Wiener Blues – The Loneliest Man in Town

Eine kleine Arthouse-Ikone und ein wunderbarer Film mit einer einzigartigen Atmosphäre! Leise, melancholisch und dabei überraschend humorvoll kommt er des Wegs und handelt von Alois Koch, der als Musiker in Wien lebt – eine echte Künstlerseele. 
Tizza Covi und Rainer Frimmel setzen in diesem semidokumentarischen Meisterwerk dem Wiener Blues-Urgestein Al Cook ein warmherziges Denkmal, ganz ohne Heldenpose, dafür mit staubtrockenem Witz und viel Musik.

 

Über den Film

Originaltitel

The Loneliest Man in Town

Deutscher Titel

Wiener Blues – The Loneliest Man in Town

Produktionsland

AUT

Filmdauer

86 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Covi, Tizza / Frimmel, Rainer

Regisseur

Covi, Tizza

Verleih

Weltkino Filmverleih GmbH

Starttermin

19.11.2026

 

Zu Beginn schleppt Al Cook einen Weihnachtsbaum durch ein Wiener Stiegenhaus. Doch bevor er ihn in seine Wohnung trägt, geht er erst einmal in den Keller, wo er sich offenbar schon seit vielen Jahren einen Rückzugsort bewahrt hat. Besonders dieser Keller, aber auch seine Wohnung sind voll mit Erinnerungen: Schallplatten, Instrumente, Fotos, Videokassetten, CDs und vieles andere. Ein ganzes Künstlerleben. Al Cook betrachtet das Foto einer jungen, hübschen Frau, die einigermaßen kess in die Kamera lächelt, und hört dabei eine alte Blues-Schallplatte. Er sieht aus, als ob er gleich zu weinen beginnt, seine Augen sind feucht, er wiegt sich zum Takt der Musik. Ein melancholischer, alter Mann, der traurige Musik hört – und er ist schon nach einer Minute liebenswert. 

Als Alois, inzwischen schick mit weißem Hemd, Fliege und Glitzer-Nadelstreifen-Jackett, am schön geschmückten Weihnachtsbaum die Kerzen angezündet hat – das Piccolöchen ist schon eingeschenkt, mit dem er seiner verstorbenen Frau zuprostet, da fällt der Strom aus. Das ist kein Zufall, denn das Haus wird abgerissen, und Alois, der letzte verbliebene Mieter, soll raus. Das heißt auch im gentrifizierten Wien: Schikane über Schikane. Dass der Strom abgestellt wird, ist nur der Anfang. Zwei sehr merkwürdige, alte Männer werden ihn in Zukunft täglich belästigen. Doch ein Umzug würde für Alois weit mehr bedeuten als seine Sachen einzupacken und irgendwo anders wieder auszupacken: Er müsste seine Welt aufgeben, die er sich über Jahrzehnte eingerichtet hat. So beginnt er, seine Besitztümer zu verkaufen. Fremde kommen, begutachten Stereoanlage, Möbel oder Elvis-Memorabilia, und mit jedem Gegenstand verschwindet ein kleines Stück Vergangenheit – und damit ein Teil seiner selbst. Sein Weg führt dabei durch das alte und das neue Wien und zurück zu den Stationen seines Lebens. Und damit taucht sein alter Traum wieder auf, der zum Blues gehört wie das Plektrum zur Gitarre: der Traum von Memphis und New Orleans.

Tizza Covi und Rainer Frimmel balancieren wieder souverän zwischen Dokumentation und Fiktion. Das ist ihre Spezialität, siehe „Vera“ über das Leben von Vera Gemma, die Tochter von Giuliano Gemma, für den die beiden 2022 in Venedig ausgezeichnet wurden. Hier spielt der Musiker Al Cook eine Figur, die eigentlich Alois Koch heißt, wie er selbst, und überhaupt sehr viel mit ihm zu tun hat; die Wohnung, die Erinnerungen und die sich im Film langsam entblätternde musikalische Biografie sind real, die Handlung ist gestaltet. Das ergibt insgesamt eine beinahe schwebende Atmosphäre zwischen Realismus und Fantasie, zwischen Wahrheit und Fiktion. Alles kann, nichts muss, und einzig entscheidend ist, dass sich alles wahr anfühlt. Und das tut es. Manchmal wirkt die Geschichte so echt, dass sie wehtut, aber häufig siegt der Wiener Schmäh über die Traurigkeit und damit der Humor über das Elend, was einerseits sehr wienerisch und andererseits sehr bluesig ist.

Rainer Frimmels Kamera beobachtet das Geschehen ruhig und mit großer Geduld, beinahe zärtlich ruht sie manchmal auf Al und auf den Gegenständen, die zu ihm gehören wie die Elvis-Tolle, die er immer sorgfältig frisiert. Frimmel lässt Al Cook/Alois Koch viel Raum für seine eigentümliche, originelle Mischung aus Stolz, Sturheit, Hingabe, Verletzlichkeit und trockenem Humor. Tizza Covis Schnitt folgt keinem dramatischen Taktgeber, sondern dem gelassenen Rhythmus dieses Mannes, der sich von der Hast der modernen Zeit nicht beeindrucken lässt. Auch das passt zum Blues: Hier entstehen Wirkung und Gefühl, Atmosphäre und Spannung nicht aus der schieren Abfolge von Bildern, sondern auch aus Wiederholungen, Pausen und kleinen Verschiebungen.

Al Cook heißt eigentlich Alois Koch, lebt im 3. Wiener Bezirk und er spielt nicht nur den Blues, sondern er lebt ihn. „Ich reiß mir das Herz raus und werf es auf den Bühnenboden“, sagt er über sein Verhältnis zur Musik. Herzblut ist gar kein Ausdruck, und Al Cook ist eine großartige Leinwandfigur. Mit sorgfältig frisierter Silbertolle, eleganter Garderobe und einem Gesichtsausdruck zwischen Weltschmerz und verschmitzter Skepsis verfügt er über eine Präsenz, die praktisch jede Schauspieltechnik ersetzt. Und wenn er musiziert, wird aus dem einsamen, etwas grantig wirkenden älteren Herrn plötzlich wieder der Künstler, für den der Blues Ausdruck seines Lebens ist.

Dass es dabei viel zu lachen gibt, ist eine der großen Qualitäten des Films. Der Humor entsteht beiläufig, aus Begegnungen, knappen Dialogen und aus Al Cooks stoischer Reaktion auf eine Welt, die offenbar beschlossen hat, dass er einfach nicht wichtig genug ist. Covi und Frimmel machen ihn weder zur kuriosen Figur noch zum rührenden Altchen. Sie respektieren seinen Eigensinn und seine Würde. Hinter Al Cooks Geschichte stehen Themen wie Gentrifizierung, Alter, Einsamkeit und Abschied, aber der Film lässt sich davon nicht runterziehen. Und diese Leichtigkeit macht ihn letztlich noch emotionaler. 

So wird aus einem möglichen Abgesang langsam etwas anderes, etwas Neues und Besseres: eine Blues-Ballade übers Loslassen und Neuanfangen. Oder vielleicht auch darüber, wie man sich am Ende eines Konzerts Zugaben verschafft.

 

Gaby Sikorski

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