Beim diesjährigen Filmfestival Max Ophüls-Preis wurde „Gropiusstadt Supernova“ mit dem Hauptpreis als Bester Spielfilm ausgezeichnet, vielleicht nicht unbedingt, weil der Debütfilm von Ben Voit tatsächlich der rundeste Film im Programm war, sondern weil hier ein junger Regisseur versucht, die Konventionen des Erzählkinos zu sprengen und über Bilder, Stimmungen und Musik zu erzählen, nicht immer erfolgreich, aber unbedingt ambitioniert und sehenswert.
Über den Film
Originaltitel
Gropiusstadt Supernova
Deutscher Titel
Gropiusstadt Supernova
Produktionsland
DE
Filmdauer
78 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Ben Voit
Verleih
FOUR GUYS Film Distribution
Starttermin
19.11.2026
Gropiusstadt, im Süden des sogenannten Berliner Problembezirks Neukölln gelegen, hier ist der ohnehin nicht mehr so glänzende Glanz der Hauptstadt besonders weit weg. Viele Menschen mit Migrationshintergrund leben in den Hochhausreihen, so auch die Brüder Luan (Mo Issa) und Tarik (Walid Al-Atiyat).
Es ist Silvester, eigentlich Anlass zum Feiern, Grund auf ein neues Jahr anzustoßen, doch für Luan steht der Tag nicht unter einem guten Stern. Sein älterer Bruder Tarik, der seit dem Tod der Mutter sein wichtigster familiärer Bezugspunkt ist, hat einen Brief vom Amt bekommen: Er soll abgeschoben werden, auch wenn die Brüder schon seit ewigen Zeiten in Berlin leben. Nun hat Tarik genug von rassistischen Behörden und will abhauen. Seine Schlange lässt er seinem Bruder zur Pflege zurück und verspricht, sich mit einem Knall aus Berlin zu verabschieden.
Und noch jemand will gehen: Stella (Berfin Sönmez), Luans Freundin, die davon träumt, Schauspielerin zu werden und nun bei einer Schauspielschule in New York angenommen wurde. Doch das bedeutet eine langjährige Trennung. Zwar freut sich Luan für Stella, doch im Laufe der Nacht versetzen ihn seine Emotionen in eine immer extremere Stimmung, die von der stetig zunehmenden Silvesterknallerei noch verstärkt werden.
Als er vom Überfall auf einen Geldautomaten hört, bei dem zwei Polizisten schwer verletzt wurden, geht seine Phantasie mit ihm durch: War es vielleicht Tarik, der sich so verabschiedet? Seinen Bruder kann Luan nicht erreichen, die Polizei umstellt die Gropiusstadt und das neue Jahr bricht an.
Ein paar Kurzfilme hatte der knapp 30jährige Ben Voigt im Laufe seines Studiums an der Filmuniversität Babelsberg gedreht, bevor er sich an seinen ersten längeren fiktionalen Film wagte. Lose basiert die Geschichte auf den Erfahrungen eines Freundes, dem die Abschiebung drohte, der weitere Verlauf der Story wirkt von den Schlagzeilen der letzten Jahre inspiriert.
Die sozialen Probleme der Gropiusstadt (und anderer Berliner Kieze) werden seit langem ausgiebig thematisiert, gerade die Silvesternacht ist immer wieder Anlass für Scharmützel zwischen Jugendlichen und der Polizei, die gerne auch ausarten. Dazu alltäglicher Rassismus, schlecht gelaunte Behörden, Asylbewerber, die mit den Deutschen migrantischer Herkunft um die Pfründe kämpfen: Wenig lässt Ben Voit aus, vieles wirkt wie ein Klischee, doch um eine ausgefeilte Handlung geht es in „Gropiusstadt Supernova“ ohnehin nicht.
Die lose Geschichte ist nur der Rahmen, in dem Voit und sein Kameramann Konrad Waldmann flirrende Bilder finden, impressionistische Aufnahmen, die einem seelenlosen, von tristen Wohnblöcken geprägten Quartier Sinnlichkeit und Emotion verleihen. Immer wieder verwischen die Bilder, wenn die Kamera rasante Schwenks vollführt, die Lichter der Großstadt, die Rakaten der Silvesternacht bilden Farbspiele, bei denen oft nicht ganz klar ist, ob sie real sind oder nur in Luans Phantasie existieren.
Kaum mehr als 70 Minuten kurz ist „Gropiusstadt Supernova“, was gut zu einem Film passt, der zwar etwas an einer arg dünnen Geschichte und banalen Dialogen krankt, aber dafür durch seine Ambition überzeugt. Neben den Bildern ist vor allem die Musik von No Bloom Now hervorzuheben, die mit ihren elektronische Rhythmen ideal zum Rausch der Nacht passt. Ein gewagtes Experiment, das zwar nicht immer ganz aufgeht, aber auf das gespannt macht, was Ben Voit in Zukunft auf die Leinwand bringen wird.
Michael Meyns







