Ohne Lithium wird die Zukunft nicht funktionieren, zumindest nicht so, wie man sich das in den zunehmend technologisierten Gesellschaften der westlichen Welt vorstellt. Große Mengen des Rohstoffes finden sich in Bolivien, was Unternehmer auf den Plan ruft, aber auch Ängste der indigenen Bevölkerung. Diesen Konflikt beschreibt Jens Schanze in seinem Dokumentarfilm „Materia Prima“, auf zurückhaltende, bildgewaltige Weise.
Über den Film
Originaltitel
Materia Prima
Deutscher Titel
Materia Prima
Produktionsland
DEU
Filmdauer
89 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Jens Schanze
Verleih
Cine Global, Daniel Ludwig
Starttermin
22.10.2026
Aller Wahrscheinlichkeit nach könnten Sie diese Zeilen ohne Lithium nicht lesen, denn ohne den Rohstoff funktionieren weder Smart Phones noch Laptops und so ziemlich alle technischen Geräte, die längst zum unverzichtbaren Teil unseres Alltags geworden sind.
Vor allem für wiederaufladbare Batterien wird Lithium gebraucht, je nach Größe der Batterie wird pro Elektroauto zwischen circa fünf und fünfzehn Kilo verarbeitet, man kann also ermessen, wie viele Millionen Kilogramm Lithium in den nächsten Jahren gebraucht werden, um die Energiewende herbeizuführen, bei der wiederaufladbare Batterien, in denen die durch Wind oder Sonne erzeugte Energie gespeichert wird, essentiell notwendig sind.
Nun ist Lithium keineswegs ein seltener Rohstoff, große Mengen finden sich auch in der Erde unter Deutschland, doch der Abbau ist aufwändig und vor allem schmutzig. Weswegen er gerne ausgelagert wird, in Regionen der Welt stattfinden soll, die möglichst weit weg von den empfindlichen Seelen der Verbraucher im Westen liegen, die lieber nicht wissen wollen, welche Folgen ihr Konsumverhalten hat.
Das bislang größte bekannte Lithiumvorkommen befindet sich im südamerikanischen Bolivien, wo geschätzt 23 Millionen Tonnen liegen und auf ihre Ausbeutung warten. Ein enormer Schatz, um den längst Verteilungskämpfe entbrannt sind, wie Jens Schanze in seinem Dokumentarfilm „Materia Prima“ zeigt. Globale Konzerne buhlen um die Lizenz zum Abbau, die Regierung Boliviens versucht das Beste für ihr Land herauszuholen, möchte gerne nicht einfach nur Rohstofflieferant sein, sondern das Lithium auch gerne selbst weiterverarbeiten und so von der Wertsteigerung profitieren.
Und dann ist da noch die indigene Bevölkerung, die unter einfachsten Bedingungen in der Region um den großen Salzsee lebt, wo sich die Vorräte des Lithiums befinden, weit weg von der Hauptstadt La Paz, und befürchtet, dass sich die Geschichte wiederholt. Hier kommt der Untertitel des Films ins Spiel, New Energy, Old Powers?, neue Energien, alte Mächte, bzw. Strukturen. Einst waren es die spanischen Kolonialherren, die die Region überfielen, ausbeuteten und massenhaft Gold, Silber und andere Schätze in die alte Welt verschifften, heute sind es internationale Konzerne, deren Sitze natürlich in westlichen Hauptstädten wie New York, London oder Amsterdam liegen, die nach dem Reichtum Lateinamerikas gieren.
Ein wenig hat sich die Welt zwar geändert, ganz so skrupellos wie einst können die modernen Konquistadoren nicht vorgehen, sie wissen, dass sie unter Beobachtung stehen, dass es Erwartungen gibt. Wie viele der schönen Worte, die Konzernbosse und Politiker von sich geben, nur Lippenbekenntnisse sind, wird sich zeigen, dass die Lithiumvorkommen in Bolivien ausgebeutet werden steht dagegen außer Frage.
Was durchaus auch im Sinne der einheimischen Bevölkerung ist, wie Schanze darstellt. Neben Aufnahmen von Konferenzen und Verhandlungen in Chefetagen, lässt der Filmemacher auch viele einfache Arbeiter zu Wort kommen, die in den Minen für wenig Geld arbeiten, aber immerhin für genug, um davon leben zu können. Ein grundsätzliches Verbot des Bergbaus würde ihnen schaden, das ist die andere Seite der Medaille, die in der westlichen Welt, bei Protesten gegen die scheinbare oder tatsächliche Ausbeutung gerne vergessen wird. Faire Strukturen, bei denen alle profitieren, das wäre das Ideal, doch wie das zu erreichen wäre?
Einfache Antworten gibt es nicht, das ahnt man auch nach Jens Schanzes Film, der sich zurückhaltend und ohne offensichtliche Wertung einem komplizierten Thema nähert, aber doch subtil deutlich macht, dass sich auch in der Ausbeutung der Schätze Lateinamerikas die Geschichte zu wiederholen droht.
Michael Meyns







