Robert Pattinson hat sich mit einer ebenso spannenden wie herausfordernden Rollenwahl längst von seinem „Twilight“-Image emanzipiert. Sein Interesse an dysfunktionalen Figuren beweist der britische Mime auch in Lance Oppenheims Spielfilmdebüt „Primetime“, das eine aufsehenerregende Episode aus dem US-Reality-Fernsehen der 2000er-Jahre nachzeichnet. Pattinson verkörpert den real existierenden TV-Moderator Chris Hansen, der in seinem Format „To Catch a Predator“ Menschen vor laufenden Kameras bloßstellte, die sich auf fingierte Sextreffen mit Minderjährigen eingelassen hatten. Als Porträt eines Getriebenen und der zynisch-skrupellosen Medienbranche ist das bei den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführte Thriller-Drama nicht rundum ergiebig. Mit seiner expressiven Inszenierung zieht Regisseur Oppenheim das Publikum aber immer mehr in das fiebrig-unbehagliche Geschehen hinein.
Über den Film
Originaltitel
Primetime
Deutscher Titel
Primetime
Produktionsland
USA
Filmdauer
110 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Robert Pattinson, Brighton McCloskey, Brian Kavanaugh-Jones, Ari
Regisseur
Lance Oppenheim
Verleih
Leonine Distribution GmbH
Starttermin
24.09.2026
„To Catch a Predator“ lautet der schmissig-programmatische Titel einer US-amerikanischen Reality-Sendung, die zwischen 2004 und 2007 im Rahmen des Nachrichtenmagazins „Dateline NBC“ erschien. Moderator Chris Hansen und sein Team lockten über Internetchats Menschen an, die sich mit vermeintlich minderjährigen Personen zum Sex treffen wollten, und nahmen diese Begegnungen in eigens dafür angemieteten Häusern mit versteckten Kameras auf. Die geköderten Männer stellte der plötzlich auftauchende Hansen vor Ort zur Rede und übergab sie anschließend der Polizei. Kritik an dem Format äußerten nicht nur Anwohner der präparierten Gebäude, die sich darüber beschwerten, dass Sextäter in ihre Nachbarschaft gelotst würden. Unter Beschuss geriet „To Catch a Predator“ auch, weil hier offenbar zugunsten der Quote selbst Nachrichten produziert und die Grenzen zwischen Berichterstattung und Strafverfolgung stark verwischt wurden.
Nach der tief in die Materie eintauchenden Dokumentation „Predators“ von 2025, die den Investigativjournalisten Chris Hansen in ein ungünstiges Licht rückt, nimmt sich auch das auf einem Esquire-Artikel aus dem Jahr 2007 basierende Thriller-Drama „Primetime“ der aufsehenerregenden Ereignisse rund um die besagte Reality-Show an. Der selbst aus der dokumentarischen Richtung kommende Lance Oppenheim liefert damit sein Spielfilmdebüt ab und hat mit Robbert Pattinson einen Darsteller an der Hand, der seit dem Ende seiner „Twilight“-Phase in immer neuen ambivalenten, ungemütlichen Rollen überzeugt.
Der von ihm verkörperte Chris Hansen befindet sich im Jahr 2006 mit „To Catch a Predator“ im Aufwind. Der Moderator scheint, angetrieben von früheren Recherchen zu Kindersklaven in Indien, tatsächlich zu glauben, dass er die Welt von bösen Einflüssen befreien müsse. Von vielen sich für seriös haltenden Kollegen belächelt, schafft es Hansen mit seinem Enthüllungsformat sogar in die Primetime. Und das, obwohl NBC-Programmchef Jeff Zucker (spielt sich selbst) mit der Reality-Sendung eigentlich wenig anfangen kann. In direkter Konkurrenz zum Mystery-Hit „Lost“ auf ABC sehen sich Chris und seine Produzentin Andie Bender (Merritt Wever) allerdings gezwungen, bei ihrer Jagd auf Pädophile immer größere Coups zu landen. Zu einem wichtigen Teil der Show wird der Jungdarsteller Dan Plumb (Skyler Gisondo), der von einer großen Karriere träumt, sich aber erst einmal mit einem Part als Lockvogel begnügen muss.
Dass „Primetime“ unausweichlich auf eine Katastrophe zusteuert, ist im Grunde von Anfang an klar. Nicht umsonst lädt Lance Oppenheim seine Rekonstruktion ohne Umschweife mit einer fiebrigen Intensität auf. Die Bilder des Films sind nicht nur krisselig, sondern wirken regelrecht dreckig. Das düstere Thema spiegelt sich in einer schummrigen, mit Schatten- und Farbspielen arbeitenden Optik wider. Mehr und mehr kippt das Gezeigte ins Surreale, nutzt der Regisseur die Mittel des Horrorkinos, um eine bedrohlich brodelnde Stimmung zu erzeugen. Hansen selbst wird, da er seine dunklen Seiten ans Licht gezerrt zu sehen glaubt, zunehmend paranoider. Pattinsons Züge sind konsequenterweise immer angespannter, immer härter.
Als Charakterporträt eines Besessenen, eines Egomanen, der nach Ansehen giert, der sogar seine Kinder mitten in der Nacht weckt, um ihnen seine jüngsten beruflichen Erfolge auf Video vorzuspielen, greift „Primetime“ trotz der energiegeladenen Performance in der Hauptrolle manchmal etwas kurz. Unübersehbar ist das vor allem dann, wenn man Oppenheims Debüt mit dem ähnlich gelagerten Thriller „Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis“ aus dem Jahr 2014 vergleicht. Die Studie über einen von Jake Gyllenhaal beängstigend glaubhaft verkörperten Psychopathen, der das US-Frühstücksfernsehen mit reißerischen Aufnahmen von Unfällen versorgt, entwirft ein tiefer schürfendes Bild ihres Protagonisten. Auch über das knallharte, an Quoten orientierte, von vielen Opportunisten bevölkerte TV-Geschäft hat der Chris-Hansen-Film zumeist nur Altbekanntes zu sagen – wobei Merritt Wever als ständig Kaugummi kauende Produzentin schon wegen ihres ungewöhnlichen Sprachduktus, zumindest in der englischen Originalfassung, einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Die großen Stärken von „Primetime“ liegen eindeutig in der pulsierenden Inszenierung, die den Betrachter geschickt in diese Schauergeschichte aus dem wahren Leben hineinzieht.
Christopher Diekhaus







