You Can See Everything

Selten entwickelt sich ein solcher Hype um einen Film, schon gar nicht für eine drei Stunden lange Dokumentation. Doch Nathan Fielder und Lance Oppenheims „You Can See Everything“ ist weit mehr als ein Film über Elizabeth Holmes, die das Silicon Valley begeisterte, Milliardärin war und nun im Gefängnis sitzt, sondern eine faszinierende, bizarre Studie über die Schwierigkeit zwischen Wahrheit und Fiktion zu unterscheiden – also genau der richtige Film für unsere Gegenwart.

 

Über den Film

Originaltitel

You Can See Everything

Deutscher Titel

You Can See Everything

Produktionsland

US

Filmdauer

174 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Lance Oppenheim, Nathan Fielder, Tatiana Bears, Maggie Ambrose,

Regisseur

Nathan Fielder

Verleih

Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Starttermin

03.12.2026

 

Theranos hieß die Firma, die die Studienabbrecherin Elizabeth Holmes 2003 mit gerade einmal 19 Jahren gegründet hatte. Das Versprechen: Mit nur einem Tropfen Blut sollte es den Geräten der Firma möglich sein, dutzende Bluttests durchzuführen. Das Problem: Die Technik existierte nicht. Doch bevor der Betrug entlarvt werden konnte, pumpten Investoren wie Larry Ellison oder Rupert Murdoch hunderte Millionen in das Unternehmen, Henry Kissinger saß im Aufsichtsrat, Holmes selbst kleidete sich bald wie Steve Jobs in schwarzen Rollkragenpullovern, zierte Titelseiten und wurde zur jüngsten Selfmade-Milliardärin aller Zeiten.

2022 wurde sie des Betruges schuldig gesprochen, bekam zwei Kinder mit ihrem Verlobten Bill Evans, doch im Mai 2023 stand der Haftantritt unmittelbar bevor. Zu diesem Zeitpunkt trafen Holmes und Evans die seltsame Entscheidung, die diesen Film ermöglichte: Aus eigenem Antrieb kontaktierten sie die Produktionsfirma A 24 und boten an, für einen Film zur Verfügung zu stehen. Die Wahl der Regisseure fiel schließlich auf Nathan Fielder und Lance Oppenheim, die unbegrenzten Zugang zu dem Paar hatten, bald sogar in deren gemietetes Haus am Pazifik einzogen. Während Oppenheim (Regisseur von Dokumentarfilmen wie „Some Kind of Heaven“ und zuletzt dem Spielfilm „Primetime“) hinter der Kamera bleibt, wird Fielder (Gonzo-Komiker, der mit Fremdschäm-Formaten wie „The Rehersal“ eine gewisse Fangemeinde erlangt hat) zum aktiven Teil des Films.

Die erste Hälfte von „You can See Everything“ besteht vor allem aus Großaufnahmen von Gesprächen, in denen Fielder eine Antwort auf die Frage zu erhalten versucht, die auch den Zuschauer umtreibt: Warum lassen sich Holmes und Evans so hautnah filmen, was bezwecken sie? Denn die Schuldfrage um Theranos ist geklärt, Holmes hat betrogen, nur scheint sie selber trotz aller Beweise von ihrer Unschuld überzeugt. Ein wenig manisch wirkt Holmes da oft, wie sie mit ihren extrem großen Augen und ihrem starren Blick in Fielders Augen Blick und ihn geradezu beschwört: Ich habe noch nie gelogen! Ich bin unschuldig! Ich habe nichts zu verbergen!
All das wäre schon Stoff genug für einen interessanten Film über eine Person, die offensichtlich anders tickt, als der Durchschnittsmensch. Doch was „You Can See Everything“ so speziell macht, passiert in der zweiten Hälfte, wenn Holmes ihren Gefängnisaufenthalt angetreten hat und für den Film nicht mehr zur Verfügung steht. In dieser Situation kam Fielder und Oppenheim eine geniale Idee: Sie kontaktierten Amanda Seyfried, eine Schauspielerin, die vor einigen Jahren in der TV-Serie „The Dropout“ die Hauptrolle gespielt hat– als Elizabeth Holmes.

Ausschnitte aus dieser Serie hatte Fielder auch Holmes selbst gezeigt. Wenn er nun Seyfried Aufnahmen davon zeigt, wie Holmes Seyfried zusieht, die Holmes spielt, wird es sehr Meta. Und führt zur zentralen Frage des Films: Was ist Realität, was ist Fiktion, wann sieht man den wahren Charakter eines Menschen, wann nur eine Rolle, die in der Öffentlichkeit gespielt wird oder eben in einer Serie oder einem Film.

Eine Antwort geben Fielder und Oppenheim nicht, besonders Fielder scheint mit einem Maß an Sympathie für Holmes zu kämpfen, die seine Anfangs deutlich zur Schau gestellte Skepsis gegenüber Holmes ins Wanken bringt. Doch um Schuld oder Unschuld geht es hier nicht, vielmehr um das, was unsere Gegenwart prägt: Selbstdarstellung in den (sozialen) Medien, Narzissmus, Fake News, das Versprechen auf Ruhm und Geld.

Nach drei Stunden weiß man in Bezug auf Elizabeth Holmes Ehrlichkeit zwar auch nicht weiter, aber hat einen der ungewöhnlichsten, originellsten Filme des Jahres gesehen, über den noch lange kontrovers diskutiert werden wird.

 

Michael Meyns

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