen Bühne Liza Minelli und andere lasziv tanzten.
In den 90er Jahren, als Berlin nach dem Fall der Mauer einen unerwarteten Aufschwung erlebte, nutzte der Österreicher Simon Thaur den Namen für eine anfangs noch unregelmäßig veranstaltete Reihe von Partys, die bald an einem festen Ort stattfanden und zum festen Repertoire des hauptstädtischen Nachtlebens wurden.
Neben den Technoclubs Berghain und Watergate dürfte der Kit Kat Club der überregional bekannteste Club Berlins sein, der berühmt dafür ist, dass es hier besonders freizügig und sexuell libertär zugeht. Mit eigenen Augen zu sehen, ob dem tatsächlich so ist, macht einen der Reize aus, der normalerweise nur durch persönlichen Besuch zu klären ist, denn Foto- und Filmaufnahmen sind grundsätzlich verboten. Wenn nun der österreichische Filmemacher Philipp Fussenegger Bilder von Partys im Kit Kat Club zeigt, deutet das zum einen an, dass er einen guten Draht zu seinem Landsmann Simon Thaur hatte und in den ansonsten heiligen Hallen drehen durfte, zum einen aber auch, dass man hier keinen kritischen Blick auf einen Club und seine Abgründe erwarten sollte.
Vom Umgang des Kit Kat Clubs mit Drogenopfern (die es trotzt des natürlich lachhaften offiziellen Verbots, im Club Drogen zu konsumieren, regelmäßig gibt), ist dementsprechend ebenso wenig die Rede, wie von den gerade in jüngerer Vergangenheit häufig vorgebrachten Vorwürfen sexueller Übergriffe, die den Anspruch „sexpositive“ Partys zu veranstalten, bei denen es besonders tolerant und friedlich abläuft, untergraben.
Andererseits beschreibt Fussenegger trotzt des Titels „Kitkatclub – Kinks of Berlin“ ohnehin weniger den Kit Kat Club selbst, als ganz allgemein die sexuelle Vielfalt der Hauptstadt. Zu diesem Zweck hat der Österreicher, der zuletzt in „Teaches of Peaches“ die kanadische Sängerin Peaches porträtierte, diverse Personen im begleitet, die nachts, am Wochenende in bisweilen exzentrischer Fetischkleidung – oder als Hund verkleidet – in diversen Örtlichkeiten Berlins feiern, sich im Alltag aber ganz normal und zurückhaltend präsentieren.
Wobei die meisten Protagonisten eher zurückhaltend agieren, wenig von ihrem Alltag preisgeben, andererseits aber auch wenig von den Anfängen ihrer exzentrischen Neigungen berichten. Fast schon banal wirkt dadurch vieles, eben ganz alltäglich, besonders wenn etwa Simon Thurn und seine Lebenspartnerin Kirsten Krüger, die am Berliner Rand in einem Einfamilienhaus leben, Hecken schneiden oder Gemüse waschen.
Möglicherweise war es auch Fusseneggers Absicht, den Ausschweifungen der Nacht einen betont banalen Alltag entgegenzusetzen, der sich besonders bei Thurn zeigt: Wenn der Mitsechziger da in seinem Garten drei Menschen zum Fotoshooting eingeladen hat, Anweisungen gibt, wie und auf welche Weise eine Frau, auf die beiden unter ihr liegenden Männer zu urinieren hat, wirkt Thurn als Fotograf der Szene mehr als gelangweilt.
Solche und andere Szenen haben „Kitkatclub – Kinks of Berlin“ die gerade für Dokumentarfilme mehr als seltene Bewertung ab 18 eingetragen, zartere Gemüter seien also gewarnt: Pornographische Szenen finden zwar eher verschwommen im Hintergrund statt, Drogenkonsum und auch das Spritzen von Potenzmittel in schlaffe Glieder werden in Großaufnahme präsentiert. Dass er intime, unmittelbare Einblicke in die Berliner Sexkulturszene liefert, das zumindest kann man Philipp Fusseneggers Film nicht absprechen.
Michael Meyns







