3° kälter

Lieben oder geliebt werden, darum dreht sich Florian Hoffmeisters im Sommer 2005 in Locarno mit dem Silbernen Leoparden ausgezeichnetes Regiedebüt. Geprägt sind die Begegnungen einer Gruppe junger, befreundeter Erwachsener von der Tatsache, dass sich einer von ihnen fünf Jahre zuvor ohne Angaben von Gründen aus dem Staub gemacht hat. Untergetaucht oder verschollen, darüber wird all die Jahre zwar nicht gesprochen, Gedanken aber machen sich die Freunde der Clique dennoch immer wieder. Doch dann ist Jan (Sebastian Blomberg) plötzlich wieder da.

Webseite: www.dreigradkaelter.de

Deutschland 2005
Regie: Florian Hoffmeister
Darsteller: Bibiana Beglau, Sebastian Blomberg, Johann von Bülow, Meret Becker, Alexander Beyer, Katharina Schüttler
104 Minuten
Verleih: Blue Eyes Pictures
Start am 16.3.05

PRESSESTIMMEN:

Ein vielschichtiges Liebesdrama, das auf dem Festival von Locarno als bester Erstling ausgezeichnet wurde. Ein feiner, durchdachter Film, nah dran am Alltag. – Sehenswert.
Tip Berlin

Weitgehend nüchterne Versuchsanordnung um Menschen, die sich in unverbindlichen Lebensentwürfen eingerichtet haben. Glänzend gespielt, entwickelt sich der stille Film zur Studie einer umfassenden Entfremdung.
film-dienst

Florian Hoffmeisters intensives Generationenporträt, in Locarno mit dem Silbernen Leoparden ausgezeichnet, stürzt den Zuschauer in Melancholie. Vor allem für die Anfang bis Mitte Dreißigjährigen ist sein Film alles andere als Selbsthilfekino. Die Angst vorm engen Zuhause, die Flüchtigkeit von Bindungen, die Distanz zum Lebensentwurf der Eltern – für alles findet Hoffmeister hochsymbolische Schauplätze und Rquisiten.
Wer sich so genaue Gedanken macht, wer so präzise inszeniert, wer so überzeugend und ökonomisch mit dem Darstellerensemble arbeitet, braucht den Vergleich mit dem Kino von Christian Petzold nicht zu scheuen. Wenn nicht alles täuscht, hat sich der Berliner dffb-Absolvent Florian Hoffmeister bereits mit seinem Debüt erfolgreich um die Aufnahme in die „Berliner Schule“ beworben. Und das heißt auch: Der Film „Drei Grad kälter“ mag kühles Kino sein – kalt lässt er nicht.
Tagesspiegel Berlin

Florian Hoffmeister ist mit “3° kälter” ein stimmungsvolles Spielfilmdebüt und ein liebevoller Blick in die deutsche Provinz gelungen, vor allem dank hervorragender Schauspieler.
Frankfurter Rundschau

 

FILMKRITIK:

Eine Erklärung für sein Verschwinden gibt er jedoch auch nach seiner Rückkehr nicht ab. Dass er den Weg nach Nürnberg, ins Haus der Eltern und zu seinen früheren Freunden wieder gefunden hat, daran ist ein Brief seiner damaligen Freundin Marie (Bibiana Beglau) nicht ganz unschuldig. Obwohl inzwischen mit Frank (Johann von Bülow) verheiratet, hat sie Jan nach wie vor nicht aus ihrem Herzen verbannt. Genau dies schreibt sie ihm, schickt die Zeilen jedoch nicht ab, sondern wirft sie in den Papierkorb. Passagen aus diesem Brief zitiert Marie schon zu Beginn des Films aus dem Off – da aber ist die Verbindung zum Brief noch nicht klar. Frank entdeckt die weggeworfenen Zeilen und schickt sie an Jan – vielleicht aus Wiedergutmachungsgründen oder einem Schuldgefühl heraus, denn als die Freunde Jan damals an der spanischen Küste suchten, sah er ihn, verschwieg seine Entdeckung den anderen gegenüber aber. Woher die Adresse des Vermissten stammt, bleibt indes ein weiteres Rätsel dieses Dramas.

Die Ausgangssituation, über Menschen zu erzählen, denen das Verschwinden einer ihnen nahestehenden Person zu schaffen macht, sie ist plausibel. Auch Christian Petzold hatte sich in seinem letzten Film „Gespenster“ mit der Figur jener Mutter, die in der von Julia Hummer gespielten jungen Frau ihre einst gekidnappte Tochter sah, Gedanken gemacht. Dass der Alltag trotz aller noch so quälender Fragen weiter gehen muss, darin besteht für die schicksalsgeprüften Menschen die Herausforderung. Wie sie damit umgehen, darüber aber schweigt sich „3° kälter“ aus. Ok, Jans vom Tablettenkonsum gezeichnete Mutter tut so, als sei nun alles wieder beim alten, der Vater ist um eine Wiedervereinigung der Familie bemüht. Doch nichts deutet darauf hin, dass die Verhältnisse nicht auch schon vor Jans Verschwinden so gewesen sein könnten.

Florian Hoffmeister, ehemals Student für Kamera und Regie an der DFFB in Berlin, hat das Schweigen zum Prinzip seines metaphysischen Films erklärt. Problematisch dabei ist, dass er dem Zuschauer seine Figuren damit nicht näher bringt. Sie bleiben kühl, was jedoch kein Hinweis auf den Titel ist. Dieser erklärt sich aus einem lapidar geäußerten Gedanken zwischen dem noch am offensten seine Gefühle äußernden Steini (Alexander Beyer) und Jan: „Wusstest Du, dass es am Bahndamm immer drei Grad kälter ist?“, fragt Jan in einer jener zahlreichen Szenen, in denen ein Bahnübergang ins Bild kommt – vielleicht ein Symbol dafür, wie Schranken die Wege der Menschen zueinander öffnen oder unterbrechen können. Dass Marie und Jan hier mal mit ihrem Roller liegen bleiben und schieben müssen, mag man als Zeichen für ihre doch nicht reibungslos verlaufende Beziehung gelten. Doch wie gesagt: als Zuschauer stellt man sich viel zu viele Fragen, und das ist auf Dauer in diesem mit melancholischen Einstellungen in einer grauen, kalten und regnerischen Umgebung gestalteten Film dann doch etwas ermüdend.

Thomas Volkmann