Glaube

Ein ungewöhnlicher Coming-of-Age-Film aus Spanien über ein Mädchen, das Nonne werden möchte. Das Besondere ist, dass ihre religiöse Berufung weder erklärt noch hinterfragt oder beurteilt wird. 
Alauda Ruiz de Azúa beobachtet in ruhigen Bildern, was geschieht, wenn eine 17-Jährige eine Entscheidung trifft, die ihre Familie nicht verstehen kann. Im Zentrum steht Blanca Soroa, die mit einer verblüffenden Ruhe und Natürlichkeit die Hauptrolle der Ainara spielt und niemals so ganz preisgibt, was in ihr vorgeht.

 

Über den Film

Originaltitel

Los domingos

Deutscher Titel

Glaube

Produktionsland

ESP, FRA

Filmdauer

118 min

Produktionsjahr

2025

Produzent

Marisa Fernández Armenteros, Manuel Calvo, Sandra Hermida, Nahik

Regisseur

Alauda Ruiz de Azúa

Verleih

Leonine Distribution GmbH

Starttermin

29.10.2026

 

Eigentlich könnte Ainara ein ganz normales Teenagerleben führen. Sie geht zur Schule, singt im Chor, feiert mit ihren Freunden und interessiert sich für Jungs. Doch die 17-Jährige hat einen Plan, der ihre Familie vollkommen aus dem Gleichgewicht bringt: Sie möchte nicht, wie geplant, im Ausland studieren, sondern in ein Kloster eintreten.

 

Für Ainara ist diese Entscheidung absolut klar – es gibt keine Zweifel. Sie ist sicher, dass sie zur Nonne berufen ist. Doch für ihre Familie beginnt damit der Kampf um sie als Familienmitglied oder anders gesagt: um die Deutungshoheit über ihr Leben. Ihr Vater Iñaki (Miguel Garcés) reagiert mit der gleichen Ambivalenz und Passivität, mit der er offenbar auch andere Familienprobleme behandelt. Vor allem aber Ainaras Tante Maite (Patricia López Arnaiz) möchte verhindern, dass ihre Nichte eine Entscheidung trifft, die sich womöglich nicht mehr rückgängig machen lässt. Nicht nur, dass Maite prinzipiell Einwände gegen die Katholische Kirche hat und gerade in einer Ehekrise steckt – tatsächlich liebt sie Ainara wie ihre eigene Tochter, und auch deshalb wird aus ihrer Sorge zunehmend Einmischung.

 

Alauda Ruiz de Azúa macht daraus keinen Film über Glaubensfragen oder darüber, ob es heutzutage richtig und sinnvoll ist, von der Außenwelt abgeschottet in einem Konvent zu leben. Viel interessanter ist für die mehrfach preisgekrönte Regisseurin, wem eine Entscheidung eigentlich gehört. Darf man eine 17-Jährige davon abhalten, Nonne zu werden, weil man ihre Motive nicht versteht? Gleichzeitig steht bei Maite auch immer der leise Verdacht im Raum, dass Ainaras katholische Schule, insbesondere der junge Pater Txema (Victor Sainz) und die Ordensgemeinschaft erheblichen Einfluss auf Ainara ausüben und ihre Entscheidung, wenn nicht gesteuert, dann doch mindestens beschleunigt und verstärkt haben. Der Film liefert dafür einige Indizien, aber keine eindeutigen Beweise – und warum auch? Der Film handelt ja nicht von Ainaras Beweggründen, warum sie künftig in einem Kloster leben will, sondern er handelt von den Folgen dieser Entscheidung unmittelbar für ihre Familie. 

 

Dass diese Konstruktion so gut funktioniert, ist vor allem Blanca Soroa als Ainara zu verdanken. Die junge Kinodebütantin spielt die schwierige Rolle mit einer bemerkenswert natürlichen Selbstverständlichkeit. Ainara hält sich meistens zurück, sie hört zu, senkt den Blick, lächelt kurz. Wo andere Figuren diskutieren, argumentieren und ihre Gefühle ausbreiten, bleibt sie still. Blanca Soroa lässt die Stille jedoch nicht zur Leerstelle werden. Ihr Gesicht spiegelt Ruhe und Zuversicht. Das Publikum hat die Aufgabe, herauszufinden, ob dort auch Unsicherheit, Trotz und Rebellion zu finden sind. Trotz allem bleibt Ainara aber auch eine typische Siebzehnjährige. Ihre Frömmigkeit macht sie weder weltfremd noch zur Heiligen. In einer starken Montage läuft einmal der Gesang des Chores weiter, während Ainara und ihre Klasse auf einer Party im flackernden Licht tanzen. Geistliche Musik und jugendlicher Überschwang finden hier auf erstaunliche Art zusammen – was quasi symbolisch für diesen Film und seine Message steht. Blanca Soroa muss keinen Gegensatz zwischen Teenager und angehender Nonne spielen, weil Ainara selbst offenbar keinen empfindet.

 

Patricia López Arnaiz als Tante Maite setzt dieser stillen Entschlossenheit eine wesentlich explosivere Figur entgegen. Sie argumentiert, drängt und wird wütend. Ihre Vehemenz entsteht aus Zuneigung, aber auch aus der Überzeugung, besser zu wissen, was Freiheit bedeutet. In den Begegnungen von Maite und Ainara entwickelt der Film große Spannung: hier die Tante, die verzweifelt nach Argumenten sucht, dort die Nichte, die sich ihrem Zugriff immer stärker entzieht. Dabei sind die Konfrontationen ebenso klar und schlicht inszeniert wie alles andere. Der Alltag im Konvent erscheint geordnet und streng, weder bedrohlich noch romantisch oder religiös verklärt. Bet Rourichs Kamera geht dicht an die Figuren, lässt Blicke und Schweigen ebenso wichtig werden wie die Dialoge. Auch die Musik wird sparsam und präzise eingesetzt, und Nick Caves „Into My Arms“ erhält in diesem Zusammenhang eine überraschende, anrührende Bedeutung.

 

„Glaube“ ist ein ruhiges Drama – nicht über Religion, sondern über Möglichkeiten, einen jungen Menschen den eigenen Weg gehen zu lassen. Dass Ainara dabei bis zuletzt ihr Geheimnis bewahrt, erweist sich als geschickter Kunstgriff. Sie verweigert jede eindeutige Erklärung ihrer Person. Man kann ihr glauben oder auch nicht. Und Blanca Soroa spielt das ebenso freundlich wie bestimmt. Und mit einem kleinen Lächeln.

 

Gaby Sikorski

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