Moscas – Fliegen und andere Gäste

Auf der diesjährigen Berlinale lief Fernando Eimbcke fünfter Spielfilm „Flies“ im Wettbewerb, wo er ein wenig unterging. Zu schlicht mag die Geschichte eines kleinen Jungen gewirkt haben, der zusammen mit seinem Vater bei einer anfangs unnahbaren Frau einzieht. Doch gerade seine leisen Töne, die beiläufige Beobachtung und kleine prägnante Momente, machen das leise Drama zu einem sehenswerten Film.

 

Über den Film

Originaltitel

Moscas

Deutscher Titel

Moscas – Fliegen und andere Gäste

Produktionsland

MX

Filmdauer

101 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Michel Franco, Fernando Eimbcke, Erendira Nuñez Larios

Regisseur

Fernando Eimbcke

Verleih

Piffl Medien GmbH

Starttermin

22.10.2026

 

In Mexiko-City lebt die etwa 50jährige Olga (Teresita Sánchez) in einem anonymen Apartmenthaus direkt gegenüber eines Krankenhauses. Kontakt zur Außenwelt vermeidet Olga soweit es geht, allein verbringt sie ihre Tage und löst Sudoku-Aufgaben auf einem Computer, der aus dem letzten Jahrtausend zu stammen scheint. Viel Geld hat sie nicht und genau das veranlasst Olga, auf ein Inserat zu antworten und ein kleines, offenbar seit längerem unbenutztes Zimmer in ihrer Wohnung zu vermieten.

Schnell meldet sich ein Mann (Hugo Ramírez), dessen Frau im Krankenhaus liegt. Auch er hat Geldprobleme, verheimlicht Olga daher, dass er einen neunjährigen Sohn Namens Cristian (Bastian Escobar) hat, den er nachts ins Zimmer schmuggelt. Lange geht die Geheimniskrämerei nicht gut, Cristian wird entdeckt, darf aber dann doch bleiben – und wird für Olga zum Katalysator, ihre selbstgewählte Isolation in Frage zu stellen.

Noch bevor man das erste Bild von Fernando Eimbcke „Flies“ sieht, hört man eine Fliege, dieses monotone Summen, das einem unweigerlich die Nerven raubt. Auf Olga sitzt diese Fliege, die mit einem Handtuch und bald auch einem Spray versucht, sich von dem lästigen Insekt zu befreien. So ausführlich spielt Eimbcke diese Szene aus, dass man sie unweigerlich als Allegorie auffasst. Nur für was? Soll Cristian, der ebenfalls ein unerwünschter Besucher in der Wohnung Olgas’ ist, eine Art Fliege sein? Dafür nervt er zu wenig, dafür ist er für die Geschichte zu wichtig. Ein schiefes Bild also, was unfreiwilligerweise ganz gut zu einem Film passt, der lieber andeutet, als konkret zu werden, sich dabei aber manchmal in seinen Metaphern verirrt.

Dafür funktioniert die Besetzung hervorragend: Der in Mexiko sehr bekannte Profischauspielerin Teresita Sánchez hat Eimbcke den tatsächlich erst neunjährigen Bastian Escobar gegenübergestellt. Der scheint mit seiner Präsenz den gesamten Drehplan über den Haufen geworfen zu haben, wie Eimbcke berichtet: Geschriebene Dialoge aufzusagen fiel ihm schwer, seine Neugier war dagegen groß, zumal Escobar selbst aus dem eher ländlichen Bundesstaat Oaxaca stammt, er also wie seine Figur die Metropole Mexico-City entdecken konnte.

Genau darin, in kleinen Begegnungen mit Menschen, liegt die größte Qualität von „Flies“, beiläufige Situationen inszeniert Fernando Eimbcke hier, kleine Momente zwischen einem jungen Kind, das noch nicht von der Härte des Lebens in der Metropole geprägt ist, und Verkäufern und Ladenbesitzern, einem Spitalbesucher und einem Angestellten in der Wäscherei, die sich im Großstadtdschungel durchschlagen. Immer wieder geht es um Geld, bzw. den Mangel daran: Alles muss bar bezahlt werden, jeder Peso wird umgedreht, eine harsche Realität, doch Cristian schafft es mit kleinen Gesten immer wieder, eine Nähe zu anderen Menschen herzustellen, die diesen entwaffnet: Bei einem Spielzeugverkäufer tauscht er zwei Bonbons gegen ein paar Aufkleber ein, mit denen er fortan seine Welt markiert, aber auch die Gehhilfe eines alten Mannes, der sich mit einem kleinen Ball revanchiert.

Und auch Olga kann dem Charme Cristians nicht lange widerstehen, lässt ihn nach seiner Entdeckung nur unwillig (und gegen eine höhere Miete) bei sich wohnen, doch nachdem der Vater für einige Tage verschwindet, um Geld zu verdienen, ist es unweigerlich an ihr, Cristian dabei zu helfen, seine Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Eine ganze Weile braucht „Flies“ bis er mit seiner losen Struktur bei dieser zentralen Konstellation angekommen ist. Doch wenn es endlich soweit ist, gelingen Fernando Eimbcke über einen lakonischen Ton hinaus auch berührende, prägnante Momente, die auch die eigenbrötlerische Olga unweigerlich erweichen.

 

Michael Meyns

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