Als ihre jugendlichen Töchter in einen dramatischen Unfall verwickelt werden, ändert sich das Leben zweier Familien grundlegend. Aus Verbundenheit und Freundschaft entwickeln sich Misstrauen und Entfremdung. Mit exakter Beobachtungsgabe und einem starken Gespür für die Emotionen seiner Figuren orchestriert Mike van Diem ein mitreißendes Familiendrama. Der mit klarem Fokus und Mut zu überraschenden Wendungen umgesetzte Film stellt konsequent die Frage nach den eigenen ethischen und moralischen Grenzen.
Über den Film
Originaltitel
Voor de meisjes
Deutscher Titel
Our Girls
Produktionsland
BE, DK, NL
Filmdauer
103 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Derk-Jan Warrink, Koji Nelissen, Marijn Wigman
Regisseur
Mike van Diem
Verleih
Der filmverleih GmbH
Starttermin
22.10.2026
Schon lange verbringen zwei holländische Paare mit ihren Töchtern ihren Sommerurlaub in Tirol. Sie haben das idyllisch gelegene Ferienhaus in den Alpen vor Jahren gemeinsam gekauft. Der gute Kontakt zwischen den Familien geht auf die Freundschaft zwischen den Frauen Anouk (Thekla Reuten) und Gwen (Noortje Herlaar) zurück. Auch ihre Töchter, Madelon (Rosa van Leeuwen) und Elise (Frédérique van Baarsen), verstehen sich gut. Doch die Situation ändert sich, als Elise und Madelon verunglücken. Elise liegt danach im Koma, während Madelon mit leichteren Verletzungen davonkommt. Die unterschiedlichen Diagnosen stellt die Freundschaft der Eltern auf eine harte Probe. Und die Frage nach der Schuld wirkt sich ebenso (negativ) auf das Verhältnis der Erwachsenen aus.
Schon früh etabliert der niederländische Regisseur Mike van Diem in seiner vierten Regiearbeit eine zwischen Unbehagen und Hilflosigkeit changierende Atmosphäre. Die Momente der Panik und Verzweiflung kündigt er dabei stets gekonnt und auf subtile Weise an – etwa durch den Musikeinsatz oder (anspielungsreiche) Dialoge. Das zeigt sich etwa kurz vor jenem tragischen Ereignis, das die emotionalen Geschehnisse erst in Gang bringt: dem Unfall der Mädchen mit einem Quad, der von einem befreundeten Jungen gesteuert wurde. Auf einem Alpen-Bergpfad kommt das Gefährt vom Weg ab und stürzt in die Tiefe.
Die Gefühle kochen in der Folge hoch, was nur zu verständlich ist. Wie kann es sein, dass Elise so schwer verletzt ist, dass kaum noch Gehirnaktivität nachzuweisen ist. Madelon hingegen aber „nur“ ein paar Knochenbrüche davonträgt. Sagt sie die Wahrheit über den Unfallhergang? Kurz darauf entsteht zwischen den Paaren eine angespannte Stimmung des gegenseitigen Misstrauens und der Nervosität. Wut staut sich an und die vielen Unklarheiten vergrößern die Unsicherheit und verschärfen den Tonfall.
„Our Girls“ setzt auf einen harten, aber bedächtigen Erzählrhythmus und gehäuft unerwartete Twists, die die Handlung in neue Bahnen lenken. Außerdem kann er sich auf einen großartigen Cast verlassen, aus dem Noortje Herlaar als emotionale, impulsive Gwen und Fedja van Huet herausstechen. Van Huet glänzt als Madelons sorgender, Haltung wahrender Vater, der bald in ein tiefes moralisches Dilemma gerät.
Mit diesem moralisch-ethischen Konflikt, der sich wiederum äußerst überraschend einstellt, intensiviert sich die Dramatik abermals. Um was es genau geht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Der bislang vertrauensvolle, freundschaftliche Umgang zwischen den Paaren weicht jedoch heftigsten Schuldzuweisungen, Vorwürfen und schierer Ohnmacht.
Die Frage ist, ob es diese dramatische inhaltliche und dramaturgische Zuspitzung gebraucht hätte. Aus ihr entsteht einerseits die Kernfrage des Films, die da lautet: Wie weit dürfen Eltern gehen, um das Leben des eigenen Kindes zu retten? Es geht um die Grenzen von Leben, Tod und moderner Medizin, die van Diem letztlich verhandelt. Dennoch erscheint diese zentrale Wendung etwas zu konstruiert und gewollt – und damit unglaubwürdig.
Positiv sticht heraus, dass van Diem die widerstreitenden Befindlichkeiten aller Handelnden erst nimmt und allen Seiten dieselbe Aufmerksamkeit schenkt. Ferner beweist er Mut bei der ästhetischen Umsetzung und der Wahl der Schauplätze, bei der er sich für einen spannenden Gegensatz entscheidet. Dieser visuelle Kontrast entfaltet seine volle Wirkkraft: Die sterile Optik und beklemmende Enge des Krankenhauses, in dem viele Szenen angesiedelt sind, stehen im krassen Gegensatz zur imposanten Weite der Tiroler Berglandschaften. Diese schaffen einen Reflexionsraum für den Kinobesucher und gewähren auch den innerlich zerrissenen Hauptfiguren Zeit zum Durchatmen.
Björn Schneider







