Morgen vor langer Zeit

Die Wendejahre: Eine Frau zieht sich nach ihrem Jobverlust aus dem alten Leben zurück. Als zivilisations- und konsumkritische Eremitin findet sie Sinnhaftigkeit und Entschleunigung in den nahen Wäldern. „Morgen vor langer Zeit“ vermengt Historien- und Experimentalfilm mit Natur-Doku und den Ansätzen eines poetischen Identitätsdramas. Klingt abseitig und unvereinbar? Nicht bei Regisseurin Luise Donschen, der ein hypnotisierendes Werk voller kreativer Einfälle gelingt. Ein Film, der das Private und Politische harmonisch zusammenbringt. 

 

Über den Film

Originaltitel

Morgen vor langer Zeit

Deutscher Titel

Morgen vor langer Zeit

Produktionsland

DEU

Filmdauer

91 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Julia Cöllen, Frank Scheuffle, Karsten Krause

Regisseur

Luise Donschen

Verleih

Grandfilm GmbH

Starttermin

26.11.2026

 

Während der deutschen Wiedervereinigung verliert Patty (Gerti Drassl) erst ihren Job und dann ihre Freundin Jelena (Nele Christoph). Daraufhin beginnt sie, aussortierte Dinge der Weggezogenen zu sammeln und begegnet dem jüngeren Franz – der sich in Patty verliebt. Als Pattys Wohnung so voller Gegenstände ist, dass ein Betreten unmöglich wird, bricht sie in den Wald des Kyffhäusergebirges auf. Sie beginnt ein Leben in Abgeschiedenheit fern jeglicher Zivilisation. Bis die kaum gealterte Patty 30 Jahre später im Hier und Jetzt des 21. Jahrhunderts plötzlich wieder auftaucht.

Regisseurin Luise Donschen, 1982 in der DDR geboren, widmet sich in ihrem ersten Langfilm seit „Casanovagen“ (2018) den Themen Verlust, Heimat, Identität und Vergangenheitsbewältigung. Ergänzend lotet sie das Gefühl von Entfremdung und Desorientierung aus. Das alles sind komplexe, tiefgründige Inhalte, mit denen gleichzeitig weitere, etliche spannende Fragestellungen einhergehen. Beachtlich ist, dass der Film sich dennoch nicht übernimmt oder überfrachtet wirkt. Stattdessen widmet er sich all diesen Aspekten ausführlich, konzentriert und reflektiert. 
Das liegt vor allem am klaren, fokussierten Blick und der unaufgeregten Erzählweise, derer sich Donschen bedient. „Morgen vor langer Zeit“ hat eine Laufzeit von leicht konsumierbaren 90 Minuten, doch kommen einem diese anderthalb Stunden deutlich länger vor. Der Grund: Die 44-Jährige vertraut auf lange, statische Einstellungen und verzichtet fast vollständig auf hektische Schnittfolgen. 

Die Regisseurin lässt ihre Protagonistin gewähren und folgt Patty interessiert durch ihren Alltag. Zuerst in der ostdeutschen Provinz, dann in der Idylle des Waldes und Kyffhäusers. Gedreht wurde an Originalschauplätzen im und rund um das landschaftlich beeindruckende Kyffhäusergebirge in Thüringen und Sachsen-Anhalt. In diesen (rein beobachtenden) Momenten erinnert „Morgen vor langer Zeit“ eher an eine Doku als an ein fiktionales Werk. Dazu trägt ferner ein minimalistischer, überlegter Umgang mit verbaler Kommunikation bei. In „Morgen vor langer Zeit“ werden Dialoge nur spärlich eingesetzt. Statt auf lange Erläuterungen baut der Film mit seiner Beobachterperspektive ganz auf die Kunst des visuellen Erzählens. 

Von Langatmigkeit kann trotz des langsamen Storytellings keine Rede sein. Nur allzu gern lässt man sich von der rätselhaften Aura des Films und der melancholischen, warmen Bildsprache in den Bann ziehen. Donschen und ihre Kamerafrau Helena Wittmann finden entrückte, fast wie aus der Zeit gefallene Bilder und Motive, deren Fantasiefülle begeistern – und die dem Film etwas Märchenhaftes verleihen. 1990 sprach „Wendekanzler“ Helmut Kohl über die Zukunftsperspektive für die neuen Bundesländer metaphorisch von „blühenden Landschaften“. Patty findet diese traumartigen „blühenden Landschaften“ in der Erhabenheit der ostdeutschen Natur, in die sie sich zurückzieht. 

Orte, Regionen, Geschichten und Menschen überschneiden sich in diesem Film, der verschiedene Zeitebenen und Handlungsstränge nonlinear miteinander verwebt. Gerti Drassl sticht inmitten dieser elliptisch erzählten Selbstfindungsreise als schwermütige, introvertierte Hauptperson, die sich ihrer Heimat und Identität beraubt fühlt, heraus. Ihre faszinierend feinfühlige Darstellung ist einer der Höhepunkte des Films. Sie erkundet mit der gesamten Klaviatur ihres darstellerischen Könnens die Traumata einer Person, für die der Fall der DDR auch das Ende ihrer Biografie und Lebensplanung bedeutet. Donschen schildert Pattys Befindlichkeiten jederzeit präzise und mit großer Hingabe – ohne zu urteilen. 

 

Björn Schneider

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