Zum dritten Mal hat der iranische Regisseur Asghar Farhadi bei „Parallel Tales“ nicht in seiner Heimat gedreht, sondern in Europa, zum ersten Mal mit der Qualität, die ihn zu einem der interessantesten Regisseure des zeitgenössischen Arthouse-Kinos hat werden lassen. Komplex und vielschichtig, moralisch ambivalent und zudem noch eine wunderbare Hommage an einen großen Kollegen.
Über den Film
Originaltitel
Histoires parallèles
Deutscher Titel
Parallele Leben
Produktionsland
FRA, BEL, ITA, USA
Filmdauer
139 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
اصغر فرهادی, Alexandre Mallet-Guy, Krzysztof Piesiewicz
Regisseur
اصغر فرهادی
Verleih
STUDIOCANAL GmbH
Starttermin
03.12.2026
Kino ist Voyeurismus, jeder Zuschauer ein Voyeur. Mit diesen Gedanken haben Filmemacher immer wieder gespielt und ihn für oft hochspannende, komplexe Selbstreflexionen benutzt, zu denen man nun auch Asghar Farhadis „Parallel Tales“ zählen muss. Die Geschichte beginnt mit einer Voyeurin, der kränklichen Schriftstellerin Sylvie (Isabelle Huppert), die in einer mit Büchern vollgestellten Wohnung in Paris lebt und nach Inspiration für einen neuen Roman sucht. Den findet sie in einer Wohnung, die der ihren gegenüberliegt, deren Bewohner sie beobachtet und literarisch verarbeitet. Vor allem Nita (Virginie Efira) fällt ihr ins Auge, die in der Geschichte zu Anna wird. Während sie in der Realität mit Nico (Vincent Cassel) zusammen ist, ist sie in der Geschichte mit Theo (Pierre Niney) liiert und beginnt mit Nico eine Affäre, die bald tödlich endet.
Fasziniert von dieser Geschichte ist Adam (Adam Bessa), ein junger Rumtreiber, der vor nicht allzu langer Zeit im Gefängnis war, seine Fähigkeiten als Dieb bisweilen aber auch für eine gute Tat nutzt: Als Sylvias Nichte Laurence (India Hair) in der Metro bestohlen wird, fängt Adam den Dieb – und weckt das Interesse von Laurence, die ihn mit Sylvie in Kontakt bringt. Bald zieht Adam bei Sylvie ein, geht ihr bei einem geplanten Umzug zu Hand – wird jedoch immer mehr zu ihrem Alter Ego, der Nita ebenfalls beobachtet und sich bald sogar als Autor der Geschichte ausgibt, die eigentlich Sylvias Phantasie entsprungen war.
Es braucht eine Weile, bis „Parallel Tales“ in Fahrt kommt, bis Asghar Farhadi das komplizierte Figurengeflecht etabliert hat und sich die erzählerische Komplexität auszahlt. Um die Kraft der Fiktion geht es auf einer Ebene, darum, wie eine Erzählung Einfluss auf die Realität nehmen, wie die Imagination das Leben von Menschen verändern kann. Anfangs wirkt Nita überrumpelt als ihr Adam die Geschichte zeigt, deren Hauptfigur sie zu sein scheint. Mit ihrem wirklichen Leben hat die Geschichte jedoch nur bedingt zu tun, dennoch beginnt sie bald, ihr Leben zu hinterfragen, vor allem aber auch ihr Verhältnis zu den beiden Männern, mit denen sie beruflich wie privat zu tun hat. Auch sie haben die Geschichte gelesen und sind irritiert von der Umkehr der Beziehungsverhältnisse: Hat der Autor, der Voyeur, womöglich etwas gespürt, das den realen Menschen (noch) gar nicht bewusst war? So beginnt die Geschichte, die Fiktion, das Verhalten der Figuren in der Realität zu beeinflussen, so wie es kraftvolle Geschichten, kraftvolle Kunst, kraftvolles Kino vermag.
Lose basiert dieser Ansatz auf dem sechsten Teil des „Dekalog“, der Reihe von Fernsehfilmen, mit denen der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski nicht weniger als die zehn Gebote in moderner Form verfilmte. Als „Ein kurzer Film über die Liebe“ kam der sechste Teil, der auf dem Gebot: Du sollst nicht Ehebrechen, auch ins Kino. Inhaltlich erinnert „Parallel Tales“ nur entfernt an ihn, doch wie gut sich Farhadi in Kieslowskis Werk auskennt zeigen zahlreiche visuelle und erzählerische Anspielungen nicht nur an den Dekalog, sondern auch an die „Drei Farben“-Trilogie und andere Filme des viel zu jung gestorbenen polnischen Regisseurs. Problemlos lassen sich jedoch auch Bezüge zu Filmen wie Alfred Hitchcocks „Fenster zum Hof“ finden, ebenso ein Klassiker des Voyeuristischen Kinos wie Michael Powells „Peeping Tom“, der sogar explizit erwähnt wird.
All diese Anspielungen bilden jedoch nur den Hintergrund für ein mitreißendes, vielschichtiges Drama, mit dem der iranische Regisseur Asghar Farhadi sein Kino der moralischen Ambivalenz endlich auch im europäischen Kontext zur vollen Blüte gebracht hat.
Michael Meyns







