Als ziemlich beste Rote Karte gegen Ungerechtigkeiten, Missstände und Diskriminierung erweist sich traditionell die Komik. In dieser Bestsellerverfilmung geht es um Bodyshaming, Gockelgetue sowie Gleichberechtigung in der westdeutschen Provinz anno 1980. Mutter Cornelia ist viel zu dick, zumindest behauptet das Ehemann Werner. Tochter Ela sieht die Sache völlig anders. Aus der Froschperspektive des cleveren Kindes wird das amüsante Lehrstück über Toleranz, Mut und Wertschätzung erzählt. Nach „Das schönste Mädchen der Welt“ inszeniert Aron Lehmann damit gleichsam „Die schönste Mama der Welt“. Gespielt wird sie von seiner Lebensgefährtin Rosalie Thomass, die zugleich das Drehbuch schrieb. Wie bei den Partner-Duo-Kollegen Karoline Herfurth/Christopher Doll funktioniert auch dieses kreative Familienfilm-Unternehmen ziemlich perfekt.
Über den Film
Originaltitel
Lügen über meine Mutter
Deutscher Titel
Lügen über meine Mutter
Produktionsland
DEU
Filmdauer
106 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Sebastian Zühr, Timm Oberwelland
Regisseur
Aron Lehmann
Verleih
Tobis Film GmbH
Starttermin
08.10.2026
„Ist ein Geheimnis das gleiche wie eine Lüge?“ fragt die kleine Tochter zum Auftakt. Die selbstbewusste Ela wird noch viele clevere Fragen stellen. Mit kindlicher Neugier wird sie die Welt der Erwachsenen gehörig ins Wanken bringen und so manche Lebenslügen mit Lässigkeit entlarven. „15 Mark pro Tag für die Liegen, das ist schon unverschämt!“ klagt der Vater am Strand. Dauernörgler Werner ist chronisch unzufrieden. Gattin Cornelia kann es ihm gleichfalls nur selten recht machen. „Zieh dir doch was drüber! Da ist alles schon ganz rot!“ empfiehlt Werner seiner Frau. Nicht, um sie vor einem Sonnenbrand zu bewahren. Sondern um ihre Fettpölsterchen nicht mehr zu sehen. Da gafft der Macho-Gockel lieber auf jene schlanke Grazie, die am Strand tanzt. Zum trotzigen Trost bestellt Cornelia sich an der Strandbar einen Eisbecher, extra groß und mit viel Sahne.
Der Schlankheitswahn von Werner mutiert zunehmend zur fixen Idee. Das Übergewicht seiner Frau dient ihm als Sündenbock für alles, insbesondere für das Ausbleiben der erhofften Beförderung. Dass Cornelia eine eigene Karriere plant und in den alten Beruf zurück möchte, sorgt für weitere Probleme. „Ein Kind braucht seine Mutter!“ bügelt die Schwiegermutter ihre Bitte ab, auf die Tochter aufzupassen. Auch für diese Situation hat Ela die kindliche Analyse parat: „Drei Dinge hat meine Mutter bei ihrer Hochzeit unterschätzt. Die Bedürfnisse ihres Mannes. Den Neid ihrer Schwiegermutter. Und die Schwerkraft des Dorfes.“
Der erfüllte Traum vom hübschen Eigenheim sowie die Geburt eines weiteren Kindes machen den Papa so richtig stolz. Die eigene Frau leidet derweil zunehmend unter dem rechthaberischen Gatten, der fortan sogar ihr Gewicht durch die tägliche Kontrolle auf der Waage überwachen will. Doch irgendwann ist auch für die sonst so geduldige Cornelia die Schmerzgrenze angesichts von Schmach und Diskriminierung erreicht. In der Disco kommt es zum kreativen Showdown, bei dem der überrumpelte Patriarch plötzlich nicht mehr arg viel zu protzen hat. Als passender Soundtrack läuft dazu „Männer“ von Herbert Grönemeyer, hier freilich in der frechen Coverversion der angesagten Münchner Frauenband „Principess“, die fröhlich gegen Machogehabe und Mansplaining ansingt. Ihre Fassung gerät gleichsam zur Hymne dieser rundum amüsanten Komödie über Selbstachtung und Wertschätzung.
Rosalie Thomass überzeugt als Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin gleichermaßen durch Charme, Lässigkeit und Empathie. Lebenspartner Aron Lehmann versteht es einmal mehr, auf dem Regiestuhl die richtigen Knöpfe zu drücken. Von vergnüglicher Dramaturgie, schrägen Kamerawinkeln bis hin zur nostalgisch glitzernden Retro-Ausstattung, deren liebevolle Details sogar „Fix und Foxi“-Heftchen zelebrieren. Der stets verlässliche Golo Euler gibt seinem gockelhaften Gatten mit sichtlichem Vergnügen gehörig Zucker. Derweil verkörpert Filmtochter Elise Lindner die clevere Ela mit ähnlich unangestrengter Natürlichkeit wie zuletzt beim Auftritt in „Wunderschöner“ von Karoline Herfurth. Ohne altklug zu wirken, präsentiert sie ihre kleinen und großen Weisheiten in bester „Pippi Langstrumpf“-Manier. Als Höhepunkt der smarten Analysen aus Kindermund erweist sich: „Würden alle Frauen dieser Welt morgen aufwachen und sich in ihren Körpern wohl und kraftvoll fühlen, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.“
„Das schönste Mädchen der Welt“ hat mit diesen „Lügen“ eine würdige Nachfolgerin mit ähnlichem Publikumspotenzial gefunden!
Dieter Oßwald







