London

Ein Roadmovie, das beinahe komplett in einem fahrenden Wagen zwischen Wien und Salzburg spielt – das ist eine echte Herausforderung und tatsächlich sogar reizvoll: Sebastian Brameshuber macht in seinem sehenswerten, ungewöhnlichen Film aus einer immer gleichen Autofahrt einen offenen Resonanzraum für Lebensgeschichten und für den Zauber der flüchtigen Begegnung. Leise und mit feinem Humor erzählt er von zufälliger Nähe zwischen Fremden – dabei entsteht so ganz nebenbei ein Porträt des heutigen Europa. 

 

Über den Film

Originaltitel

London

Deutscher Titel

London

Produktionsland

AT

Filmdauer

122 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Lixi Frank, David Bohun

Regisseur

Sebastian Brameshuber

Verleih

Grandfilm GmbH

Starttermin

15.10.2026

 

Bobby ist Rentner, er war Musiker und liebt offenbar das Autofahren. Regelmäßig fährt er die österreichische West-Autobahn zwischen Wien und Salzburg, etwa 300 Kilometer pro Strecke, um seinen alten Freund Arthur zu besuchen, der nach einem Schlaganfall im Koma liegt. Zwecks Kostenersparnis nimmt Bobby über eine Mitfahr-App Fremde mit. Sie steigen ein, fahren eine Weile mit und verschwinden wieder aus seinem Leben. Dazwischen wird geredet: über Familie und Arbeit, Krieg und Herkunft, über die Kindheit, die Liebe und das Älterwerden, kurz: über Gott und die Welt. Ein junger Soldat sitzt als erster im Wagen, es folgen viele weitere, so ein Supermarkt-Azubi, ein Wissenschaftler oder eine Frau kurz vor ihrer Hochzeit. Manche Begegnungen bleiben an der Oberfläche – das ist dann eher ein Smalltalk als ein Gespräch, aber trotzdem interessant; andere Begegnungen führen schnell ins Persönliche. So richtig tiefschürfend philosophisch wird es nie, aber das ist durchaus als Kompliment gemeint. Denn hier geht es um den Charme des Alltäglichen und um die zufällige Begegnung zwischen Fremden. So etwa wie die sprichwörtlichen Schiffe, die sich nachts begegnen. 

Sebastian Brameshuber, der bisher vor allem dokumentarisch gearbeitet hat, bewegt sich in seinem Spielfilm-Kinodebüt souverän zwischen Dokument und Fiktion. Viele Mitfahrende erzählen aus ihrem wirklichen Leben, während Bobbys eigene Geschichte einen inszenierten Rahmen bildet. Diese Mischung funktioniert vor allem dank der authentischen, aber effizienten Inszenierung, die sehr dokumentarisch wirkt. Die Gespräche dürfen stocken, Umwege nehmen und gelegentlich banal sein. Da geht es weniger um Sensationen; Inhalte oder spektakuläre Biografien, sondern um glaubwürdige Begegnungen, die manchmal sehr komisch sind und oft auch anrührend.

Im Mittelpunkt steht dabei der Fahrer, Bobby Sommer, der unglaublich authentisch wirkt. Er ist neugierig, gelassen, ein wenig verschmitzt und er hat etwas, was immer seltener geworden ist: Er kann zuhören. Er stellt Fragen, ohne seine Fahrgäste auszuhorchen, und gibt dabei immer mehr von sich selbst preis. So verschiebt sich der Film allmählich. Was zunächst wie eine lose Folge von Begegnungen wirkt, erzählt immer mehr auch von Bobby, von Erinnerung, Verlust und einer Freundschaft, deren Bedeutung sich erst nach und nach erschließt. .

Das Auto wird zur denkbar kleinsten Bühne. Die Kamera von Klemens Hufnagl und Patrick Wally beobachtet Fahrer und Fahrgäste in sehr ruhigen, konzentrierten, absolut minimalistischen Kamerapositionen; der Blick nach vorn zeigt die Autobahn hinter der Windschutzscheibe, da ziehen Rastplätze, Brücken, Wälder und Berge vorbei. Die Jahreszeiten wechseln, die Strecke bleibt dieselbe. Und obwohl der Film ganze 2 Stunden dauert, wird er keine Minute langweilig, denn Brameshuber findet genau den richtigen Takt für sein Road Movie, da stimmen Tempo und Rhythmus, und der Grundton bleibt immer liebenswürdig und freundlich.

Mit fortschreitender Handlung bekommt der Film fast unmerklich immer mehr politisches Gewicht. Die Themen Migration, Krieg, Verfolgung und die komplizierte europäische Vergangenheit erscheinen als selbstverständliche Elemente in den Biografien der Menschen. Brameshuber scheint sich in seinem vielfach preisgekrönten Film weniger für die große Diagnose zu interessieren als für die konkrete Situation, in der sich zwei Unbekannte treffen und unterhalten – und vielleicht sind sie gerade deshalb so offen, weil sie sich nach der Fahrt nie wiedersehen.

Die außergewöhnliche und sehr zurückhaltende Dramaturgie ist sicherlich auch eine Herausforderung für das Publikum. Doch der Film bietet eine wichtige und sehr schöne Erfahrung: Man kann Menschen zusehen, die einander wirklich zuhören, ohne irgendwelche Absichten, die dahinterstecken. Aus einer Fahrgemeinschaft wird für die Dauer einer Autofahrt eine Beziehung – flüchtig, unspektakulär und tatsächlich auch bewegend.

 

 

Gaby Sikorski

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