Michal Kwiecinskis Biopic zeigt Frédéric Chopin nicht als entrücktes Genie am Klavier, sondern als jungen Mann, der weiß, dass ihm nicht viel Zeit bleibt, und der das Leben umso heftiger feiert, je mehr ihm das klar wird.
Opulent ausgestattet, mit viel Musik und in einer klug gewählten Balance zwischen Melancholie und Leichtigkeit erzählt das Drama von Kunst, Musik und Vergänglichkeit.
Über den Film
Originaltitel
Chopin, Chopin!
Deutscher Titel
Chopin – Eine Sonate in Paris
Produktionsland
PL
Filmdauer
134 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Michał Kwieciński, Małgorzata Fogel-Gabryś
Regisseur
Michał Kwieciński
Verleih
Neue Visionen Filmverleih GmbH
Starttermin
22.10.2026
Das erste, was auffällt: Wo ist Chopins größter Hit, der berühmte Trauermarsch? – Tatsächlich wird er nicht einmal angespielt. Und das passt tatsächlich ganz genau, denn „Chopin – Eine Sonate in Paris“ interessiert sich weniger für Trauer und Tod als für die Person Frédéric Chopin (Eryk Kulm) und für die Energie, mit der Frédéric Chopin versucht, seinem Schicksal zu entkommen. Schon früh steht fest, dass er Tuberkulose hat. Der Arzt rät zu Schonung; Chopin macht das Gegenteil. Er spielt, gibt Konzerte, komponiert, gibt Unterricht, feiert und genießt seinen Ruhm. Gemeinsam mit seinem besten Freund, dem ebenfalls berühmten Komponisten und Pianisten Franz Liszt (Victor Meutelet), lässt er sich von ganz Paris bejubeln, wo Künstler schon Mitte des 19. Jahrhunderts wie Popstars behandelt werden. Die Salons der Reichen sind ihm ebenso vertraut wie die Kaschemmen der Armen – überall ist er willkommen.
Eryk Kulm macht aus Chopin keinen schwermütigen Romantiker. Sein Frédéric ist charmant und manchmal anstrengend, ein Entertainer mit Talent zur Verdrängung. Die Krankheitsschübe dauern länger – egal. Immer wieder rappelt er sich auf, und kaum geht es ihm besser, legt er wieder los. Kulms Spiel verändert sich fast unmerklich im Lauf der Zeit, so wie auch seine ganze Erscheinung: Das Gesicht wird blasser und durchsichtiger, der Körper scheint immer schmaler zu werden, doch der Übermut bleibt.
Die Beziehung zu George Sand (Joséphine de La Baume) kommt unerwartet für Chopin, der von sich selbst behauptet, er könne nicht lieben. Die exzentrische, zigarrenrauchende Dichterin ist die Ausnahme, vielleicht weil sie Chopin auf Augenhöhe begegnet, sie durchschaut seine Selbstinszenierung und bietet ihm Halt. Der gemeinsame Aufenthalt auf Mallorca, der Erholung bringen soll, endet jedoch in Kälte, Regen und einem schlimmen Krankheitsschub. Die Abreise mitten im Wintersturm auf dem einzig verfügbaren Boot, einem Kahn, der Schweine transportiert, wird zum Trauma und zum Gegenentwurf des Pariser Glamours. Später zerbricht die Beziehung daran, dass George Sand nicht damit klarkommt, dass Chopin vor allem an seine Kunst und – notgedrungen auch immer öfter – an seine Krankheit denkt.
Kwiecinski erzählt nicht mit Jahreszahlen und historischen Wegmarken. Ihn interessiert vor allem die Atmosphäre: Wie lebt es sich unter Zeitdruck? Was macht Chopin in den Augen der Öffentlichkeit zum Star? Dazu kommt die Darstellung des Alltags im 19. Jahrhundert, besonders im Bürgertum, mit dem sich Kwiecinski in opulenten Bildern auseinandersetzt. Er zeigt die Salons, in denen die Frauen das Sagen haben und wo Künstler aller Facetten zu finden sind, die sich hier betätigen und sattessen dürfen, während sie Akquise betreiben und auf Kundensuche gehen. Auch Chopin und sein guter Freund Franz Liszt gehören dazu. Kwiecinski zeigt die Kunstbegeisterung und den Trubel in den edlen Salons und in den überfüllten Kaschemmen. Doch plötzlich bricht die Cholera-Epidemie aus, die tatsächlich im Jahr 1832 in Paris wütete: Chopin geht durch eine plötzlich menschenleere Stadt, die Straßen sind weiß vom Löschkalk, der die Ansteckungsgefahr vermindern sollte. Leichenwagen rollen vorbei, und in einer verlassenen Kirche singen ein paar Nonnen Mozarts Requiem. Chopin hört ihnen ergriffen zu. Die ganze Szenerie ist nicht nur sehr anrührend, sondern erinnert, wie auch einiges andere, an die Covid19-Epidemie. Chopin, gestern noch ein umjubelter Bonvivant, wird zum einsamen Künstler, der auf sich selbst zurückgeworfen ist. Er braucht den Trubel, die Menschen um sich herum und den Lärm der Stadt, um zu arbeiten. Stille und Einsamkeit sind nichts für ihn.
Im Drama um Chopins kurzes Leben wird die Stadt Paris zur zweiten Hauptfigur: prächtig und schmutzig, mondän und elend, ein Moloch, in dem Arm und Reich gleichermaßen nach Kunst, Vergnügen und Ablenkung gieren. Michal Sobocinskis Kamera kostet die luxuriöse, effektreiche Ausstattung aus – der Film ist einer der teuersten in der Geschichte des polnischen Kinos und lässt das alte, enge Paris vor dem Bau der großzügigen Boulevards auferstehen. Gelegentlich, etwa in Chopins morphiumbedingten Halluzinationen, wird die Inszenierung rauschhafter, jedoch ohne die pompösen und exzessiven Posen à la Ken Russell. Wenn es formelle und dramaturgische Ähnlichkeiten zu anderen berühmten Komponistenfilmen gibt, dann am ehesten zu „Amadeus“, dem ikonischen Musikdrama von Miloš Forman über Mozart. Die emotionale Wucht dieses Klassikers kann und will Kwiecinskis Film nicht erreichen, wobei einige Szenen durchaus dem Vergleich standhalten. Doch sowohl die Musik als auch die Biographien der beiden Komponisten unterscheiden sich zu stark, und in Chopins Leben gibt es auch keinen Bösewicht à la Salieri.
„Chopin – Eine Sonate in Paris“ erzählt in wunderbaren Bildern insgesamt deutlich weniger vom Musiker Chopin als vom Menschen Frédéric und von seinem Leben im Paris des 19. Jahrhunderts. Die Musik wird gelegentlich unterbrochen von modernen Tönen, die im Rhythmus des Herzschlags den Lauf der Zeit symbolisieren könnten. Aber hier fungiert Chopins Musik nicht als ehrfürchtig ausgestellte Hochkultur, sondern als Lebenselixier – für die Bevölkerung, aber noch mehr für den Komponisten. Eryk Kulm zeigt Frédéric Chopin als bis zuletzt besessenen Arbeiter: Er ist ein Mann, der weiß, dass er sterben wird, und der sich weigert, schon zu Lebzeiten damit anzufangen.
Gaby Sikorski







