Schwules Strichmännchen-Spektakel der schrägen Art? Queere Figuren, die gekonnt durch den Klischee-Kakao gezogen werden? Klingt ganz nach Ralf König? Stimmt, ist freilich dennoch falsch! Denn auch Franzosen können Comic jenseits von „Asterix und Obelix“. Sogar so gut, dass es eine Einladung nach Cannes gab. Festival-Chef Thierry Frémaux schwärmte in „Variety“ gar von „einer der schönsten Vorführungen in der Geschichte des Festivals“. Vorhang auf für Fitness-Influencer Jim, der die Welt vor der „Heterose“ retten muss, ein mysteriöses Virus, das schwule Männer heterosexuell macht. Das gelingt nur gemeinsam mit seinem jungen Fan Lucien, der jedoch erst noch sein Coming-out stemmen muss. Ein virtuos freches Pointenfeuerwerk, an dem (nicht nur) Ralf König und seine Fans ihre Freude haben dürften.
Über den Film
Originaltitel
Jim Queen
Deutscher Titel
Jim Queen
Produktionsland
FRA,BEL
Filmdauer
85 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
David Alric, Arthur Delabays
Regisseur
Nicolas Athané
Verleih
capelight pictures OHG
Starttermin
08.10.2026
Am Anfang ist der wippende Hintern in knallgrünen Shorts in Großaufnahme. Schnell schwenkt das Bild auf eine Horde von Muskelmännern, die im „Temple Gym“ vergnügt der schweißtreibenden Körperveredelung frönen und nebenbei Flirtchancen abchecken. Im Mittelpunkt steht der titelgebende Jim Parfait, ein Influencer mit 20 Millionen Followern. Zu seinem ganz großen Fan zählt der schmächtige Lucien, Sohn jener stramm konservativen Gesundheitsministerin, die von der sexuellen Orientierung ihres Jungen besser nichts wissen sollte.
Die unbeschwerte, bunte Regenbogen-Idylle endet jäh. „Es gibt eine neue, ansteckende Geschlechtskrankheit!“, verkündet die Ärztin ihrem Patienten Jim. „Du wirst heterosexuell!“ lautet die bittere Diagnose, und: „Du wirst nie wieder einen Prostata-Orgasmus haben!“. Schnell bricht Panik aus in den Szene-Vierteln. Durch die „Heterose“ verschwinden Sixpacks ebenso plötzlich wie der gute Mode- und Musikgeschmack. Dafür versteht die Homo-Welt plötzlich die Abseitsregel im Fußball und träumt von Frau und vielen Kindern. „Seit wann ist Hetero eine Krankheit?“, ätzt die konservative Politikerin, die von der Epidemie auffallend schnell begeistert ist.
Gemeinsam mit dem cleveren Lucien nimmt Jim den Kampf auf, um die „Heterose“-Pandemie zu besiegen. Dabei gilt es etliche Hürden zu nehmen. Zum einen die Bedrohung von außen, etwa durch die „Gaystapo“, die brutal alle Heteropositiven jagt. Zum anderen die Bedrohung von innen, denn von der viel beschworenen Solidarität in der LGBTQIA+-Community ist wenig zu spüren. Tatsächlich gibt es dutzendfach Gruppen mit völlig unterschiedlichen Vorlieben, die in Konkurrenz zueinander stehen und sich nicht selten verachten. Von den Bären über die Dragqueens und Bodybuilder bis zu den Sneaker-Fetischisten, den Puppys, den Daddys oder den Twinks. Wer da noch den Überblick behalten will, setzt auf sein „Gaydar“. Ausgerechnet jetzt hat der Titelheld diese Fähigkeit verloren. So lastet die Rettung der queeren Welt fortan auf den schmächtigen Schultern seines schüchternen Fans Lucien. Wo ein Twink, da auch ein Weg! Erst wird ein Einhorn als Trojanisches Pferd eingesetzt, bald folgt die Palastrevolution. Die Community präsentiert sich vereint wie nie. Sogar für ein bisschen ziemlich beste Liebe bleibt noch Zeit.
Dem Regie-Duo Marco Nguyen und Nicolas Athane gelingt mit großer Lässigkeit ein bonbonbunter, schriller Roadtrip durch die queere Szene samt deren Zickigkeiten und Rivalitäten. Erst der Unschuldengel Lucien vermag es, die chronischen Grabenkämpfe und Abgrenzungsscharmützel zu überwinden, Brücken zu bauen und die Chancen von Diversität unter Beweis zu stellen. Die ebenso charmante wie bissige Satire verblüfft durch ihre liebenswerten Figuren, ein flottes Tempo sowie erfrischend komische Dialoge. Wer „Pillion“ mag, dürfte „Jim Queen“ lieben. Ein smarter Crowd-Pleaser über Identität und Klischees, den selbst Thierry Frémaux ausdrücklich feierte: für Cannes ein kleiner Coup. Schließlich gehört man zu den letzten A-Festivals mit einem queeren Preis. Erst anno 2010 wurde die Queer Palm etabliert, derweil der Teddy Award auf der diesjährigen Berlinale bereits seinen 40. Geburtstag feiern konnte.
Dieter Oßwald







