3100 Meilen: Laufen für die Seele

Es hört sich wie eine Tortur an: 3100 Meilen, fast 5000 Kilometer laufen, nicht etwa in der Natur, sondern um einen trostlosen Block in New York. Warum Menschen sich das antun ergründet Sanjay Raval in seiner Dokumentation „3100 Meilen: Laufen für die Seele“, die Laufen als transzendentalen Moment zeigt.

Website: https://mindjazz-pictures.de/filme/3100-meilen-laufen-fuer-die-seele/

OT: 3100: Run and Become
USA 2018 – Dokumentation
Regie: Sanjay Raval
Länge: 80 Minuten
Verleih: mindjazz
Kinostart 14. Mai 2020 verändert auf DVD-VoD-Start 29.5.2020

FILMKRITIK:

Natürlich New York. Wo sonst als in der Metropole, die niemals schläft, dem nach eigener Definition Zentrum des Universums könnte ein Rennen über 3100 Meilen, was exakt 4989 Kilometer entspricht, sonst stattfinden? Ins Leben gerufen wurde dieses Rennen 1996 vom indischen Meditationslehrer Sri Chimnoy, der Mitte der 60er Jahre nach Amerika zog. War das Rennen im ersten Jahr „nur“ 2700 Meilen lang, erhöhte Chimnoy die Distanz ab dem folgenden Jahr auf die 3100 Meilen, an denen sich seitdem einige wenige Männer und Frauen abmühen.

Einige Bedingungen sind dabei zu erfüllen: Die Distanz muss in 52 Tagen bewältigt werden, ein Schnitt von 60 Meilen pro Tag muss eingehalten werden. Dass das Rennen auch noch im Sommer stattfindet, wo die Temperaturen in den Asphalt-Schluchten New Yorks durchaus 40 Grad erreichen können, macht es nicht einfacher.

Bei der Ausgabe 2015 hatte der finnische Zeitungsausträger Ashprihanal Aalto den Rekord gebrochen und die Strecke in 40 Tagen und neuen Stunden bewältigt, für einen sensationellen Schnitt von 76,776 Meilen pro Tag! Was treibt diesen Mann nun an, sich Jahr für Jahr die Zeit zu nehmen, um im New Yorker Sommer um den Block zu laufen, tage-, wochenlang? Die Antwort auf diese Farge ist vielschichtig und im vollen Namen des Rennes zu erahnen: Self-Transcendence 3100 Mile Race. Ein Akt der Selbstüberwindung ist das Rennen, ein Versuch, Grenzen zu überschreiten, eine Form der Meditation.

Um diesen Aspekt genauer zu untersuchen, verlässt Sanjay Raval in seiner Dokumentation immer wieder New York und die Läufer und zeigt drei andere Formen des Laufens als spiritueller Moment. Sowohl beim Volk der Navajo im Süden der USA, als auch bei den San im südafrikanischen Staat Botswana ist das Laufen untrennbar mit den Traditionen, aber auch dem Überleben verbunden. Mitglieder der San folgen Wildtieren oft dutzende Kilometer durch die Steppe, versuchen die Tiere müde zu machen, um sie mit Speeren erlegen zu können. Eine Tradition, aber auch ein Ritual, das von der Regierung des Landes immer mehr eingedämmt wird.

Während das Laufen bei den San auch essentieller Teil des Überlebens war, hat es bei den Mönchen am Berg Hiai in Japan rein spirituelle Gründe. Hier findet ein Ritual namens Kaihōgyō statt, bei dem Mönche 1000 Tage lang den heiligen Berg umkreisen. Zwar nicht 1000 Tage am Stück, sondern auf sieben Jahre verteilt, dennoch eine solch extreme Form der Pilgerreise, das der Berg von Gräbern von Mönchen gesäumt ist, die der Anstrengung erlagen.

So weit kommt es in New York zwar nicht, doch mehr als eine handvoll Läufer nehmen nicht am 3100 Meilen Lauf teil, überstanden haben ihn im Lauf der Jahre insgesamt auch nur gut 50 Personen. Ums Gewinnen geht es hier jedoch nicht, allein das Überwinden körperlicher und seelischer Schmerzen steht im Mittelpunkt oder, um es auf den Punkt zu bringen: Der Weg ist das Ziel, wie Raval in seiner sehenswerten Dokumentation zeigt.

Michael Meyns