Der Name ist Programm: Viel trister und heruntergekommener als das „Barrio Triste“ genannte Viertel, an den Hängen über der kolumbianischen Drogen-Metropole Medellín gelegen, kann es kaum zugehen. Hier wächst eine Gruppe Jugendlicher auf, die der kolumbianisch-amerikanische Regisseur STILLZ in seinem stilistisch und narrativ ambitionierten Debütfilm beim Versuch zeigt, in der Vorhölle zu überleben.
Über den Film
Originaltitel
Barrio Triste
Deutscher Titel
Barrio Triste
Produktionsland
USA
Filmdauer
89 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
James Clauer, Eric Kohn, Esteban Zuluaga
Regisseur
STILLZ
Verleih
Rapid Eye Movies HE GmbH
Starttermin
26.11.2026
Eigentlich heißt das Stadtviertel Corazón de Jesús, seine Bewohner nennen es jedoch Barrio Triste und damit ist eigentlich alles gesagt. Improvisierte Konstruktion mit unverputzten Wänden, eine dreckige Matratze auf dem Boden, der Fernseher läuft rund um die Uhr, auf den Straßen türmt sich der Müll.
Hier wachsen Piojo (Juan Pablo Baena) und Mundomalo (Samuel Velazquez), Calambre (Tomas Tinoco Higuita) und Apestado (Bryan Erlin Garcia) auf, Jugendliche, Halbstarke, die mit ihren rasierten Schädeln und den nackten Oberkörpern wie eine Roboterarmee wirken und sich auch so bewegen und benehmen.
Gleich in der ersten Szene klauen sie einem Fernsehteam die Videokamera, eine alte Betacam aus den späten 80er Jahren, die pixelige, verwachsene Bilder macht. Mit dieser Kamera werden sich die Jungs fortan filmen, ihr Leben dokumentieren, für das sich normalerweise niemand interessiert, schon gar nicht die wohlhabende Bevölkerung, die im Zentrum der Stadt lebt.
Kontakte zwischen den Welten gibt es kaum, nur manchmal fahren die Jungs runter ins Tal, ziehen sich Masken an, überfallen einen Juwelier. Wenn dabei ein Angestellter ums Leben kommt? Egal, ein Leben zählt in Medellín nicht viel.
Ohne Ziel, ohne Zukunft bewegen sich die Jugendlichen durch ihre Welt, sprechen vom Selbstmord, aber auch von der Hoffnung, dass sich vielleicht doch etwas ändern könnte. Und das tut es auch, denn eines Nachts taucht auf einem Dach ein seltsames Wesen aus, das aus einer anderen Dimension zu stammen scheint, vielleicht aus der Zukunft, vielleicht auch aus der Hölle.
STILLZ, nennt sich der kolumbianisch-amerikanischer Regisseur Matías Vásquez, der mit Musikvideos für Bad Bunny, Benny Blanco und viele andere bekannt wurde und nun sein Spielfilmdebüt gedreht hat. Dafür hat er sich mit der Produktionsfirma Edglrd zusammengetan (gesprochen Edgelord, Internetslang für eine Person, die schockierende, zynische oder extreme Meinungen äußert, um Aufmerksamkeit zu erregen ), hinter der der Regisseur und Exzentriker Harmony Korine steht. Der hatte schon immer ein Faible für Außenseiter, wie man in „Gummo“ oder „Trash Humpers“ sehen konnte, und versucht seit kurzem mit von Videospielen inspirierten Filmen wie „Aggro Dr1ft“ das Kino von seinen konventionellen narrativen Fesseln zu befreien.
Und in diesem Sinne funktioniert auch „Barrio Triste“, der sein visuelles Konzept konsequent durchzieht, die Welt nur aus der Perspektive der jugendlichen Halbstarken zeigt, dabei die Lo-Fi-Ästhetik der Betacam zu unwirklichen schönen Bildern nutzt, die sich unweigerlich hart am Label des Elendsporno entlangbewegen. Nicht zuletzt dank der elektronischen Musik von Arca, die den Bildern von Armut und Gewalt eine unwirkliche Schönheit verleihen.
Zum Glück beschränkt sich STILLZ jedoch nicht darauf, den banalen Alltag der Jugendlichen zu zeigen und unweigerlich zu romanisieren, sondern entwickelt eine Geschichte, die zunehmend in surreale Gefilde abdriftet. Spätestens wenn eine Art Teufelsgestalt über den Dächern des nächtlichen Medellíns auftaucht, wird „Barrio Triste“ zu mehr als einem Film über das Elend der Massen, sondern zu einem seltsamen Trip, bei dem am Ende nicht mehr klar ist was real und was in den Vorstellungen seiner Protagonisten statt findet.
Michael Meyns







